Brennender Baikal

Im Sommer 2015 wüten Waldbrände unglaublichen Ausmaßes rund um das UNESCO-Weltkulturerbe Baikalsee. Auf dem Höhepunkt der Brände stehen 1800 Quadratkilometer in Flammen. Es ist eine vor allem durch menschliches Verhalten ausgelöste und durch behördliches Versagen ins schier Unglaubliche gesteigerte Katastrophe. Ein Einzelfall ist es dennoch nicht.

Die Insel Olchon liegt mitten im Baikalsee. Von ihrer Westküste eröffnet sich an klaren Tagen ein malerisches Panorama auf die Primorsker Bergkette am anderen, etwa 12 Kilometer entfernten Ufer des Kleinen Meeres (russ. Maloe more), wie dieser Teil des Sees genannt wird. In diesem Sommer sind solche Aussichten allerdings rar. Dichte Rauchschwaden ziehen sich über das gesamte Gebiet.

Es ist der Nachmittag des 1. September. Zumindest die Füße der Berge auf der anderen Seite sind zu sehen. Unser Fahrer wirft deshalb einen kurzen Blick durch den Rückspiegel zu uns nach hinten, als wir, gerade von der Fähre kommend, über die Insel fahren. „Da habt ihr aber Glück!“, sagt er. „Ich habe das andere Ufer in den letzten zwei Monaten kein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Genießt den Anblick, solange der Wind nicht wieder dreht“, rät er uns noch.

Der Felsen "Schamanka" - Wahrzeichen der Insel Olchon und des Baiklsees insgesamt. Im Hintergrund sichtbar: ein breiter Streifen aus Rauch verdeckt den Blick auf das gegenüberliegende Ufer.

Der Felsen „Schamanka“ – Wahrzeichen der Insel Olchon und des Baikalsees insgesamt. Im Hintergrund sichtbar: ein breiter Streifen aus Rauch verdeckt den Blick auf das gegenüberliegende Ufer. (Foto: Matthias Kaufmann)

Eine Glocke aus Qualm

Doch schon am nächsten Tag trifft seine Vorhersage ein und die Insel liegt wieder in Rauch gehüllt. Der See, der nur wenige Meter von unserem Standort entfernt ist, kaum noch zu sehen. Brandgeruch erfüllt die Luft. Auf der Insel selbst, wie uns später berichtet wird, hatte es wenige Wochen zuvor auch Feuer gegeben. Etwa 150 Hektar haben hier gebrannt. Die verkohlten Baumstämme in den Wäldern zeugen noch davon.

Auf einem kleinen Boot fahren wir von der Insel auf den See hinaus. Ziel ist das Festland auf der anderen Seite. Es herrscht eine etwas gespenstische Atmosphäre. Man bewegt sich wie in einer Glocke aus Qualm. Der Sichtradius beträgt höchstens 2 bis 3 Kilometer, dann beginnt, deutlich sichtbar, eine milchig weiße Wand. Nur schemenhaft tauchen dahinter von Zeit zu Zeit die Umrisse von Inseln oder Felsen auf. Meistens aber ist rundum außer Rauch gar nichts zu sehen.

Als wir uns dem anderen Ufer nähern, fallen sofort die Rauchsäulen auf, die in größeren Abständen zueinander aus dem Wald emporsteigen. Mit den Eindrücken von hier lässt sich das wahre Ausmaß nur erahnen, dass eine Vielzahl solcher Rauchschwaden rund um den See bedeuten muss. Auf Satellitenfotos wird es hingegen deutlicher – der über 600 km lange See ist mitunter komplett von Qualm verdeckt.

Satellitenfoto des komplett von Rauch verdeckten Baikalsees. (Quelle: http://www.bellona.ru/articles_ru/articles_2015/1441628642.19)

Satellitenfoto des komplett von Rauch verdeckten Baikalsees. Die roten Punkte markieren die Brandherde.
(Quelle: http://www.bellona.ru/articles_ru/articles_2015/1441628642.19)

1,5 Millionen Hektar Wald betroffen

Ende Juli sind die ersten Brandherde rund um den Baikalsee entstanden. Trockenes Wetter und starker Wind haben das Feuer sich schnell ausbreiten lassen. Mitte August hatte Wladimir Putschkow, der Leiter des Ministeriums für Katastropheneinsätze, verkündet, dass innerhalb von zweieinhalb Tagen, zum Montag dem 17. August, die Brände gelöscht sein werden. Eine angesichts der bereits erreichten katastrophalen Ausmaße mehr als kühne Behauptung. Ein wahres Inferno war bereits losgebrochen (um sich ein ungefähres Bild davon zu machen, schaue man sich etwa die Fotoserie des Journalisten Jurij Kosyrev von der Novaja Gazeta an).

Vielleicht hatte sich Putschkow zu sehr auf die Wetterprognose verlassen, die für die nächsten Tage Regen ankündigte. Dieser blieb jedoch aus und so wurde eine Woche später lediglich die Aussage des Ministers von der Homepage der Behörde gelöscht. Die Feuer jedoch wüteten weiter. Betroffen waren dabei auch der Baikal-Nationalpark am südwestlichen Ufer des Sees und das Baikal-Lena-Naturschutzgebiet im Nordwesten.

Am Morgen des 4. September erreichte die Fläche aktiver Brände in der Region Irkutsk und der Republik Burjatien mit 1864 Quadratkilometern einen traurigen Rekord. Insgesamt aber waren laut vorläufigen Schätzungen von Greenpeace Russland im Verlauf von zwei Monaten ganze 1,5 Millionen Hektar von den Flammen betroffen. Eine zunächst schier unglaubliche Zahl, zumal wenn man bedenkt, dass es außerdem auch in anderen Teilen des Landes brennt. Dennoch stellt diese Situation bei weitem kein Einzelfall dar.

Ein alljährlich wiederkehrendes Problem

Die Häufigkeit extremer Waldbrände in Russland hat in den vergangenen Jahrzehnten drastisch zugenommen (siehe dazu etwa eine Einschätzung des WWF von 2011). Jedes Jahr verbrennen so mehrere Millionen Hektar Wald. Die überwiegende Mehrzahl der Brände wird durch Menschen ausgelöst – durch Unachtsamkeit, Lagerfeuer oder das Abbrennen von Wiesen zur Gewinnung neuer Anbaufläche. Extreme Hitze, Trockenheit und Winde begünstigen dann die Ausbreitung. So geschehen auch dieses Jahr am Baikalsee. Die vorhandenen Kräfte reichten dabei weder in der Region Irkutsk, noch in der von den Bränden am schlimmsten getroffenen Republik Burjatien aus, um die an mehreren Stellen ausgebrochenen Feuer effektiv zu bekämpfen. Es fehlt an Personal, Technik und finanziellen Mitteln. Auch das ein allgemeines Problem.

Umweltschützer sehen dementsprechend die Grundlage für die großen Brandkatastrophen vor allem der letzten 5 Jahre im 2007 modifizierten Waldgesetz der Russischen Föderation. Die Verantwortlichkeiten für den Waldschutz wurden darin von der Zentrale auf die Regionen übertragen. Dabei fielen auf föderaler Ebene etwa auch die Stellen von 70.000 hauptamtlich mit dem Schutz der Wälder beauftragten Forstarbeiter weg. In den Regionen selbst wird jedoch nur wenig in den Aufbau vergleichbarer Strukturen investiert.  „Mit der Annahme des neuen Gesetzes“, so die Einschätzung der Umweltschutzorganisation Bellona, „wurde der Waldschutz zerrüttet, die operativen Einheiten der Feuerwehr praktisch aufgelöst, sowie die finanzielle und personelle Basis der Waldwirtschaft zunichte gemacht.“

Auch im Zuge der aktuellen Brände am Baikal kam deshalb erneut die Klage auf, dass seit den großen Torfbränden in Zentralrussland im Jahr 2010, die auch international für Aufmerksamkeit gesorgt haben, noch immer keine hinlänglichen Schutzmaßnahmen getroffen worden sind. Greenpeace kritisiert zudem, dass das wahre Ausmaß der Katastrophe von den Behörden in Irkutsk zu spät anerkannt wurde, dass man zu spät angemessen darauf reagiert hat. Dazu gehört auch, dass nicht rechtzeitig zusätzliche Kräfte aus anderen Regionen herangezogen wurden.

Bemerkenswert ist jedoch die Selbstorganisation der Bevölkerung, wie sie auch in anderen Fällen immer wieder stattgefunden hat. Unter dem Eindruck, dass die regionalen Behörden mit der Situation nicht zurecht kommen, bildete sich beispielsweise in Irkutsk eine Abteilung freiwilliger Bürger, um zusammen mit den überforderten Mitarbeitern der Forstbehörde gegen die Feuer vorzugehen. An Ort und Stelle angekommen mussten sie dann auch feststellen, dass die Lage weitaus ernster ist, als in den Medien berichtet (den Bericht eines Freiwilligen kann man hier nachlesen, auf Russisch).

Obwohl sich die Situation mittlerweile aufgrund von Regenfällen und Abkühlungen etwas beruhigt hat, brennt es auch weiterhin. Aktuellen Angaben entsprechend betrifft die Fläche aktiver Feuer in der Republik Burjatien noch 540 Quadratkilometer (Stand 11. September), in der Region Irkutsk 110 (Stand 10. September). Vollständig zum Erliegen kommen werden die Brände nach Einschätzung von Umweltschützern auch wohl erst, wenn in wenigen Wochen die nächtlichen Fröste einsetzen.

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