Geschichten entlang des Tschuiski Trakt

Die Fernvеrkehrstraße R256, besser bekannt als Tschuiski Trakt, führt als einzige asphaltierte Straße quer durch die gesamte Republik Altai bis zum Dorf Taschanta an der mongolischen Grenze. Entlang ihrer 630 km entfaltet sich ein breites Panorama der Geschichte und Gegenwart der Region. Eine Reise in Stationen. Teil 2 unserer Beitragsreihe über den Altai.

(Teil 1: Altai – Pipeline oder Paradies?; Teil 3: Ein Hirsch und die Kräfte der Natur)

An der Stelle der heutigen Asphaltstraße verlief lange Zeit ein Pfad, der seit dem Altertum von Händlern und Kriegern benutzt wurde. Erst im Jahr 1901 hat der Bau des Tschuiski Trakts begonnen, der die Karawanenwege ersetzte. Die Breite der Straße wurde auf fünf Meter berechnet und in den Bereichen der Boms, der hohen, steilen Felswände um ein Flussbett oder eine Straße herum, auf dreieinhalb Meter.

Die erste Straße wurde ausschließlich von den ansässigen Bauern gebaut. So wurde aus dem engen Pfad in den Jahren 1902 bis 1903 ein Reitweg, der auch für kleine Verkehrsmittel geeignet war. In den 1920er Jahren war der Weg aber bereits einem schlechten Zustand, da er zehn Jahre lang nicht repariert wurde. Erst im Jahr 1930 ebnete man den Trakt ein und bedeckte ihn mit Kies. Zudem wurden Brücken, insbesondere die Brücke von Inja, erbaut und einige Gefahrenbereiche in der Nähe der Boms abgesichert.

Am 1. Januar 1935 wurde der neue Tschuiski Trakt in Auftrag gegeben. Alle Bauarbeiten, die vor dem Krieg stattfanden, erledigten Bewohner aus den umliegenden Dörfern und Gefangene – unter anderem politisch Verfolgte. Es ist die Zeit der stalinistischen Säuberungen. In Abständen von 15 bis 20 Kilometern wurden Arbeitslager entlang des Trakts errichtet: die Gefangenen arbeiteten unter schwersten Bedingungen, ohne ausreichende Verpflegung und unter strengen klimatischen Bedingungen, mit einfachem Werkzeug wie Pickel, Brecheisen, Schubkarre und Schaufel.

Die letzten großen Erweiterungsbauten fanden Mitte der 1980er Jahre statt. Insgesamt beträgt die Länge des Traktes, von der Stadt Bijsk bis zur mongolischen Grenze, ca. 630 km.

Unsere eigene Entdeckung des Altais fing in der Stadt Gorno-Altaisk an, der Hauptstadt und einzigen Stadt in der Republik, und endete im Dorf Schana-Aul, das nahe des Grenzorts Taschanta liegt. Die Strecke betrug 507 km – wir haben dafür drei volle Tage gebraucht. Die Stationen, die wir entlang dieses Weges gemacht haben, führten uns quer durch Geschichte und Gegenwart der Republik.

Manscherok

Einer unserer ersten Stops lag am 469. Kilometer des Trakts, wo in einem Kiefernwald am Ufer des Katun das Erholungszentrum „Manscherok“ liegt. Hier konnten wir mit Ivan, dem Gründer und Manager des Komplexes, über diesen Ort und den Tourismus im Altai sprechen.

Seit den 1990er Jahren entwickelt sich der Tourismus in der Republik Altai sehr schnell. Er bringt Arbeitsplätze, trägt einen großen Teil zum Einkommen vieler Menschen bei und ist einer der wichtigsten Gründe für die Entwicklung von Unternehmertum in der Republik.

Im Gespräch mit Ivan wurde deutlich, dass für ihn „Manscherok“ nicht nur ein Business, sondern sein Lebenswerk ist, mit dem auch seine ganze Familie verbunden ist. Es war eine angenehme Überraschung über die Ausrichtung des Komplexes folgendes zu hören: „Wir interessieren uns nicht für VIP Gäste. Es ist angenehmer für uns mit der Mittelklasse zu arbeiten: Lehrer, Ärzte und so weiter.“

Die Preise in dem Komplex sind so günstig, dass man gut auch für längere Zeit bleiben kann. Neben den vielen Familien, die im Zentrum Urlaub machen, haben wir ein junges Paar bemerkt. Sie haben in ihrem eigenen Zelt im Bereich des Komplexes gewohnt und einen kleinen Handwerkermarkt organisiert.

Das Dorf Myjuta

Der Hauptzweck unseres Besuchs im Dorf Myjuta war die Recherche über die Geschichte des Baus des Tschuiski Trakt, genauer über das Frauenlager, das sich in den frühen 1930er Jahren vor dem Dorf befand.

Wir haben in Myjuta zuerst an der Schule gehalten, wo uns sofort Kinder begrüßten. Alle waren gut gelaunt und gastfreundlich. Sie haben uns mit ihren Lehrerinnen bekannt gemacht. Wir haben uns mit ihnen unterhalten und sie haben sehr viel von ihrem Heimatort erzählt, das im Jahre 1826 gegründet wurde und einer der ältesten in der Republik Altai ist. Über das Lager wussten sie allerdings wenig und das gaben sie erst nach mehrfachem Nachfragen preis.

Als in den 1930er Jahren die sowjetischen Machthaber in der Region aktiv wurden, wurde in dem Dorf ein Arbeitslager für Frauen errichtet. Dort arbeiteten etwa 300-400 Frauen, die aus verschiedenen Gründen dorthin geschickt worden sind.

W.N. Schipilov (1953-1997), ein Heimatforscher, Schriftsteller und Historiker aus Bijsk, der sich ausführlich mit der Baugeschichte des Trakts beschäftigt hat, führt in einem seiner Artikel einen Zeitzeugen an:

„Die Frauen haben den Trakt gebaut. Es kam vor, dass wir ganz langsam an ihnen vorbeigefahren sind und vorsichtig abgebremst haben. Anzuhalten war uns strengstens verboten. Wir haben diese Frauen gesehen: jung, schön, müde, dünn. Im diesem Alter sollen sie Kinder auf die Welt bringen, aber sie arbeiten hier.“

Wir haben in Myjuta auch mit einer Frau gesprochen, die als Küsterin in der Kirche des Ortes arbeitet. Sie hat von ihrer Mutter, Olga Dmitriewna Zhigalina, erfahren, unter welchen Bedingungen die gefangenen Frauen gelebt und gearbeitet haben:

„Es war im Winter, im Januar. Draußen war es -35 Grad. Die Frauen wurden den ganzen Tag bewacht. Sie haben den ganzen Tag Steine getragen – ohne Pause und Essen. Wenn jemand fliehen wollte, ließen die Wächter die Hunde los. Meine Mutter hat mit anderen Kindern auf dem Weg zur Schule Brot über den Zaun geworfen. Sie wurden nicht so streng bestraft, weil sie noch Kinder waren. Sie hatte immer Mitleid, wenn sie die Frauen gesehen hat. Einige wurden aus weit entfernten Orten hierher geschickt, sie sind Tausende Kilometer zu Fuß gegangen. Schon durch diesen Weg waren sie ausgemergelt und dünn geworden.“

Heute erinnert in Myjuta nichts mehr an das Lager – außer dem Stacheldrahtzaun, der den Bauernhof umgibt, der heute dort steht, wo früher die Frauen gewohnt und gearbeitet haben.

Das Dorf Schebalino

Die Geschichte des Dorfes Schebalino ist nicht nur deshalb interessant, weil es die älteste Zwischenstation auf dem Handelsweg in die Mongolei und nach China war, sondern auch, weil die Bewohner des Dorfes zu Anfang des 20. Jahrhunderts sehr aktiv an der Revolution und dem Bürgerkrieg beteiligt gewesen sind.

Als wir das Museum des Dorfes erreichten, war es geschlossen. Glücklicherweise bemerkte uns ein Mann. Als er erfuhr, dass wir das Museum besuchen wollten, sagte er: „Wartet hier fünf Minuten. Ich bin sofort wieder da.“ Nach einer Weile kam er mit einer Frau wieder, der Museumsführerin und Kuratorin des Museums.

Die interessantesten Exponate hier sind archäologische Funde aus der Region und echtes altes, kegelförmiges Ajyl, die traditionelle Behausung der Altaier.

(Ethno)Nationalpark Ütsch-Engmek

Für einen Abend unserer Reise haben wir beschlossen, im (Ethno)Nationalpark Ütsch-Engmek zu übernachten. Als wir abends alle um das Lagerfeuer herumsaßen und Tee tranken, kam uns der Leiter des Parks, Danil Iwanowitsch, besuchen. Wir haben unseren Gast auf einen Tee eingeladen und er hat uns währenddessen über die Ideen hinter dem Park erzählt. Dahinter stehen Begriffe wie geistige Umwelt oder „Ökologie der Seele“. Diese Ideen sind der Weltanschauung der indigenen altaischen Bevölkerung entlehnt.

„Eines der größten Probleme der modernen Gesellschaft“, so Danil Iwanowitsch, „ist die Haltung der Menschen der Erde gegenüber, denn oft sehen sie die Welt als Ressource zur Ausbeutung. Vielen Menschen fehlt der Wille, der Natur zuzuhören und sich in eine positive Richtung zu entwickeln, die die Natur berücksichtigt.“

Das Ziel des Parks ist es deshalb, Aufmerksamkeit zu schaffen dafür, dass die Natur ein Teil von uns selbst ist und wir ein Teil der Natur. Danil ist überzeugt davon, dass die „Ökologie der Seele“ ein erforderlicher Faktor für die weitere harmonische Entwicklung der modernen Zivilisation ist.

Es stellte sich heraus, dass viele Naturobjekte im Gebiet des Parks für die indigene Bevölkerung heilig sind. Deshalb ist ein wichtiger Grundsatz des Parks die Beachtung der Verhaltensregeln gemäß der Traditionen der indigenen Bevölkerung des Karakol-Tals. Das Ziel des Parks und seiner Mitarbeiter ist es, die tiefe Verbindung zwischen Mensch und Natur, die laut Danil seit Jahren negiert und vergessen wird, wieder zu beleben.

Im Laufe unseres Gesprächs lenkte Danil Iwanowitsch unsere Aufmerksamkeit immer wieder auf das Feuer: „Die ganze Zeit, in der wir hier sitzen, spricht es mit uns, gibt uns Zeichen. Wenn das Gespräch in die richtige Richtung geht, ist das Feuer ruhig, aber wenn Fragen nicht angemessen sind oder sie den Geistern nicht gefallen, flackern die Flammen unruhig.“

Wir sind mit dem Gedanken eingeschlafen, dass wir nicht allein sind, dass es immaterielle Kräfte gibt, die nicht den Menschen untergeordnet sind, die nicht einfach nur neben uns existieren, sondern mit denen man auch kommunizieren kann, wenn man um ihre Existenz weiß.

Als wir am nächsten Morgen alle beim Frühstück saßen, riet unser Begleiter Vasil uns, den ersten Löffel des Breis als Zeichen des Respekts für die Geister in das Feuer zu geben. So könnten wir um gutes Wetter für unsere weitere Reise bitten. Alle von uns haben diesen Ratschlag befolgt – leider hatten wir dann trotzdem kein gutes Wetter.

So war für uns die Übernachtung im (Ethno)Nationalpark Ütsch-Engmek eine Gelegenheit, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und unsere Sicht auf sie zu erweitern.

Das Dorf Bootschi

Unser nächster Halt war das Dorf Bootschi, wo wir den Handwerker Nikolaj Dergolajewitsch trafen, der Schmuck, Messer und Pferdegeschirr aus natürlichen Materialien herstellt. Das Besondere ist, dass Nikolai die ganze Arbeit selbst ausführt: vom Schmieden über die Leder- und Stein- bis zur Holzverarbeitung.

Ein echtes Unikat war ein Sattel, der nach Aussage von Nikolai eine Replik des Sattels von Dschingis Khan darstellt. Nikolaj Dergolajewitsch erklärte uns ausführlich die Herstellungstechnik aller von ihm produzierten Gegenstände und freute sich über unser echtes Interesse.

Auf unsere Frage: „Wem werden Sie ihre Fähigkeiten weitergeben?“, antwortete er zu unserer Überraschung: „Da gibt es niemanden. Junge Menschen interessieren sich nicht für sowas. Die haben heutzutage nur Internet und Fernsehen im Kopf. Ich hätte gern einen Lehrling, aber bisher habe ich niemanden gefunden, der sich mit dieser Arbeit beschäftigen will.“

Das Dorf Ongudai

Weiter fuhren wir in das Dorf Ongudai, eines der ältesten Dörfer auf dem Tschuiski Trakt. Auch hier besuchten wir das örtliche Museum und trafen uns mit dessen Leiter, Amyr Babraschew.

Das Museum besteht aus zwei Räumen – ein Raum beherbergt archäologische Funde und ein zweiter ist der sowjetischen Periode der Dorfgeschichte gewidmet. Alle Exponate wurden von den Dorfbewohnern selbst gesammelt. „Das letzte, was wir bekommen haben, ist ein alter Steinnagel, den uns eine alte Frau gebracht hat“, erzählte uns Amyr.

„Unser Museum ist interaktiv. Sie können alles anfassen, um zu überprüfen, wie es funktioniert“, sagte er und nahm eine Münze des 19. Jahrhunderts aus der Vitrine und reichte sie uns zu genauerer Betrachtung.

Im Anschluss begleitete er uns noch zum Nationalpark mit den Felszeichnungen in Kalbak-Tasch. In die Felsen von Kalbak-Tasch ist die Menschheitsgeschichte der letzten zehntausend Jahre eingraviert. Verschiedene Völker haben hier ihre Spuren hinterlassen.Die meisten Felsbilder von Kalbak-Tasch stammen aus der Jungsteinzeit, einige aus der späten Steinzeit (etwa 6.-8. Jahrtausend v. Chr.) und zur relativ „frischen“ Periode gehören Bilder und Inschriften aus der Zeit des Kök-Türken-Reichs (6.-8. Jh.).

Das gesamte Gelände von Kalbak-Tasch erstreckt sich über neun Hektar. Auf jedem Hektar gibt es ungefähr 1000 Bilder und auf jedem Fels mindestens ein Bild. Man kann unzählige Bilder mit Darstellungen von Tieren, Menschen und Jagdszenen sehen. Zur großen Gruppe der Petroglyphen aus der Jungsteinzeit gehören außerdem stilisierte Darstellungen von Frauen, von Wagen, Bullen, Kriegern, fantastischer Raubtiere und Haustiere. Die Petroglyphen aus der Zeit der Skythen sind von Jagdszenen und Abbildungen wilder Stiere und Bären geprägt.

Kalbak-Tasch war ein heiliger Ort für die Völker, die hier zu verschiedenen Zeiten lebten. Amyr hat uns erzählt, dass es auch heute noch Leute gibt, die hier religiöse Riten durchführen. So ist dieser Ort nicht nur eine Art Freilichtmuseum, sondern auch ein Heiligtum.

Der Zusammenfluss der Flüsse Katun und Tschuja

Der Zusammenfluss der Flüsse Katun und Tschuja erstaunt durch seine Schönheit. Auf der rechten Seite des Ufers kann man in den Felsen den „Geist des Altai“ sehen. Die Form des Bergs sieht so aus, als ob es das Gesicht eines alten Mannes wäre, der eine der traditionellen altaischen Kopfbedeckungen – einen Börük – trägt.

Hier erinnerten wir uns an das Gespräch mit Danil Iwanowitsch, der gesagt hatte, dass Geister überall in der Natur seien, sei es im Fluss, im Baum oder im Berg. Betrachtet man den „Geist des Altai“ einige Zeit, scheint es, als betrachte er einen selbst mit seinen ruhigen Augen.

Das Denkmal für Kolka Snegirev

In der Republik Altai gibt es ein bekanntes Lied des lokalen Dichters Michail Micheev, dessen Handlung in den 1920er/30er Jahren auf dem Tschuiski Trakt spielt. Es geht um den LKW-Fahrer Kolka Snegirev und das Mädchen Raja.

Kolka fuhr einen Laster der Marke „AMO“ und sie einen Ford. Er verliebte sich in Raja und sie sagte ihm, dass sie nur dann ein Paar sein könnten, wenn er es schaffe, sie mit seinem LKW zu überholen. Als Kolka dann einen Überholversuch startete, kam sein „AMO“ von der schmalen Straße ab und stürzte in die Tiefe. Einer Legende nach beruht dieses Lied auf einer wahren Geschichte. In Anlehnung an das Lied entstand auch der Film „Es fuhren zwei Fahrer“ („Echali dwa schofjora“, 2001).

An der Stelle, wo die Geschichte angeblich stattgefunden hat, auf der rechten Seite des Tschuiski Trakts, in der Nähe des Dorfes Belyj Bom (alt. Ak-Bom) steht als Denkmal der legendäre „AMO“, an dessen Sockel der Text des Lieds zu lesen ist. Das Denkmal ist auch allen Menschen gewidmet, die auf dieser gefährlichen Straße gestorben sind.

Ulagan

Auf dem Weg nach Ulagan hatten wir das Glück, die Vorbereitungen für das Festival anlässlich des 150. Jahrestags des Beitritts der Telengiten zum Russischen Zarenreich zu beobachten. Obwohl hier große Geschäftigkeit herrschte, waren die Leute dennoch bereit, auf unsere Fragen zu antworten und über das Festival und von der Geschichte des Orts zu berichten.

So lernten wir zum Beispiel, dass es in Ulagan einen Dialekt des Altaischen mit besonderen Endungen gibt: „Der Dialekt hier klingt wie ein Gebirgsbach – manchmal ist er lebhaft, manchmal fließt er leise vor sich hin“, erzählte eine der Frauen, die sich auf das Fest vorbereiteten. „Fragen Sie, fragen Sie weiter“, sagte sie immer wieder. Die Offenheit der Menschen und ihre Bereitschaft ihr Wissen mit uns zu teilen, hat uns nicht nur in Ulagan, sondern auf unserer ganzen Reise positiv überrascht.

Wir sprachen auch mit einem der Organisatoren des Festes, Ajsinbek. Er erzählte uns, wie das Fest ablaufen würde:

„An der feierlichen Eröffnung werden mehr als 300 Darsteller und 450 Pferde teilnehmen. Wir erwarten Gäste aus allen Bezirken der Republik Altai und auch aus Tuwa, Chakassien und sogar der Mongolei. Während der Festtage wird der traditionelle Kampf ‚Küresch‘ stattfinden. Die Regeln sind ganz leicht: Zwei Menschen kämpfen gegeneinander, dabei tragen beide einen Gürtel um ihre Taille. Wenn einer der Kämpfer die Erde berührt – egal mit welchem Körperteil – dann verliert er den Kampf. Und wenn beide gleich stark kämpfen, also niemand den Boden berührt, wiegt der Richter die Ringer. Wer weniger wiegt, hat gewonnen. Im Festival-Programm stehen außerdem weitere Sportwettbewerbe, ein Wettbewerb der Volkslieder, ein Contest im Vortragen von Epen und der humoristische Wettbewerb „Kokyrtschi tangma“ – das ist Telengitisch und bedeutet Witzbold.“

Als Ajsinbek erfuhr, dass wir uns für Kehlkopfgesang interessieren, sagte er sofort: „Wartet hier, ich bringe euch die besten Sänger, die wir haben. Sie haben an vielen internationalen Wettbewerben teilgenommen und gewonnen.“ Zwanzig Minuten später hörten wir einen Gesang, für den allein es sich gelohnt hätte, die ganze Strecke zu fahren.


Der Bezirk Kosch-Agatsch

Am Ende unserer Reise lag der Bezirk Kosch-Agatsch, ganz im Südosten, nahe der mongolischen Grenze. Er zeichnet sich durch einige Besonderheiten aus – vor allem ein strengeres Klima und die Steppenlandschaft.

Während unserer bisherigen Reise durch den Altai hatten wir hohe Laub- und Nadelbäume und insgesamt viel Grün gesehen, aber niemals Steppe. Die Steppe von Kosch-Agatsch erinnert an eine Meeresküste, an der kaum Bäume wachsen. Das Wetter ist ähnlich extrem wie im hohen Norden Russlands: ein stark kontinentales Klima sorgt für wenig Niederschlag und sehr hohe Temperaturschwankungen zwischen Sommer und Winter. Mit 300 Sonnentagen im Jahr gehört die Region dennoch zu den sonnigsten Gegenden Russlands.

Eine weitere Besonderheit hier ist, dass die Bevölkerung in den Dörfern der Region vor allem aus Kasachen besteht. Um mehr über das Alltagsleben dieses Volkes hier zu erfahren, haben wir im Dorf Schana-Aul das „Museum der altaischen Kasachen“ besucht und eine Mitarbeitern interviewed.

Wie kam dieses Volk der Kasachen in das Gebiet von Kosch-Agatsch?

„Vor allem am Ende des 19. Jahrhunderts kamen vermehrt Kasachen in die Gegend. Einige Großfamilien aus Ostkasachstan baten die Oberhäupter altaischer Familien, die im Süden der heutigen Republik lebten, um Land. Die altaischen Familien gaben etwas von ihrem Land an die Kasachen ab, sodass diese ihr Vieh weiden und selbst dort leben konnten. Seit dieser Zeit sind unsere Vorfahren hier und werden die ‚Kasachen der Tschuja-Steppe‘ genannt.“

Haben Sie zu irgendeinem Zeitpunkt versucht, nach Kasachstan zurückzuziehen?

„In den 90er Jahren, nach dem Zerfall der Sowjetunion, gab es eine große Welle der Umsiedlung altaischer Kasachen nach Kasachstan. Als ich ein Kind war, hat meine Familie auch zwei Jahre dort gelebt, ist dann aber wieder zurück in die Heimat Altai gekommen.“

Was war der Grund dafür?

„Der Altai ist unsere Heimat, hier fühlen wir uns zu Hause, diese Region ist uns näher als Kasachstan.“

Und wie war die Beziehung der Kasachen in Kasachstan zu Ihnen?

„Sie bezeichneten uns als Altaier. Und die Kasachen aus der Mongolei nannten sie Mongolen. Es gibt tatsächlich Unterschiede zwischen uns.“

Welche Unterschiede sind das?

„Man kann sagen, dass die Kasachen in Kasachstan schon russifiziert wurden – also in mancher Hinsicht zu Russen geworden sind. Das heißt, dass sie den Traditionen und Bräuchen unserer Vorfahren nicht mehr so folgen, wie wir im Altai es noch tun. Wir bereiten auch jetzt noch traditionelle Speisen zu: bei uns steht immer Bauyrsaq [Fettgebäck] und Kurt [säuerlicher Käse] auf dem Esstisch.“

Womit beschäftigt sich Ihr Volk heutzutage?

„Hier im Dorf Schana-Aul gibt es 800 Familien und 70 bis 80 von ihnen gehen im Sommer in die Berge, um das Vieh zu weiden. Die anderen arbeiten in der Dorfverwaltung, in der Schule, im Kindergarten. Aber die Arbeitslosigkeit ist hoch.

Welche Probleme gibt es noch in der Region?

„Es ist so, dass unser Trinkwasser mit dem Auto geholt wird, weil wir keine Brunnen haben. Wir haben uns schon daran gewöhnt. Wegen der Trockenheit wächst hier nichts und deshalb werden die meisten Lebensmittel außer Fleisch und Milchprodukte gekauft.“

Was macht man, um die eigene Sprache zu bewahren?

„In der Schule wird zweimal in der Woche Kasachisch unterrichtet. So wird diese Sprache nicht vergessen.

Sie leben hier schon lange mit ihren Nachbarn, den Altaiern. Welche Beziehung haben Sie zu ihnen?

„Natürlich haben wir sehr enge Kontakte mit den Altaiern. Unsere Söhne und Töchter heiraten Altaier und auch Russen. Das ist ganz normal.“

Was die jüngere Generation betrifft, gibt es viele Jugendliche im Bezirk Kosch-Agatsch?

Ehrlich gesagt leben viele junge Leute aus der Region in anderen Städten wie Gorno-Altaisk, Novosibirsk oder Tomsk. Sie arbeiten oder studieren dort. Sehr wenige kommen wieder zurück, um hier zu arbeiten.

Und Sie, würden Sie mit Ihrer Familie in eine andere Stadt umziehen, um ein besseres Leben zu haben?

„Nein, ganz sicher nicht. Das ist meine Heimat und alles gefällt mir hier, obwohl das Leben schwer ist. Ich habe mich daran gewöhnt und will nicht umziehen.“


Dieser Beitrag basiert auf dem Artikel Tschuijskij Trakt (Alexandra Bereznyatskaya) des Projekts „Entdeckungsreise auf Sibirisch – Tomsk und Altai“. Er wurde für die Veröffentlichung auf Rersuco zusammen mit der Redaktion des Projekts übearbeitet und stellt in dieser Form eine Synopsis eines Teils der Ergebnisse dar.

In die vorliegende Überarbeitung Eingang gefunden haben dafür außerdem einige Abschnitte folgender Artikel des Projekts: Geschichte in Myjuta. Ein Arbeitslager für Frauen (Alina Druzhkova); Die Felszeichnungen von Kalbak-Tasch (Saiana Jutanova); Vor 150 Jahren traten die Telengiten dem Russischen Kaiserreich bei – das wird gefeiert (Tatjana Rybakova); Das verlorene Volk in Kosch-Agatsch – die altaischen Kasachen (Kunduz Zhyrgalbekova) und Tourismus in der Republik Altai (Ekaterina Kijutsina).

Fotos: Elisaweta Starodubzewa, Darja Snezhina, Nele Quecke

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3 Gedanken zu „Geschichten entlang des Tschuiski Trakt

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