Heiraten auf Altaisch

Das wichtigste in der altaischen Gesellschaft ist die Familie und für den Ablauf einer Hochzeit gab es früher deshalb sehr genaue Vorschriften. Heute sieht man das insgesamt zwar weniger streng, aber viele Traditionen haben sich dennoch bewahrt. Der vierte Teil unserer Reihe zum Altai.

(Teil 1: Altai – Pipeline oder Paradies?; Teil 2: Geschichten entlang des Tschuiski Trakt; Teil 3: Ein Hirsch und die Kräfte der Natur)

Die jungen Leute wählen ihre Partner selbst aus. Dann lernen sie zunächst die Eltern des Partners kennen und machen die Eltern miteinander bekannt – wie in vielen anderen Kulturen. Bei diesem Kennenlernen werden die Daten der Hochzeiten festgelegt, denn im Altai finden normalerweise zwei Hochzeiten statt: die erste im Haus des Bräutigams – Toi (alt. Той) – und die zweite bei der Braut – Belkentschek (alt. Белкенчек).

Die Eltern des Bräutigams bekommen außerdem eine Liste mit den Namen der Verwandten der Braut, die sie vor der Hochzeit besuchen müssen, um sie näher kennenzulernen. Diese Verwandten können bei dem Bräutigam etwas bestellen, was man auf Altaisch „Schaalta“ (Шаалта) nennt. Das sind in der Regel verschiedene Süßigkeiten, Tee und Alkohol, die sie dann später während der Belkentschek bekommen.

Die Verwandten des Bräutigams bringen Belkentschek

Die Verwandten des Bräutigams bringen Belkentschek

Toi findet also zuerst statt: Die Braut ist in ein traditionelles Kleid gekleidet und begibt sich unter dem  Köschögö (alt. кöжöгö) – einem an Birkenzweigen festgebundenem weißen Vorhang, in dessen obere Ecken seidene Fäden und Glückssymbole eingenäht sind – vom benachbarten Haus zum Ajyl (alt. айыл) der Eltern des Bräutigams. Das Ajyl ist die traditionelle Behausung der Altaier, die heutzutage nur noch von Frühling bis Herbst bewohnt wird.

Die Braut sitzt unter der Köschögö

Die Braut sitzt unter der Köschögö

Die Braut tritt in das Ajyl ein und nimmt dem Eingang gegenüber Platz. Zwei Tanten, die jeweils in einer glücklichen Ehe leben und von denen eine zur Familie der Braut, die andere zur Familie des Bräutigams gehört, teilen die Haare der Braut exakt in der Mitte in zwei gleiche Teile auf und flechten ihr zwei Zöpfe. Das symbolisiert den Übergang von einer ledigen zu einer verheirateten Frau. Gleichzeitig gießt der Bräutigam Milch mit zerlassener Butter in den Otschok (alt. очок), der Feuerstelle in der Mitte des Ajyls. Je höher das Feuer steigt, desto glücklicher wird das Leben der jungen Brautleute.

Danach bewirtet die Braut als Ehefrau die Gäste mit Tee und die Verwandten sprechen Segensworte und Wünsche. Das ist der Beginn eines großen Fests. Es wird viel gegessen, denn „toi“ heißt auch satt und man sagt, dass man von einer Toi immer satt zurückkehrt. Zudem ist interessant, dass die Mutter der Braut dabei nicht anwesend sein sollte, um das Glück der Tochter nicht zu stören.

Die Braut trinkt zum ersten Mal Tee als Ehefrau

Die Braut trinkt zum ersten
Mal Tee als Ehefrau

Belkentschek findet im Haus der Braut, an einem anderen Tag statt. Warum nennt man das Fest „Belkentschek“? Das wichtigste Ereignis auf diesem Fest ist der Verzehr des Beckenfleischs (hierzu gehören Keule und Haxe) eines Schafbocks, was auf Altaisch „Belkentschek“ heißt. Dort erhalten die Verwandten der Braut, was sie noch während des ersten Treffens beim Bräutigam bestellt haben.

Zunächst werden die Gäste bewirtet und anschließend „kaufen“ die Verwandten und Bekannten des Bräutigams die Mitgift. Dabei können die Verwandten der Braut den „Preis“ bestimmen. Dieser besteht traditionell in lustigen Aufgaben: Die Seite des Bräutigams muss zum Beispiel Tiere nachmachen, Lambada tanzen oder bestimmte Szenen nachspielen. Eine besondere Rolle hat dabei der Neffe der Braut. Er trägt deren Kleidung, die als Mitgift an das Brautpaar gehen soll. Dafür müssen sich aber die Verwandten des Bräutigams erstmal anstrengen und die Aufgaben erfüllen.

Auf altaischen Hochzeiten trifft man also noch bis heute auf viele traditionelle Elemente, auch, wenn sie sich natürlich mit anderen Traditionen vermischt haben.

Die Eheleute hören die Segensworte

Die Eheleute hören die Segensworte


Dieser Gastbeitrag von Dinara Kanarina entstammt dem Projekt „Entdeckungsreise auf Sibirisch – Tomsk und Altai“ und wurde mit freundlicher Genehmigung der Redaktion des Projekts auf Rerusco erneut veröffentlicht.

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