„Von den netten südlichen Damen […] reiste ich fort in den Schatten der Wälder…!“

Verbannt ins eigene Elternhaus, unter die strenge Aufsicht des Vaters: Zum wiederholten Male muss Alexander Puschkin 1824 wegen „schlechten Benehmens“ eine Stadt verlassen. Die Türen nach St. Petersburg und Moskau sind dem 25jährigen bereits verschlossen. Aus Odessa wird er aus dem Zarendienst entlassen und kommt zurück ins Pskower Gebiet, in das Familienanwesen im Dorf Michailovskoje. Zunächst einziger Trost: seine vertraute Kinderfrau Arina Rodionowna. Aber der Bruch wiegt schwer – vom geselligen Leben der Metropolen in die stille Gleichförmigkeit des Dorflebens. Hart für den Menschen, fruchtbar für den Dichter Puschkin.

Das Dorf.

Das Dorf Michailovskoje.

Heute heißt der Kreis, circa zwei Autostunden von Pskow entfernt, nach seinem berühmtesten Verbannten „Puschkinskie gory“ – „Puschkin-Berge“. Der Verbannungsort Alexander Sergejewitsches ist nun ein frei zugänglicher Museumskomplex.

Die Jahre der Verbannung sollten zu Puschkins fruchtbarsten Arbeitsjahren werden: die Abgeschiedenheit gab ihm Zeit und Ruhe. Der ehemalige Romantiker geht dem Realismus entgegen. Die Arbeiten an „Eugen Onegin“ gehen voran, die Gründungspläne eines eigenen, allgemeinen Literaturjournals entwickeln sich weiter und Alexander Sergejewitsch beschäftigt sich intensiv mit der Sprache des einfachen Volkes. Seine Kinderfrau Arina Rodionowna inspiriert ihn mit ihren Märchen- und Sagenerzählungen zu wissenschaftlichen Artikeln. Die wenigen gesellschaftlichen Kontakte, die er hier persönlich unterhalten kann, werden umso intensiver und bedeutender für Mensch und Dichter.

Зимний вечер

Буря мглою небо кроет,
Вихри снежные крутя;
То, как зверь, она завоет,
То заплачет, как дитя,
То по кровле обветшалой
Вдруг соломой зашумит,
То, как путник запоздалый,
К нам в окошко застучит.Наша ветхая лачужка
И печальна и темна.
Что же ты, моя старушка,
Приумолкла у окна?
Или бури завываньем
Ты, мой друг, утомлена,
Или дремлешь под жужжаньем
Своего веретена?Выпьем, добрая подружка
Бедной юности моей,
Выпьем с горя; где же кружка?
Сердцу будет веселей.
Спой мне песню, как синица
Тихо за морем жила;
Спой мне песню, как девица
За водой поутру шла.Буря мглою небо кроет,
Вихри снежные крутя;
То, как зверь, она завоет,
То заплачет, как дитя.
Выпьем, добрая подружка
Бедной юности моей,
Выпьем с горя; где же кружка?
Сердцу будет веселей.

1825

 

Winterabend

Sturm verhüllt den düstren Himmel,
Wirbelt Schneeflocken herum;
Wie ein Kind schreit er und wimmert,
Heult wie’n Wildtier und verstummt,
Mal, durch das Gebälk mäandernd,
Rauscht er durch das Stroh des Dachs,
Dann, wie ein verirrter Wandrer,
Schlägt er an das Fensterglas.Unsre baufällige Kate
Ist so dunkel, traurig, dumpf.
Warum hockst du, meine Alte,
Dort am Fenster still und stumm?
Hat der Sturm mit seinem Heulen
Dich, Gefährtin, müd gemacht,
Hat der Spindel Sirrn und Säuseln
Dir ’nen Schlummertraum entfacht?Lass uns trinken, gute Freundin
Meiner armen Jugendzeit,
Wo ist’s Glas? Es lindert Leiden,
Bis das Herz sich wieder freut.
Sing mir’s Liedchen, wie die Meise
Still hinter dem Meer gelebt;
Von dem Mädchen sing die Weise,
Das nach Wasser morgens geht.Sturm verhüllt den düstren Himmel,
Wirbelt Schneeflocken herum,
Wie ein Kind schreit er und wimmert,
Heult wie’n Wildtier und verstummt.
Lass uns trinken, gute Freundin
Meiner armen Jugendzeit!
Wo ist’s Glas? Es lindert Leiden,
Bis das Herz sich wieder freut.

(Übersetzung von Eric Boerner)

Diese persönlichen Kontakte unterhielt Puschkin vornehmlich im Hause der hochgebildeten und belesenen Adligen Praskowja Alexandrowna Ossipowa im nahegelegenen Dorf Trigorskoje. Das Haus ist stets voller junger Menschen: drei Söhne und vier Töchter der Gastgeberin wurden zu engen Freunden und Zielen neuerlicher Verliebtheit. Ein besonderer Gast für Puschkin wurde jedoch bekanntermaßen die Nichte von Praskowja Ossipowa: Anna Kern. Sie gilt als schön und gutherzig. Nach einer gescheiterten Ehe und einigen Liebesabenteuern jedoch wurde ihr ein zweifelhafter Ruf zuteil. In seinen Briefen ist Puschkin hin und her gerissen: mal unterstützt er ihre Bestrebungen nach Freiheit und Selbstverwirklichung, ihren „Hass gegen die Schranken, ein stark entwickeltes Flugorgan“, mal beschimpft er sie als „babylonische Hure“. Fakt ist, er ist aufrichtig von ihr bezaubert. Und schuf den russischen Lyrik-Klassiker schlechthin:

К***

Я помню чудное мгновенье:
Передо мной явилась ты,
Как мимолетное виденье,
Как гений чистой красоты.

В томленьях грусти безнадежной,
В тревогах шумной суеты,
Звучал мне долго голос нежный
И снились милые черты.

Шли годы. Бурь порыв мятежный
Рассеял прежние мечты,
И я забыл твой голос нежный,
Твои небесные черты.

В глуши, во мраке заточенья
Тянулись тихо дни мои
Без божества, без вдохновенья,
Без слез, без жизни, без любви.

Душе настало пробужденье:
И вот опять явилась ты,
Как мимолетное виденье,
Как гений чистой красоты.

И сердце бьется в упоенье,
И для него воскресли вновь
И божество, и вдохновенье,
И жизнь, и слезы, и любовь.

1825

An K***

Ein Augenblick, ein wunderschöner:
Vor meine Augen tratest du,
Erscheinung im Vorüberschweben,
Der reinen Schönheit Genius.

In hoffnungslosem Leid gefangen,
Im Wirbelwind der lauten Welt
Erklang dein zartes Stimmchen lange,
Im Traum erschien dein zartes Bild.

Der Sturm rebellischer Visionen
Zerbrach, was einstmals Träume warn,
Dein zartes Stimmchen ging verloren,
Dein Götterbild schwand mit den Jahrn.

Ertaubt, im Finster der Verbannung
Still Tag um Tag von dannen schlich,
Kein Gott, und keine Musen sangen,
Kein Leben, Tränen, Lieben nicht.

Doch dann erwachte meine Seele:
Von neuem tratst du auf mich zu,
Erscheinung im Vorüberschweben,
Der reinen Schönheit Genius.

Erregung, Herzschläge erklingen,
Neu aus der Asche schwingt sich auf
Die Gottheit, und die Musen singen,
Und Leben, Tränen, Liebe auch.

(Übersetzung von Eric Boerner)

Am 3. September 1826 zitierte der neue Zar Nikolaus I. Puschkin zu sich nach Moskau und begnadigte ihn mit öffentlichkeitswirksamer Geste. Sicher spekulierte er darauf, sein eigenes Ansehen ins rechte Licht zu rücken, denn in den zwei Verbannungsjahren wuchs Alexander Sergejewitsch Puschkin zu dem heran, was er heute für Russland ist: “ Наше всё!“ – „Unser alles!“.

Пророк

Духовной жаждою томим,
В пустыне мрачной я влачился, –
И шестикрылый серафим
На перепутье мне явился.
Перстами легкими как сон
Моих зениц коснулся он.
Отверзлись вещие зеницы,
Как у испуганной орлицы.
Моих ушей коснулся он, –
И их наполнил шум и звон:
И внял я неба содроганье,
И горний ангелов полет,
И гад морских подводный ход,
И дольней лозы прозябанье.
И он к устам моим приник,
И вырвал грешный мой язык,
И празднословный и лукавый,
И жало мудрыя змеи
В уста замершие мои
Вложил десницею кровавой.
И он мне грудь рассек мечом,
И сердце трепетное вынул,
И угль, пылающий огнем,
Во грудь отверстую водвинул.
Как труп в пустыне я лежал,
И бога глас ко мне воззвал:
‚Восстань, пророк, и виждь, и внемли,
Исполнись волею моей,
И, обходя моря и земли,
Глаголом жги сердца людей‘

.1826

Der Prophet

Vom Durst nach Geist und Licht gemartert,
Ich einst durch finstre Wüsten ging,
Als mit sechs Schwingen, unerwartet,
Am Kreuzweg ein Seraph erschien.
Mit zarten Fingern, traumesschwer,
Mein Augenpaar berührte er,
Um wie bei Adlern, die erschrecken,
Die Augen heilig zu erwecken.
Das Ohr berührte seine Hand
Und mich erfüllten Lärm und Klang:
Und ich vernahm ein Himmelsbeben,
Der Engel weitgespannten Flug,
Der Meeresdrachen stiller Zug,
Das Rascheln, tief im Tal, der Rebe.
Er riss, geschmiegt an meinen Mund,
Des Sünders Zunge aus dem Schlund,
Die schwatzhaft ist und Argwohn hegt,
Und hat mit blutbedeckter Hand
Der weisen Schlange Zungenband
In den erstorbnen Mund gelegt.
Er hat mir, kraft des kalten Schwerts,
Die Brust zerteilt mit kurzem Streich,
Ersetzte dann mein zuckend Herz
Durch glühnde Kohle, flammenreich.
Ein Leichnam – lag ich in der Wüste,
Als Gottes Stimme mich erlöste:
»Steh auf, Prophet, und sieh, und höre,
Um ganz mein Wollen zu ergründen.
Durchquere Länder, und die Meere,
Durch’s Wort die Herzen zu entzünden.«

(Übersetzung von Eric Boerner)

Puschkin ist DER bedeutendste russische Dichter. Er verkörpert DIE russische Seele. Er begründete DIE russische Hochsprache. Sein Geburtstag ist Feiertag und gleichzeitig „Tag der russischen Sprache“. Russisten aler Länder pilgern an seine Grabstätte im Svjatogorsk-Kloster in Puschkinskie Gory wie ins Mekka der russischen Kulturologie und Philologie.

 

Literatur:

Lotman, Juri: Alexander Puschkin – Leben als Kunstwerk. Leipzig: Reclam, 1989

Borovsky, Kay; Müller, Ludolf: Russische Lyrik. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Russisch/Deutsch. Stuttgart: Reclam, 2006

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