Prekariat unter Denkmalschutz

In Tver entstanden an der Wende vom 19. zum 20. Jahundert nicht nur massenweise neue Unternehmen und Fabriken, sondern auch günstiger Wohnraum für die Arbeiterschaft: Massenunterkünfte im zeitgenössischen Ziegelstil. Viel hat sich dort bis heute nicht geändert. Nur sind die meisten der damals gegründeten Fabriken bereits geschlossen, verfallen oder umgebaut. Die Einwohner im Dwor Proletarki und auf der Spartak-Straße verdienen ihr Geld heute eher mit Hilfsarbeiten auf dem Bau, als Wachmänner, in kleinen Ladengeschäften oder mit mehr oder weniger halb(il)legalen Geschäften auf der Straße. Ein „Ghetto“ im Architekturdenkmal.

Der Dwor Proletarki für die Arbeiter der umliegenden Textilfabriken befand sich 57 Jahre im Bau. Vollendet wurden die Morozowschen Kasernen, so eine zweite Bezeichnung für den Ziegelbau-Minirajon, erst 1913. Kurz nach der Jahrhundertwende wurden nicht weit entfernt noch drei einheitliche Mietskasernen auf der Spartak-Straße für die Bergschen Fabriken aus dem Boden gestampft.

Die Ziegelbauweise erlaubte ein zügiges, kostengünstiges Errichten von Massenbauten. Es entstanden die ersten Arbeiter-Wohnblocks. Anstelle zeit- und geldraubender Fassadengestaltung dienen die knallroten Ziegelsteine selbst als dekoratives Element. Die Idee der Mikrorajons war damals noch ganz neu: Arbeitskräfte außerhalb der Stadt, in der Nähe ihres Arbeitsplatzes anzusiedeln und die gesamte, lebensnotwendige Infrastruktur in nicht mehr als 500m Fußweg anzusammeln.

Es herrscht also Pragmatismus, Form folgt Funktion. Und die Funktion ist: möglichst vielen Menschen möglichst günstigen Wohnraum zu schaffen. Und mit dieser Funktion stehen die „Kasernen“ bis heute.

Seit dem Bau der Ziegelkasernen hat sich an den Wohnbedingungen kaum etwas geändert. Von Sanierungen – keine Spur. Großraumküchen und Bäder für die Bewohner. Wohnungen – kleine Zimmerchen, in denen in Hochzeiten bis zu 10 Menschen lebten.

Allein im Dwor Proletarki leben noch heute mehrere Tausend Menschen. Die meisten von ihnen können und wollen sich gar kein anderes Wohnen vorstellen. Generationen lebten da, neue wurden geboren und sind schon so aufgewachsen. In den Häuserschluchten trifft man spielende Kinder, herumlungernde Jugendliche, zur oder von der Arbeit hetzende Erwachsene, Rentner in der Sonne sitzend. Es sind die unterschiedlichsten Akzente und Sprachen zu hören: armenisch, usbekisch, tadschikisch, Romani, albanisch, russisch selbstverständlich.

In Deutschland würde man politisch korrekt von einem „sozialen Brennpunkt“ sprechen, in der Soziologie vielleicht vom Prekariat. Hier ist es schlicht ein „Ghetto“.

Diese kleine Ziegelbauwelt befindet sich im Proletarskij Rajon in Twer, am Ufer des kleinen Flusses Tmak. Verlässt man den abgelegenen, ehemaligen Mikrorajon, kommt man auf den großen Kalinin-Prospekt und steht vor einem der größten Shoppingcenter der Stadt: Im „Rubin“ gibt es alles das, was man im Dwor Proletarki weder kaufen, noch brauchen kann. Teurer Schmuck, Pelze, Kosmetik, Kleidung,…angekommen in der Normalität, keinen Kilometer entfernt.

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