Altai: Pipeline oder Paradies?

Der Altai ist eine der faszinierendsten Regionen Russlands, einzigartiges Naturparadies und Heimstatt ganz eigener kultureller Traditionen. Ihre abgeschiedene Lage an der Grenze zu China birgt aber auch Probleme und bringt ihr neuerdings zudem noch eine streitbare geostrategische Bedeutung ein. Teil 1 einer Beitrags-Reihe über den Altai und seine Bewohner.

(Teil 2: Geschichten entlang des Tschuiski Trakt; Teil 3: Ein Hirsch und die Kräfte der Natur)

In Gorno-Altaisk, der Hauptstadt der Republik Altai, steht auf dem großen Platz gegenüber dem Hotel Gornyj Altaj im Stadtzentrum die zentrale Leninstatue. Bei einer Reise in das Altai-Gebirge im Süden Sibiriens verbrachte ich hier ein paar Tage. Der große Platz ist kariert, Kinder mit Schulranzen balancierten an den Quadraten entlang. Hinter Lenins Statue liegt ein kleiner Park. Eine Gruppe kichernder Mädchen, zehnjährige Altaierinnen mit gezückter Kamera: sie posierten an einer Rutsche, einer Fichte oder einem Holzbären und fotografierten sich gegenseitig.

Ein Jahr später schicke ich Fragen über Fragen von Berlin nach Gorno-Altaisk, um zu erfahren: „Was ist der Altai für Sie?“ Ivan* antwortet lakonisch: „Natürlich Berge. Berge, eigensinnige Flüsse und Abenteuer“.

„Der Altai ist für mich nicht einfach nur mein Zuhause. Der Altai – das ist die Mutter, die mich ernährt hat, die mich großgezogen, die mir ihre ganz unendliche Liebe und die Schönheit der Natur gegeben hat. Der Altai ist für mich etwas Schützendes, Geheimnisvolles, Heiliges“, schwärmt Eduard von seiner Heimat.

Kräfte Sibiriens

Als Land unendlicher und nahezu unberührter Natur, klarer Gewässer und weiser Schamanen, ist der Altai ein Sehnsuchtsort, an dem Touristen im Sommer nach Ursprünglichkeit oder dem großen Kick suchen.

Aber nicht nur Abenteurer finden hierher: 2006 kamen Ingenieure der Firma Gazprom in die „goldenen Berge“, so die Übersetzung des Wortes „Altai“. Ihr Ziel war es, den Bau einer neuen Gas-Pipeline vorzubereiten, die, so das Versprechen der Konzernführung, auch der Region neuen Aufschwung bringen soll.

Nachdem das Projekt jedoch zunächst auf Eis gelegt worden war, wärmte es Wladimir Putin im Zuge der Ukrainekrise und dem damit verbundenen Konflikt mit der Europäischen Union wieder auf. Im Mai 2014 bekräftigte er seine Absichten, mehr Gas nach China zu exportieren. Ein Teil soll über die „östliche Route“, aus Jakutien über die neu zu bauende Gaspipeline „Kraft Sibiriens“ (Sila Sibiri), nach Ostchina exportiert werden. Ein anderer Teil über die sogenannte „Westroute“ (oder auch Sila Sibiri-2), von den westsibirischen Gasfeldern durch den Altai nach Westchina.

Die geplante Leitung soll dabei auch durch das Plateau Ukok führen, einem Hochplateau im Südosten der Republik Altai, an der Grenze zu China, Kasachstan und der Mongolei gelegen.

Die Kluft zwischen zwei Weltsichten

Genau auf diesem Plateau wurde 1993 die „Prinzessin von Ukok“ (der Titel wurde ihr von Journalisten verliehen) entdeckt: eine 2.500 Jahre alte Frauenmumie, die vermutlich vom Reiternomadenvolk der Skythen stammt, und um die sich seither viele Legenden ranken. Da sie zum Teil in einer Kapsel aus Eis eingeschlossen im Erdboden lag, ist ihr Erhaltungszustand außergewöhnlich gut.

Für viele Altaier stellt die Mumie ein Heiligtum dar. So etwa für Akai Kine, Leiter des „Geistlichen Zentrums Kin Altai“, das sich um spirituelle Belange von Altaiern, Kirgisen und anderen turksprachigen Völkern im Altai bemüht. Bei der Mumie handelt es sich seiner Meinung nach um Ak-Kadyn, die weiße Herrin, eine Priesterin und Beschützerin des Altai, Stammesmutter der Altaier und Bewacherin des Zugangs in die Unterwelt. Dass sie ausgegraben wurde, habe sie erzürnt und die Natur aus dem Gleichgewicht gebracht. Seit Jahren würden deshalb Erdbeben, Waldbrände und Überschwemmungen die Gegend heimsuchen.

Solange die Mumie nicht in ihr ursprüngliches Grab zurückkehre, da ist sich Akai Kine sicher, so lange würden sich auch weiterhin Nataurkataklysmen und soziale Verwerfungen ereignen. Auch der Ältestenrat der Republik Altai hat sich für eine Beisetzung der Mumie auf dem Plateau Ukok ausgesprochen, außerdem wurden 22.000 Unterschriften dafür gesammelt.

Für die Wissenschaftler hingegen kommt das nicht in Frage, würde dies, so das wesentliche Argument, doch den guten Zustand zerstören und ihnen damit eine wichtige Quelle für ihre Forschungen entziehen. Diese hätten zudem bereits ergeben, dass sie gar keine Vorfahrin der heutigen Altaier sein kann.

Nach der schwersten Überschwemmung seid einem halben Jahrhundert im Frühjahr 2014, führt Akai Kine Rituale zur Beruhigung der "Prinzissesin" auf dem Plateau Ukok durch. Quelle: http://www.gorno-altaisk.info/news/32867

Nach der schwersten Überschwemmung seid einem halben Jahrhundert im Frühjahr 2014, führt Akai Kine Rituale zur Beruhigung der „Prinzissesin“ auf dem Plateau Ukok durch. (Quelle: gorno-altaisk.info)

Die „Prinzessin“ ist daher immer wieder Gegenstand von Diskussionen, nicht nur in den regionalen Medien. Den Lärm um die Mumie halten viele dennoch für übertrieben. Anstatt sich dringender Probleme anzunehmen, wird über ein historisches Exponat diskutiert. Das meinen auch meine Gesprächspartner Ivan und Eduard. Die Ansichten von Akai Kine werden zwar keineswegs uneingeschränkt von allen geteilt, dennoch steht der Umgang mit der Mumie für viele Altaier symbolhaft dafür, dass sie und ihre Kultur, aber auch die Natur nicht respektiert werden.

Der Anfang und das Ende von allem“

1994 noch hat die russische Regierung das Hochplateau Ukok zu einer „Zone der Ruhe“, zu einem Naturreservat, erklärt. Auch die UNESCO zeichnete das Altaigebirge unter dem Namen „Goldene Berge des Altai“, einschließlich Ukoks, als Weltnaturerbe aus. Es bietet unterschiedlichen, weltweit seltenen Tierarten wie dem Schneeleoparden einen Lebensraum. Im Falle des Baus der Gasleitung, so sind sich Umweltschützer sicher, werden Teile dieses Lebensraums zerstört werden

Vielen Altaiern gilt Ukok zudem als heiliger Ort, als Ort, an dem ihre Vorfahren begraben liegen. Nicht nur über mehrere Jahrhunderte erhaltene Grabhügel weisen auf dessen sakrale Tradition hin, sondern auch der Name des Hochplateaus selbst. In den Turksprachen und im Mongolischen finden sich verschiedene Bedeutungsvarianten: „Truhe“, „Schrein“, „Hör den Himmel“, „der Anfang und das Ende von allem“. Doch das Plateau wurde auch als Ort für Siedlungen genutzt und so finden sich auf seinem Territorium heute über 1500 archäologische Denkmäler.

Plateau Ukok, Tal des Flusses Kalguty (Quelle: https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%A3%D0%BA%D0%BE%D0%BA#/media/File:Ukok_Plateau_2.jpg)

Plateau Ukok, Tal des Flusses Kalguty (Quelle: www.ru.wikipedia.org)

Während also das Unternehmen Gazprom das Pipeline-Projekt als Chance für die wirtschaftliche Entwicklung der Region preist, wehren sich Umweltschützer und Bewohner des Altai gegen das Vorhaben. Es missachtet nicht nur die ökologische und kulturelle Bedeutung von Ukok, sondern wird darüber hinaus von vielen als ökonomischer Unsinn betrachtet, da die Pipeline nach Westchina führen wird, wo es wenig Energiebedarf und eigene Gasressourcen gibt. Ivan ist sich sicher, dass dieses Projekt nur geopolitische Bedeutung hat.

Ein grundlegendes Dilemma

Eduard hält die Pläne von Gazprom für hochtrabend und unrealistisch: „Von der Pipeline höre ich schon seit Jahren. Meine persönliche Meinung: Mir ist es egal. Hauptsache, wir haben einen Nutzen davon. Obwohl sich mir da eine bestimmte Frage aufdrängt: Warum, wenn Russland weltweit den ersten Platz in der Förderung von Öl und Gas belegt, warum bekommen wir dieses Gas erst heute?“

Und er fragt sich weiter: „Warum leben wir unter solch schrecklichen Umständen? Wo sich Kohle nicht jeder leisten kann, wo wir schon im Oktober in der Wohnung zu frieren beginnen und wir für die Heizung rund die Hälfte unseres Monatsgehalts zahlen.“

In seiner Antwort spiegelt sich ein grundlegende Dilemma: die Abgeschiedenheit und schwere Zugänglichkeit großer Teile der Region sind nicht nur der Grund dafür, dass der Altai heute als ein einzigartiges Naturparadies gilt. „Das Leben weit weg von den Verkehrsstrecken der Russischen Föderation“, so schreibt Eduar weiter, „bremst die ökonomische Entwicklung nicht nur von kleineren Siedlungen, sondern von ganzen Landkreisen.“ Die Region ist eine der ärmsten des Landes. Jedes Infrastruktur-Projekt weckt Hoffnung auf ein besseres Leben, birgt aber gleichzeitig Gefahren für die kulturelle und naturräumliche Einzigartigkeit.

Unsichere Zukunft

19 Jahre lang lag die Prinzessin von Ukok im 600 Kilometer entfernten Nowosibirsk. Sie wurde archäologisch untersucht und von denselben Spezialisten vor dem Verfall bewahrt, die auch Lenin in seinem Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau in Schuss halten. 2012 kehrte sie schließlich in den Altai zurück, wenn auch nur in die Hauptstadt – in das zu diesem Anlass rundum erneuerte Nationalmuseum in Gorno-Altaisk.

Eine Nachbildung des Kurgan, der Grabstätte, in der die "Prinzessin" gefunden wurde. Mit ihr zusammen befanden sich sechs Pferde im Grab.

Eine Nachbildung des Kurgan, der Grabstätte, in der die „Prinzessin“ gefunden wurde, im Nationalsmuseum in Gorno-Altaisk. Mit ihr zusammen befanden sich sechs Pferde, sowie zahlreiche Schmuck- und Alltagsgegenstände im Grab.

Gazprom finanzierte gar ein eigenes Mausoleum für die Prinzessin. Die Totenruhe sollte endlich wieder hergestellt werden. Vor allem aber erhoffte man sich in der Konzernzentrale wohl, die kritischen Stimmen aus der Region bezüglich des Pipelinebaus mit dieser Spende zu beruhigen.

Ob die Gasleitung am Ende aber tatsächlich gebaut wird, steht derzeit noch in den Sternen. Zwar haben Russland und China nach der Absichtserklärung des Präsidenten im November 2014 ein entsprechendes Memorandum unterzeichnet und im Mai 2015 sogar eine Vereinbarung über die Hauptbedingungen für Gaslieferungen über die Altai-Pipeline abgeschlossen. Dennoch stagniert der große Plan, die russisch-chinesische Freundschaft durch Gas zu besiegeln.

Hatte Russland darauf gehofft, dass China den Bau der Pipeline Altai mitfinanziert, fordert man in Peking nun ganz im Gegenteil, dass Gazprom den Bau der 3500 Kilometer langen Pipeline selbst bezahlt. Michail Krutichin, führender Gasexperte, bezweifelt, dass bei dem geplanten Volumen an Gaslieferungen nach China durch die Westroute – 30 Milliarden Kubikmeter im Jahr – der Aufwand des Pipelinebaus überhaupt notwendig ist.

Auf seiner Homepage jedoch bewirbt Gazprom nach wie vor das Bauprojekt – es lobt seine Vorteile für den russischen Außenhandel und hebt sein Engagement für die Ökologie hervor. Auch sozial sei das Projekt von Bedeutung, denn es werde den Gasanschluss entlegener Dörfer ermöglichen. Ob diese Versprechen umgesetzt werden? In der gegenwärtigen russischen Wirtschaftskrise lässt sich vermuten, dass die Arbeiten an der Pipeline fürs Erste nur langsam vorangehen werden. Das wird zumindest dem Naturparadies weiterhin etwas mehr Ruhe bescheren.

*Die Autorin hat auf die Angabe vollständiger Namen verzichtet.

Der Artikel ist bereits in der Vereinszeitschrift der Gesellschaft für Bedrohte Völker „Pogrom“ erschienen. Für Rerusco wurde er aktualisiert und überarbeitet.

Eine genauere Einschätzung zum Pipeline-Projekt findet sich auch in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Osteuropa (5-6/2015): Aleksandr Gabuev – Traumpartner China? Russlands Suche nach neuen Öl- und Gasmärkten.

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3 Gedanken zu „Altai: Pipeline oder Paradies?

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