Kaliningrad – Russlands abgetrennter Arm zur Ostsee

Unscheinbar lugt der kleine Flecken Erde aus der großen Europakarte hervor. Als wolle er, in seiner Umarmung durch Polen und Litauen vom Mutterland getrennt, nur keine zu große Aufmerksamkeit erregen. Dabei täuscht die überschaubare Größe der Ostseeexklave schnell über ihre tatsächliche Bedeutung als Spiegel deutscher Vergangenheit und russischer Gegenwart hinweg.

Als Stadt vollzog Kaliningrad im Laufe des 20. Jahrhunderts den Schritt vom östlichsten Zipfel Deutschlands zum westlichsten Brückenkopf Russlands. Von den früheren Etappen dieser Entwicklung künden heute noch einige architektonische Reminiszenzen. So erstrahlt auf der damals wie heute so genannten Kneiphof-Insel der Königsberger Dom in alter Pracht und nimmt weiterhin seine Rolle als kulturelles Zentrum wahr. Ansonsten aber hat sich seit 1945 nicht nur das Stadtbild Kaliningrads stark verändert. Auch seine strategische Bedeutung, wirtschaftliche Struktur und Verkehrsanbindung haben sich geändert – und nicht zuletzt die Art seiner Probleme.

Das Stadtbild Kaliningrads: Preußische Backsteinbastionen, umrahmt von sozialistischen Plattensünden

Tatsächlich passt Kaliningrad auf den ersten Blick nicht so ganz zum Rest des Landes. Eingezwängt in das Korsett einer Exklave, steht es im Widerspruch zu dem für Russland charakteristischen Bild von der unendlichen Weite des Raumes. Ein Teil dieser Weite findet sich höchstens hinter den Grenzen der Stadt, denn Kaliningrad ist nicht nur das unbestrittene Zentrum der nach ihr benannten Verwaltungseinheit (Kaliningradskaya oblast), sondern vereint mit seinen 453.461 Einwohnern auch insgesamt fast 50 % der Einwohner des ganzen Gebiets auf sich – was an größeren unbewohnten Landstrichen um die Stadt herum deutlich erkennbar wird.

Die relativ dichte Besiedlung der Stadt zeigt sich an der großen Zahl von Wohnblöcken, die allesamt zu Zeiten der Sowjetunion entstanden und deren architektonische Kernmerkmale widerspiegeln. Nachdem Kaliningrad 1945 in russische Hand gekommen war, setzte ein großangelegter Zuzug von Bürgern der Sowjetunion in die durch Krieg und Vertreibung entvölkerte Stadt ein. Fast 400 Millionen Zuwanderer gaben ihr eine neue Prägung, natürlich mussten sie auch untergebracht werden.

An die Zeit vor dem Fall des Eisernen Vorhangs erinnern aber auch Orte wie der „Platz des Sieges“ (Ploschtschad Pobedy), auf dem sich eine 8 Meter große Triumphsäule befindet. Diese wird gekrönt von einem nochmals 3 Meter messenden Siegesorden – der höchsten militärischen Auszeichnung der Sowjetunion. Gegenüber dem Siegesplatz, der neben seiner repräsentativen Funktion auch noch die eines administrativen Zentrums und Verkehrsknotenpunkts erfüllt, kündet die in den 1990er Jahren errichtete Christi-Erlöser-Kathedrale von der neugewonnenen Bedeutung der christlich-orthodoxen Religion im Leben vieler Russen.

Ein Ort, an dem die Wiederauferstehung des vorsowjetischen Königsberg sichtbar wird, befindet sich nicht weit von der Kneiphof-Insel. In Sichtweite des Doms, am anderen Ufer des Flusses Pregel, hat ein früherer Vizegouverneur von Kaliningrad das „Fischdorf“ errichten lassen. Dieses besteht aus einer Häuserzeile mit Fachwerkgebäuden im alten Stil und einem kleinen Leuchtturm. Mit dem weiter westlich gelegenen Gebäude der alten Börse und dem Dom stellt das Fischdorf die einzige Reminiszenz an das einst dicht bebaute Stadtzentrum und seine nähere Umgebung dar.

Trotzdem würde Immanuel Kant, seinerzeit täglich zur gleichen Zeit auf dem „Philosophendamm“ anzutreffen, sicher auch heute gern in seiner Heimatstadt spazieren gehen. Denn dort, wo nach dem Krieg die zerstörten Gebäude des alten Zentrums fast vollständig abgetragen wurden, befinden sich heute zahlreiche Parks und Freiflächen. Die Kneiphof-Insel ist eine grüne Oase und gewährt dem weltberühmten Philosophen eine würdevolle Ruhestätte. Dessen Grab befindet sich direkt neben dem Königsberger Dom.

Eine inoffizielle Touristenattraktion, die sich ebenfalls im Herzen des alten Stadtzentrums von Kaliningrad befindet, ist das Haus der Sowjets (Dom Sowjetow) – eine in den 1970ern errichtete, aber nie fertiggestellte Bauruine, von deren Dach aus die gesamte Stadt überblickt werden kann. Der Zutritt ist Unbefugten freilich verboten, was den für die Überwachung des Geländes zuständigen Mitarbeitern der Stadt einen lukrativen Nebenverdienst einbringt: gegen ein paar Rubel (Preis auf Verhandlungsbasis) wird kleineren Grüppchen von Neugierigen ein Betreten des Geländes und der – nicht ganz ungefährliche – Aufstieg auf das Dach gewährt.

Wer außerhalb des alten und neuen Stadtzentrums auf der Suche nach den Spuren des preußischen Königsbergs ist, wird nicht ganz erfolglos sein. So sind weiterhin Teile der alten Stadtbefestigung aus dem 19. Jahrhundert mit der für den Ostseeraum charakteristischen Backsteinarchitektur intakt. Besonders erwähnenswert sind als Teile dieser Anlagen diverse Stadttore wie das Königstor (Korolewskije worota) und der Dohnaturm (Baschnja Dona), welcher auch das Bernsteinmuseum Kaliningrads beinhaltet.

Bernstein im Überfluss, Probleme auch

Dass das bereits zu Wikingerzeiten gehandelte „Gold der Ostsee“ unverkennbar zur Identität Kaliningrads zählt, ist spätestens bekannt, seit 1942 das legendäre Bernsteinzimmer in das Königsberger Schloss gebracht wurde. Heute stößt man in Kaliningrad und Umgebung auf unzählige Läden und Stände, wo Bernsteinschmuck – gefüllt mit den verschiedensten Insekten und Schalentieren – verkauft wird. Das ist nicht verwunderlich. Schließlich lagern mit ca. 300.000 Tonnen rund 90 % der weltweiten Bernsteinvorkommen im Kaliningrader Gebiet. Die massenhafte Förderung des Schmucksteins erfolgt hauptsächlich in den Abbaugebieten um den Ort Jantarny, ca. 40 km westlich von Kaliningrad-Stadt an der Ostseeküste gelegen. Jedoch gibt es im Zusammenhang mit der Förderung gewisse Schwierigkeiten, da die Anlagen technisch veraltet sind und überdies in beträchtlichem Maß auch illegale Förderung stattfindet.

Zu Sowjetzeiten war das Kaliningrader Gebiet vor allem ein Zentrum der Fischindustrie, des Maschinenbaus sowie der Zellstoff- und Papierindustrie. Die drei Bereiche machten zusammen mehr als zwei Drittel des gesamten Produktionsvolumens der Oblast aus. In den 1990er Jahren kam es zu ihrem Zusammenbruch: durch die Trennung vom russischen Kernland traten massive Probleme mit dem Transport von Rohstoffen für die Maschinenbauwerke und Zellulosefabriken auf. Die Rüstungsindustrie verlor zwei Drittel der staatlichen Aufträge.

Auch für den Güterumschlag des Kaliningrader Hafens erwies sich die Exklave-Situation des Gebiets als tödlich, da aufgrund der hohen Bahn- und Transitgebühren weniger Güter vom russischen Kernland zur Verschiffung in die Ostsee dorthin transportiert wurden. Obwohl der Kaliningrader Seehafen Russlands einziger eisfreier Hafen in der Ostsee ist, betrug der Warenumschlag in den letzten Jahren nur knapp über 10 Millionen Tonnen. Im Vergleich dazu erreichte der Hamburger Hafen im Jahr 2014 einen Rekordwert von 145, 7 Millionen Tonnen.

Dennoch kommt gerade aus dem Kaliningrader Gebiet auch ein Zeichen der Hoffnung in Zeiten der Krise – nämlich in Gestalt der hier recht regen deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen, von denen das beiderseitige Verhältnis generell profitieren könnte. Nicht nur das BMW-Werk und die Hipp-Produktion im Kreis Mamonowo stehen stellvertretend hierfür, auch die allmonatlichen Treffen des deutsch-russischen Wirtschaftskreises bieten eine Möglichkeit des Dialogs über wirtschaftliche Kooperation.

Auswirkungen der gegenseitigen Sanktionen

Seit Mitte vergangenen Jahres haben sich die Probleme des Kaliningrader Gebiets im Zusammenhang mit seiner Exklave-Lage verstärkt. Grund dafür sind die Sanktionen des Westens und die russischen Gegensanktionen. Durch die starke Abhängigkeit vom Import landwirtschaftlicher Güter aus EU-Ländern, z. B. Polen und Litauen, haben sich für die Kaliningrader die Lebensmittelpreise seit der zweiten Jahreshälfte 2014 stark erhöht. Außerdem leiden Betriebe, die von Importen abhängig sind.

Die Auswirkung der Sanktionen macht sich darüber hinaus auf einem anderen Gebiet bemerkbar: dem sogenannten „kleinen Grenzverkehr“ mit Polen. Lag die Zahl der Grenzübertritte im Dezember 2013 noch bei rund 580.000, waren es ein Jahr später nur noch 277.000. Durch die Rubelentwertung und gestiegene Preise verzichten viele Kaliningrader auf das Reisen. Dabei ist der kleine Grenzverkehr ein Vorbildprojekt auf dem Weg zur Visa-Freiheit und eine echte Besonderheit. Denn es hatte lange Verhandlungen gebraucht, bis den Einwohnern der Oblast Kaliningrad gestattet wurde, ohne Visum bis nach Gdansk/Danzig zu reisen – bzw. bis die polnischen Bürger der angrenzenden Wojwodschaften das gesamte Kaliningrader Gebiet bereisen durften. Dass aber inmitten des angespannten Verhältnisses zwischen Russland und Polen ein solcher Vertrag weiterbesteht, zeigt ebenfalls ein vorhandenes Potenzial zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen auf.

Kaliningrad als Front- oder Brückenstadt zwischen Russland und dem Westen?

Die Frage ist nun: Welche Bedeutung sollte man Kaliningrad als Stadt und Gebiet im Licht neuer geopolitischer Herausforderungen geben? Ist es eher Front- oder Brückengebiet?

Geschichtlich gesehen hat es durch wechselnde Zugehörigkeiten die Erfahrung mit Hitlerismus, Stalinismus, Krieg und Zerstörung gemacht. Dadurch ist es ein Ort der Mahnung, sich um Frieden und gegenseitige Verständigung zu bemühen. Wofür ebenso das Erbe des Kosmopoliten Kant spricht, untrennbar mit dem Namen Königsberg verbunden und auch dann nicht geschmäht, als die Stadt Kaliningrad hieß, einem anderen politischen und kulturellen Raum angehörte.

Kaliningrad war zu Zeiten des Kalten Krieges Sperrgebiet, für westliche Besucher kaum zugänglich und überdies ein Tatort im Krimi des Wettrüstens zwischen den Weltmächten. Heute ist es das Labor für Experimente wie den kleinen Grenzverkehr, Ort der Pflege wirtschaftlicher Beziehungen und des Dialogs. Zwar kann auch heute noch nicht von einer guten Anbindung der Region die Rede sein: eine Zugfahrt, von Berlin ausgehend, würde über Minsk und Vilnius führen, über 37 Stunden dauern und damit deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen als die gleiche Strecke vor dem Krieg – und doch spricht einiges dafür, Kaliningrad heute als den Teil des russischen Europas zu sehen, der inmitten des EU-Europas liegt.

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