Ein Hirsch und die Kräfte der Natur

Der Maral-Hirsch steht wie kaum ein anderes Tier symbolhaft für den Altai und seine Natur. In den vergangenen Jahrzehnten wurde er in dieser Hinsicht auch zu einer regelrechten Marke für kosmetische und Gesundheitsprodukte – basierend auf der Vorstellung von den heilsamen Kräfte seines Geweihs. Teil 3 unserer Beitrags-Reihe zum Altai.

(Teil 1: Altai – Pipeline oder Paradies?; Teil 2: Geschichten entlang des Tschuiski Trakt)

Seit den Zeiten der Skythen ist der Maral eines der bedeutendsten Tiere in der Kultur der Bevölkerung(en) des Altai. Zahlreiche Petroglyphen in der gesamten Region zeugen davon. Nicht nur als wichtiges Jagdtier ist der Maral hier abgebildet, sondern auch als mythologisches Wesen. Laut einer altaischen Legende etwa heißt es, dass sich die lebensspendende Sonne auf das gewaltige Geweih eines Marals gestützt über den Himmel bewegt. Nicht selten werden die Verzweigungen des Geweihs auf den Felszeichnungen selbst als Strahlen der Sonne dargestellt.

Petroglyphe in der Umgebung des Dorfes Kjus im Tschemalskij Rajon der Republik Altai. Quelle: www.gornaya-apteka.com

In gewisser Weise hat sich die Vorstellung vom Maral als Träger des Lebens oder zumindest der Lebenskraft, vor allem in Bezug auf seine Geweih, bis heute erhalten und das Tier sich in den letzten Jahrzehnten als regelrechtes Markenprodukt der besonderen Art etabliert.

In der Sowjetunion wurde Pantokrin, ein aus dem Bastgeweih oder Panten (also dem noch nicht verknöchertem Geweih) hergestelltes Extrakt, offiziell als Pharmazeutikum anerkannt. Auf seiner Grundlage werden eine Vielzahl an medizinischen Präparaten, Nahrungsmittelergänzungen und kosmetischen Produkten angefertigt – Luxusprodukte für den russischen Markt. Demgegenüber sehr viel bedeutender aber ist der Export von Geweihen als Rohstoff für ähnliche Zweck nach Ost- und Südostasien.

Maralfarmen im Altai

Ungefähr 56.000 Zuchttiere gibt es heute auf Maralfarmen in der Republik Altai und noch einmal etwa 28.000 in der benachbarten Region Altai (altaiski krai). Über 30 Tonnen Bastgeweih werden hier jährlich als Rohstoff „gewonnen“.

Eine dieser Farmen, die meist zugleich auch touristische Basen mit entsprechender Infrastruktur darstellen, befindet sich beim kleinen Dorf Topolnoe ganz im Südosten der Region Altai, nur wenige Meter von der Grenze zur Republik Altai gelegen. Anna, die Verwalterin des Komplexes, führt uns über die Anlage.

„Etwa 1000 Tiere haben wir hier“, erklärt sie. „In regelmäßigen Abständen treiben wir sie zusammen, um sie zu untersuchen. Ansonsten aber bewegen sie sich frei auf dem Gelände.“ Insgesamt 3000 Hektar groß ist das Areal, auf dem die Marale hier umherschweifen können.

Gerade wurde eine Herde in das Gehege getrieben. Verschreckt drücken sich die Tiere auf der anderen Seite zusammen als wir uns nähern. Sie wirken nervös, schauen sich um. Blicken in unsere Richtung, drehen sich im Kreis. „Zu dieser Jahreszeit haben sie Angst“, bemerkt Anna. „Sie spüren bereits, sie wissen, dass ihnen bald die Geweihe abgeschnitten werden“, ist sie sich sicher. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Marale ohnehin sehr scheue Tiere sind. In freier Wildbahn würde man ihnen nur mit großem Glück begegnen.

Noch sind die Geweihe der Marale zu kurz, erst im Juni ist Bearbeitungszeit, wie das genannt wird. Ob es denn nicht schmerzhaft sei, wollen wir wissen. „Im Grunde nur, wie ein Schnitt in den Finger“, versichert uns Anna. Irgendwie schwer vorstellbar. Immerhin bleibt es ja nicht bei einem einzigen Schnitt und die Prozedur, während derer die Tiere zwischen zwei Holzblöcken festgeklemmt werden, findet ohne Betäubung statt.

„Wir verkaufen die Geweihe als Rohstoff vor allem nach China und Korea“, erklärt Anna. „Dort ist die Nachfrage sehr groß.“ Tatsächlich stellen beide Länder, in denen ähnliche Produkte seit mehr als 2000 Jahren zur traditionellen Medizin gehören, die größten Käufer von Panten weltweit dar.

Pantokrin wird in China aufgrund der darin enthaltenen Vitamine, Hormone und Mineralien als eines der stärksten Tonika betrachtet. Unter anderem wird es verwendet zur Stärkung der Immunität, bei der Wundheilung, gegen Hautleiden und Geschwüre, zur Blutreinigung, gegen Atherosklerose und bei Stoffwechselstörungen. Aber auch als angebliches Potenzmittel sind die Panten in Ost- und Südostasien sehr begehrt.

Erneuerung durch die Kräfte der Natur

„Im innerrussischen Markt allerdings“, so erzählt Anna weiter, „funktioniert das Geschäft hingegen eher schlecht.“ Dennoch finden sich in Drogerien und Apotheken überall im Gebiet Altai immer auch als besondere Naturprodukte gepriesene Erzeugnisse auf Pantokrin-Basis: alkoholische und nicht-alkoholische Balsame, Badezusätze, Hautcremes, Tees.

„Ihr müsst im Sommer wiederkommen“, rät uns auch Anna, „dann könnt ihr hier direkt in Holzfässern Panten-Bäder nehmen. Die sind sehr gesund.“ Für viele Touristen gehört das zum erholsamen Naturerlebnis Altai einfach dazu. Die Bäder werden zubereitet aus einem Sud aus frischen Panten unter Hinzugabe verschiedenster Kräuter. Auch in Moskau kann man mittlerweile Schönheitssalons finden, die entsprechende Kuren anbieten: Die betörenden Kräfte des Altai sind noch nie so nah gewesen.

Aber nicht nur die Panten selbst sind begehrt, ebenso ist es das Blut, dass die Tiere beim Absägen der Geweihe verlieren. Auch ihm wurden von den Altaiern selbst bereits lange vor der modernen Vermarktung heilsame, die Lebenskräfte erneuernde Wirkungen zugeschrieben. Ganz besonders, wenn man es trinkt, solange es noch warm ist. Heute kann man Maralblut aber auch abgefüllt in Flaschen kaufen, die in den Apotheken im Kühlschrank gelagert werden. Blut als ein zeitloses Symbol des Lebens.

Gerade dieser Aspekt eines effektiven und natürlichen Mittels gegen das Älterwerden scheint eine der grundlegenden Vermarktungsstrategien im innerrussischen Markt zu sein. Die Erneuerung des Lebens durch die heilsamen Kräfte der Natur. Von der starken Energetik der Natur ist dabei mitunter die Rede und davon, dass eine Person, die regelmäßig Pantokrin verwendet, auch äußerlich für gewöhnlich jünger aussieht, als sie eigentlich ist.

Auf den Verpackungen der entsprechenden Produkte ist fast immer ein Maral abgebildet, nicht selten auch vor einer stilisierten Sonne oder Sonnenstrahlen. Der Maral als Träger der Lebenskraft – von den Petroglyphen der Frühgeschichte in die Vitrinen des 21. Jahrhunderts.

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3 Gedanken zu „Ein Hirsch und die Kräfte der Natur

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