Im Venedig Russlands – Wyschni Wolotschok (1)

Eine Kleinstadt – eigentlich günstig gelegen an der Hauptverkehrsstrasse zwischen Moskau und St. Petersburg. Eine Kleinstadt – eigentlich hübsch anzusehen auf zahlreichen Kanälen und Wasserwegen, wie man es von Venedig kennt. Und doch ein eher unbekanntes Kleinod mit einer Vielzahl kultureller und europäischer Bezüge, klassischer russischer Tradition und modernen Projektideen.

Teil 1 der neuen Rerusco-Serie.

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Im Zentrum von Wyschni Wolotschok steht – bzw. fließt – vor allem das Wasser.

Mal als „Kleines Venedig Russlands“, mal als „Kleines St. Petersburg bezeichnet, kommt kein Spaziergang hier ohne Brücken aus. Insgesamt gibt es in dem kleinen Ort über 40 – auf einer Fläche von etwa 55 Quadratkilometern und rund 50.000 Einwohnern.

Lange blieb der Ort eine von vielen, eher unbedeutenden Siedlungen. Bis im 18. Jahrhundert mit dem Ausbau des Kanalsystems, welches seitdem die Wolga mit St. Petersburg verbindet, der Warenhandel und damit ein gewisser Reichtum in die Stadt kamen. Bis heute ist das Stadtbild geprägt von kleinen Kaufmannshäusern – aus Stein gebaut und reich verziert.

Der Baubefehl für das Kanalsystem kam im Januar 1703 von Peter dem Großen. Sechs Jahre wurde gebaut, 1709 wurde der erste Kanal, der letztendlich eben Wolga und die Nördliche Hauptstadt per Wasserweg verbinden sollte, eingeweiht. Aber so einfach war es dann doch nicht. In der Arbeit des holländischen Baumeisters tauchten Fehlkonstruktionen auf, sodass teilweise zu wenig bis gar kein Wasser floss. Keiner der herbeigerufenen Experten aus der „Alten Welt“ konnten helfen. Erst der russische Landsmann Michail Serdjukow – heute verewigt vor dem Bahnhofsgebäude mit Peter dem Großen – konnte helfen: Er ergänzte das bestehende System um eine Talsperre, die die Stadt stets mit der richtigen Menge Wasser versorgte. Die neue Wasserstraße war fertig und blieb etwa eineinhalb Jahrhunderte die einzige Verkehrsader zwischen der Stadt Peters des Großen und der bis in den Süden Russland reichenden Wolga.

Heute ist das Wasserlabyrinth vor allem auch beliebt bei Kanuten und Paddlern.

Und einmal, im Jahr 2010, da war Wyschni Wolotschok sogar auf der 12. Venezianischen Architektur-Biennale dabei: Mit dem Projekt „Fabrik Russland“ haben damals junge Architekten aus St. Petersburg einen Plan zur Wiederbelebung leerstehender Industrieflächen erarbeitet – eben an der Wasserstadt Wyschni Wolotschok. Die Pläne und Grafiken können noch immer im Heimatkundemuseum betrachtet werden, in einem Panorama-Raum bekommt man gar einen realitätsnahen Eindruck von dem geplanten hippen Loft-Projekt in der kleinstädtischen Provinz.

Aber ach, wie es immer so ist und besonders in mittlerweile wirtschaftlich relativ unbedeutenden Orten, es fehlte das liebe Geld und die Pläne blieben Pläne. Eine Hoffnung könnte der aufkommende und staatlich geförderte Binnentourismus werden. Aber auch hier wird Wyschni Wolotschok nicht ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Schade eigentlich, denn auch in der Umgebung gibt es noch einige Schönheiten zu entdecken.

Aber dazu mehr im nächsten Teil: Wo bei Repin aus Talenten Künstler werden – Wyschni Wolotschok (2).

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2 Gedanken zu „Im Venedig Russlands – Wyschni Wolotschok (1)

  1. Pingback: Wo bei Repin aus Talenten Künstler werden – Wyschni Wolotschok (2) | Rerum Russiae Commentarii

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