Ysyach – Das jakutische Neujahrsfest

Lediglich drei Monate dauert in der Republik Sacha der Sommer. Nach einem langen und harten Winter feiern die Jakuten seinen Beginn Mitte Juni traditionell deshalb als Beginn eines neuen Jahres, als Beginn neu erwachten Lebens. Es ist ein faszinierendes Fest jakutischer Kultur, voller kleiner und großer Rituale – gewidmet der Sonne und der Fruchtbarkeit, der Natur und der in ihr lebenden Menschen, Tiere, Geister und Gottheiten.

Text: Matthias Kaufmann
Fotos: Sabrina Reiter, Matthias Kaufmann

Knappe 5 Autostunden östlich der Republikshauptstadt Jakutsk liegt das Örtchen Tschuraptscha. Der Weg dorthin führt mitten durch endlos scheinendes üppiges grün, vorbei an Wäldern, Wiesen, Sümpfen und vielen kleinen bis größeren Wasserstellen, den Spuren des an der Oberfläche aufgetauten Permafrostbodens. Nur drei oder vier Dörfer durchqueren wir während der gesamten Fahrt. Hin und wieder sieht man kleinere Pferdeherden am Straßenrand, einige der Tiere liegen ausgestreckt im Gras, wärmen sich in der frühen Morgensonne. Sommer im Fernen Osten Russlands.

Kueh unaar, uluu tunah – „grüner Segen, großer Segen“. So lautet auf Jakutisch die Bezeichnung für diese Jahreszeit. Drei Monate nur dauert der Sommer in der Republik Sacha (Jakutien), deren größter Teil im arktischen Polarkreis liegt. Im Winter werden hier Temperaturen von bis zu -60° erreicht. Der Beginn der warmen Jahreszeit, des grünen Segens, wird von den Jakuten deshalb auch als Beginn eines neuen Jahres betrachtet. Ljubamira, mit der wir zusammen unterwegs sind nach Tschuraptscha, erklärt: „Man feiert, dass man es geschafft hat den langen Winter zu überstehen, dass das Leben zurück kehrt in die Natur und das sie genug Kraft gibt, um auch den nächsten Winter zu überstehen.“

Ljubamira ist Jakutin und, das ist auffällig, wie sehr viele Jakuten trägt auch sie einen russischen Namen. „Erst in letzter Zeit ist der Trend aufgekommen, den Kindern wieder jakutische Namen zu geben“, bemerkt sie. Jakutisch sprechen können aber immer noch die Meisten. Auch das fällt auf, gerade auf dem Land, gerade aber wohl auch am heutigen Tag, an dem hier in Tschuraptscha eben genau jenes Fest begangen wird, mit dem der Sommer in Jakutien begrüßt wird – Ysyach.

Der Kern des Festes

Ysyach ist ein alter kalendarischer, von seinem Wesen her religiöser Feiertag der Jakuten. Er markiert den Übergang vom Winter zum Sommer, steht an der Grenze zwischen dem alten und dem neuen Jahr, zelebriert die Wiedergeburt der Natur und spiegelt dabei die besondere Beziehung der Menschen zu ihr wider.

Die Bezeichnung Ysyach kommt von dem jakutischen Verb für „besprengen“ und bezieht sich auf eine der zentralen Handlungen während des Festes, das Besprengen der Erde mit Kumys. Das Getränk aus vergorener Pferdemilch gehört zu den wichtigsten sakralen Elementen. Mit ihm werden die Geister der Natur gespeist, mit ihm wird direkter Kontakt zu den Gottheiten hergestellt, um sie um Wohlstand, Überfluss und Gesundheit für das kommende Jahr zu bitten.

Das andere wesentliche Element des Festes ist die Sonne und ihre lebensspendende Energie. In der Vorstellung der Jakuten besitzt sie einen zentralen Stellenwert. „Es gibt“, erklärt Ljubamira, „auf Jakutisch den Ausdruck kün dschono, mit dem sich die Jakuten selbst bezeichnen: ‚Kinder der Sonne‘. Die Sonne ist für uns sehr wichtig, gerade in dieser Umwelt. Sie schützt den Menschen und spendet ihm Lebenskraft.“ Das Hauptritual des Ysyach, das die eigentliche Geburt des neuen Jahres symbolisiert und mit dem das Fest traditionell auch eingeleitet wird, ist deshalb die „Begrüßung der Sonne“, auf Jakutisch kün kersjutä.

In früheren Zeiten wurde dieses Ritual ausschließlich bei Sonnenaufgang am Morgen des längsten Tages im Jahr, während der Sommersonnenwende am 21./22. Juni abgehalten. Da allerdings der Beginn des „Großen Vaterländischen Krieges“ genau auf dieses Datum fiel, hat man die Durchführung des Festes nach dem Krieg entsprechend angepasst und, je nach örtlichen Vorlieben, auf einen beliebigen anderen Tag im Juni verlegt.

Ohnehin war es zu Sowjetzeiten lediglich in kleinem Rahmen möglich Ysyach zu begehen. Tatsächlich wurde das Fest nur noch in einigen Regionen der riesigen Republik gefeiert. Viel traditionelles Wissen ist dabei verloren gegangen. Seit den 1990er Jahren aber erlebt die jakutische Kultur eine Renaissance und damit auch eine Wiederbelebung der alten Bräuche. Auch das ursprüngliche Datum kann seitdem wieder genutzt werden, so wie auch an diesem Wochenende in Tschuraptscha.

Das Zentrum der Welt

Nach unserer Ankunft machen wir einen ersten Spaziergang über das weitläufige Festgelände, das auf Jakutisch als Alaas bezeichnet wird. In prächtige, feierliche Kostüme gekleidet, treffen immer mehr Menschen ein. In der Vergangenheit galt es als Verletzung der Festtagsetikette, nicht in entsprechender Kleidung zu erscheinen. Zu Sowjetzeiten wurde diese Sitte eingestellt. „Heute aber ist es wieder üblich, sich an diesem Tag in festliche jakutische Tracht zu kleiden“, bemerkt unsere Begleiterin und verschwindet selbst erstmal in einem Zelt, um sich umzuziehen.

Genau im Zentrum des Alaas und von jedem beliebigen Punkt aus sichtbar, steht eine Abbildung des heiligen Baumes, des Al Luuk Maas – ein Weltenbaum, wie er in von schamanistischen Vorstellungen geprägten Kulturen typisch ist. „Die Jakuten glauben“ erklärt Ljubamira, „dass die Welt aus drei Teilen besteht: der Oberwelt, der Mittelwelt und der Unterwelt. Der Baum symbolisiert diese Dreiheit durch seine Krone, den Stamm und die Wurzeln.“ Gleichzeitig ist er der Wohnort von Aan Alachtschyn Chotun, der Herrin der Erde. Sie ist die mächtigste Gottheit der mittleren Welt, in der auch die Menschen leben.

„Der Al Luuk Maas“, so Ljubamira, „wurde erst in diesem Jahr errichtet.“ Er soll aus Sicht der lokalen Behörden das Zentrum eines hier im entstehen begriffenen ethnokulturellen Zentrums werden, ein heiliger Ort für die Vertreter des traditionellen jakutischen Glaubens, an dem Reinigungs und Segnungsrituale, Weihen der Jugendlichen und der Empfang von Gästen durchgeführt werden können.

Um den Baum herum stehen zahlreiche stilisierte und geschmückte Pferdepfosten, särgä. Sie besitzen, genau wie das Pferd, das den Jakuten als heiliges Tier gilt, sakralen Charakter in dem Sinne, dass ihnen eine Schutzfunkion zukommt.

Neben dem Baun fallen aber auch noch zahlreiche andere Neubauten auf dem Gelände auf. Der Grund hierfür ist, dass in Tschuraptscha in diesem Jahr das republikweit wichtigste Ysyach stattfindet – das sogennante Ysyach-Oloncho.

Ein episches Spektakel

In diese Form des Ysyach hat eine andere bedeutende kulturelle Erscheinung der Jakuten Eingang gefunden, die als Oloncho bezeichneten jakutischen Heldenepen. Die Oloncho können eine Länge von 20.000 Versen und mehr besitzen. Ihre Erzähler, die Olonchosut, tragen sie aus dem Gedächtnis vor, abwechselnd singend und erzählend, meist ergänzt durch improvisierte Variationen einzelner Sujets. Mehrere Tage und Nächte dauert es, ein Oloncho vollständig wiederzugeben.

Seit 2005 gehören die Oloncho zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO. Es war denn auch diese Auszeichnung der Anlass dafür, das Ysyach-Oloncho als den größten nationalen Feiertag der Republik zu initiieren. Seitdem findet er jedes Jahr an einem anderen Ort statt, wobei sich der Ablauf von einem klassischen Ysyach durch zahlreiche Ergänzungen und Modifikationen unterscheidet.

In Tschuraptscha jedenfalls hat man sich mächtig ins Zeug gelegt, der Bedeutung dieses Ereignisses gerecht zu werden. Allein die Auftaktveranstaltung ist ein gewaltiges folkloristisches Spektakel mit 2500 Schauspielern in üppigen Kostümen und Nationaltrachten. Knapp zwei Stunden dauert die theatralische Inszenierung eines bekannten Oloncho.

Dargestellt wird die Erschaffung der mittleren Welt und die Geburt des Helden Kulun Kulustuur. „Es ist das klassische Sujet des Är Sogotch“, fasst Ljubamira das komplett auf Jakutisch vorgetragene Geschehen kurz zusammen, „dem ersten Mann auf der Welt, seinem erfolgreichen Kampf gegen böse Geister, seiner Hochzeit und wie er schließlich zum Gründervater der Jakuten wurde.“ Nur einer der vielen Höhepunkte der Aufführung, ein Männerchor bestehend aus 999 Sängern.

Seines eigenen Glückes Schmied

Nach dem Ende der offiziellen Eröffnungsfeier verteilen sich die etwa 15.000 Besucher über das gesamte Gelände des Alaas, lassen sich im Gras nieder und beginnen, zu Mittag zu essen. Eine der vielen Familien, an denen wir vorbei gehen, winkt uns zu sich heran. Woher wir kommen, möchten sie wissen und freuen sich, als sie hören, dass wir ausländische Besucher sind. Sogleich bewirten sie uns, geben uns Kumys zu probieren und, eine jakutische Delikatesse, Fleisch vom Fohlen.

Der Rest des Tages ist bestimmt von unzähligen Wettbewerben verschiedenster Art, musikalischen, sportlichen, dichterischen. So wird etwa in allen Altersklassen, angefangen bei den Kleinsten, der beste Olonchosut gekürt. Es gibt Turniere im Bogenschießen, Ringkämpfe und Wettbewerbe für das handwerklich gelungenste Pferdedekor. Selbst ein Schönheitswettbewerb findet statt. Eine ganz besondere Stimmung aber erzeugen die vielen Sänger und Sängerinnen, sowie die Maultrommel-Gruppen, deren Melodien vom Wind über weite Teile des Alaas getragen werden.

Letztendlich lassen sich auch diese Wettbewerbe, die von jeher Teil des Ysyach sind, neben ihrem Unterhaltungscharakter, der heute zweifellos im Vordergrund steht, rituell deuten. Als eine spielerische Darstellung des ewigen Kampfes zwischen Winter und Sommer etwa oder auch, wenn man so möchte, als Dialog mit dem Schicksal beziehungsweise als Versuch, Einfluss darauf zu nehmen. Denn, so der Glaube, alle Handlungen, die sich am ersten Tag des neuen Jahres zutragen, übertragen sich als Modell auf dessen gesamten Verlauf. Wer also beim Wettstreit hier erfolgreich ist, wird dies auch für den Rest des Jahres sein.

Der Kreis des Lebens

Neben all den Wettbewerben kann man während des gesamten Tages aber auch noch ein weiteres zentrales Ritual des Ysyach beobachten, das Ohuochaj, einer Mischung aus Tanz, Gesang und Dichtkunst. Aufgestellt in einem Kreis, bewegen sich die teilnehmenden Tänzer ganz langsam in Uhrzeigerrichtung, Arm in Arm, Hand in Hand, mit dem gesamten Körper rythmische Bewegungen ausführend.

Die Bedeutung dieses Rundtanzes kann man bereits daran ablesen, dass sich das jakutische Wort für tanzen ungkuu  ableitet vom Wort ung, was in etwa mit beten oder verehren übersetzt werden kann. Der Kreis steht dabei für vieles, etwa für die Vereinigung der Menschen im Kreislauf des Lebens, aber ganz wesentlich auch für die Bewegung der Sonne, die hier imitiert wird.

Geleitet wird der Ohuochaj von einem Sänger, dem Ohuochajtschit. Seine Aufgabe ist es, den Text vorzugeben, der dann von den Tänzern strophenweise wiederholt wird. Dabei muss der Ohuochajtschit aber nicht nur gut singen können, sondern, was viel wichtiger ist, auch die Kunst der Improvisation beherrschen, denn die Lieder entstehen spontan. Sie beschreiben die Natur, preisen ihre Fülle und ihre Vielfalt an Gestalten und Formen. „Ein guter Ohuochajtschit“, so Ljubamira, „kann mehrere Stunden lang einfach nur über einen Vogel singen, über all seine Einzelheiten und Eigenschaften.“

Früher konnte sich ein Ohuochaj ganze zwei bis drei Tage hinziehen. Die Tanzenden wechselten dabei, aber jeder musste mindestens drei Kreise vollziehen, um für das gesamte kommende Jahr Energie zu tanken.

Die Begrüßung der Sonne

So vergeht der Tag mit ununterbrochenen Wettbewerben und musikalischen Auftritten, die sich auch bis weit in die Nacht fortsetzen. Die Nacht allerdings bleibt auch nach null Uhr noch hell, denn obwohl die Sonne untergeht, dunkel wird es im Sommer nicht in Jakutien, so hoch im Norden. Es heißt, die weißen Nächte sind jene Zeit, in der die Grenze zwischen der Welt der Geister und Gottheiten und jener der Menschen verschwindet. Wohl auch deshalb eine guter Moment, um mit Ersteren in Kontakt zu treten.

Mittlerweile ist es denn auch Zeit für das eigentlich wichtigste Ritual des Ysyach, die Begrüßung der Sonne. Es ist halb drei Uhr morgens. Die Felder sind in feinen Nebel gehüllt. Am Horizont schimmert es bereits rötlich. In einem kreisrunden, abgezäunten Bereich ist das Ritual, das Algys, bereits im Gange. Außen herum stehen die Besucher – die Frauen auf der einen, die Männer auf der anderen Seite.

In den 1990er Jahren wurde der Ablauf des Algys von jakutischen Gelehrten aus Originalquellen rekonstruiert und in seiner heutigen Form etabliert. Während in der Vergangenheit jedoch unbedingt ein weißer Schamane die Zeremonie leiten musste, so ist es heute ein in weiß gekleideter Ältester, der Algystschit. Dem Geist des Feuers bringt er über eine Flamme auf einem Altar Speisen dar, den Boden besprenkelt er mit Kumys, um Aan Alachtschyn Chotun, der Herrin der Erde Nahrung zu geben, die neun höchsten Gottheiten der oberen Welt ruft er an und bittet um ihren Segen für das kommende Jahr und für die hier Versammelten.

Begleitet und unterstützt wird der Algystschit von mehreren Helfern, sowohl Männern als auch Frauen. Sie stehen im inneren des Areals, halten Gefäße mit brennendem, getrocknetem Pferdedung in den Händen. Auch auf dem Boden finden sich überall kleine brennende Haufen verteilt. Der Rauch soll die bösen Geister fernhalten, da diese den Qualm nicht ertragen können. An mehreren Stellen des Platzes stehen Pferde angebunden. „Als heilige Tiere müssen sie bei allen derartigen Ereignissen anwesend sein“, kommentiert Ljubamira.

Schließlich fallen die ersten Sonnenstrahlen über die Gipfel der Bäume auf das Feld. Der Algystschit und alle Umstehenden rufen der aufgehenden Sonne zur Begrüßung zu: Uruj-ajchal, uruj-ajchal! – Lebe lang, lebe lang! Den ersten wärmenden Strahlen des neuen Jahres strecken sie ihre Hände entgegen, um über die Handflächen deren Energie aufzunehmen.

Zum Abschluss, nachdem der Algystschit das Ritual beendet hat, strömen die Menschen in das Innere des umzäunten Platzes. Sie drängen sich um eine kupferne, einen Pferdepfosten imitierende Säule. „Das ist eine völlig neue Tradition, das hat es früher nicht gegeben“, weist Ljubamira hin. „Die Leute berühren sie, da sie angeblich die Kraft der Sonnenstrahlen speichert.“ Sie selbst scheint dem nicht ganz Glauben zu schenken. „Wichtiger ist doch das Ohuochaj“, bemerkt sie und schließt sich den Tanzenden an. In drei großen Kreisen, in jeweils entgegengesetzter Richtungen, bewegen sie sich mal aufeinander zu, mal voneinander weg. Zusammen feiern sie die Geburt des neuen Jahres, das Wunder einer erneut aufgegangen Sonne und den Segen eines üppigen Sommers, umso mehr, da dieser bald schon wieder ein Ende haben wird.

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