Wo bei Repin aus Talenten Künstler werden – Wyschni Wolotschok (2)

Hier, genau hier soll einst Ilja Repin selbst auf dem Tisch getanzt haben, erzählt man sich hinter vorgehaltener Hand. Ganz zu schweigen von seinen hochrangigen Gästen aus Politik und Kultur. Aber auch eben genau hier sind Generationen russischer Künstler zu dem geworden, was sie sind – ein wichtiger Träger von Stil, Kultur und Identität. Die großen Museen sind voll von Bildern, die in diesem kleinen, abgelegenen Örtchen entstanden. 

Teil 2 der neuen Rerusco-Serie.

Akademisches Repin-Gartenhaus

Akademisches Repin-Gartenhaus

„Das ist für einen Landschaftsmaler doch das gelobte Land! Das ist doch Russland selbst – all ihre Seele, alles Schmuck… Das ist wie ein Lied!“, soll einst Ilja Repin über dieses Fleckchen Erde gesagt haben. Und davon können sich die Besucher, vorrangig beginnende und gestandene Maler und Künstler, bis heute überzeugen: Die Landschaft, etwa 20 Kilometer außerhalb von Wyschni Wolotschok, ist schlicht malerisch: Seen, Wald, Hügel, kleine Dörfer – was braucht es mehr für so ein typisch russisches Gemälde?

Aber die Geschichte der „Akademitschka“ beginnt schon früher. 2014 feierte sie 130. Jubiläum. Eröffnet wurde sie im Juli 1884 für Studenten der Kunstakademie der Imperatoren.

Der See Mstino findet sich vielfach in der russischen (Kunst-)Geschichte wieder. Selbst Zarin Katharina II. soll hier einmal Rast gemacht haben. An einem Ufer lebte der Unternehmer und Kunstliebhaber Kokorew, der 1862 bereits die erste Kunstgalerie Moskaus eröffnet hatte. Unter seinen vielen Künstler-Gästen war regelmäßig auch Ilja Repin. Und so entstand zwischen Maler und Mäzen die Idee einer Kunststudenten-Datscha. Zunächst gab es nur die rote Villa. Der achteckige Pavillon wurde nach einem Jahr zum Besuch des Präsidenten der Kunstakademie, Fürst Wladimir, und seine Frau hinzu gebaut.

Etüde "Auf der Akademie-Datsche", Ilja Repin / welcometver.ru

Etüde „Auf der Akademie-Datsche“, Ilja Repin / welcometver.ru

Auf diesem malerischen Fleckchen Erde schufen eine ganze Reihe bedeutender russischer Künstler die Klassiker, die heute das Russische Museum oder die Eremitage in St. Petersburg sowie die Tretjakow-Galerie in Moskau schmücken.

Einige Beispiele:

Isaak Brodskij (1884 bis 1939):

Isaak Brodskij: Spät auf der Datsche / wikicommons

Isaak Brodskij: Spät auf der Datsche / wikicommons

Archip Kundschi (1841 bis 1910) mit seinen Schülern Konstantin Bogajewskij (1872 bis 1943) und Nicholas Roerich (1874 bis 1947).

Oder auch Nikolaj Timkow im 20. Jahrhundert (1912 bis 1993):

Nikolaj Timkow: Akademie-Datscha - im Heimatkundemuseum Wyschni Wolotschok

Nikolaj Timkow: Akademie-Datscha – im Heimatkundemuseum Wyschni Wolotschok

Zu Sowjetzeiten entstand auf dem Areal zunächst ein Pionierlager. Dann kehrte die Kunst zurück und der Künstlerverband bekam neue Bungalows mit Werkstätten. Schlicht und einfach ausgestattet. Aber was braucht es denn, wenn die Natur vorm Fenster beginnt? Wasser, Hügel, Wald, Birken, Pilze, Moos. Kurz: Russland.

Als Repin früher selbst zu Besuch kam, ließ er sich im oberen kleinen Zimmer des Hauptgebäudes nieder. Gemalt jedoch – und diese Tradition hat sich weitreichend bis heute gehalten – wurde vornehmlich an der frischen Luft. Profis und Lehrlinge saßen und sitzen noch heute an ihren Staffeleien auf dem gesamten Gelände verteilt, skizzieren, zeichnen, malen und können dabei voneinander lernen.

Heute befindet sich in den Räumen des roten Hauptgebäudes ein Museum. Im gegenüber liegenden gelben „Gartenhäuschen“ finden oft Veranstaltungen statt. Eine Museumsmitarbeiterin erzählt, dass zu Zeiten und anlässlich eines Besuchs Repins einmal so ausgelassen hier gefeiert worden sei, dass der angesehene Maler letztlich halbnackt auf dem Tisch gestanden und gesungen hätte. Mit dieser Aktion habe er fast seine Anstellung und Reputation riskiert.

Bis heute blieb die Akademitschka ihrem Profil treu: Sie gilt als eine der beliebtesten Einrichtungen der russischen Künstlerverbandes. Und mit etwas Glück kann man auch als „Normalsterblicher“ hinein geraten in die Künstlerwelt: Nehmt für diesen Fall Pinsel und Staffelei oder wenigstens die Kamera mit.

Wenn es im Herbst frisch wird, kann der geneigte Besucher warme Stiefel gebrauchen. Wie wäre es mit handgefertigten Walenki? Und im Repin-Museum sind besondere Vasen aufgefallen – sowjetischer Mode, mit der Aufschrift „Krasnyj Maj“ („Roter Mai“). Glas, welches auch den Moskauer Kreml-Türmen mit Sternen besetzte…

Aber dazu mehr im nächsten Teil: Wo die Füße gewärmt und Kreml-Sterne geschliffen wurden – Wyschni Wolotschok (3).

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