Pobeda! – Sieg!

Die Feierlichkeiten zum „Tag des Sieges“ haben in diesem Jahr im ganzen Land besondere Ausmaße angenommen – das runde Jubiläum wurde zum alles beherrschendem Thema. Gedanken zu den Feiern 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus der sibirischen Provinz.

Ein Maiabend am Springbrunnen. Fontan. Wenn der Fontan wieder plätschert, werden Fotos geschossen vom Frühling und vom Liebesglück. Auch in Barnaul, im Altai, im südlichen Sibirien, plätschern jetzt die Fontänen. Ich sitze am Rand des Bassins und schaue auf den Ploschtschad Sovetov, den monumentalen Platz der Stadt. Neben mir sitzt eine Jugendliche, auch allein. Der Abendwind kräuselt ihre langen blonden Haare. Sie hat rosa Hasenohren auf und einen verträumten Blick. Über ihr schwebt ein Luftballon in Panzerform. Keiner bleibt stehen und wundert sich. Der Panzer ist ein T-34, der Panzer der „Befreiung Europas vom Faschismus“, wie es hier heißt. Hinter dem Luftballon schreitet Lenin voran, dazu rote Fahnen.

Ich spaziere durch Barnaul, an diesem 9. Mai 2015, dem 70. Jahrestag des Kriegsendes und des Sieges der Sowjetunion über Nazi-Deutschland. Als ich mir bei „Damask“, wo Döner namens „Schaurma“ verkauft werden, die Nr. 7 bestelle, mit Pommes Frites statt Fleisch, prangt mir aus dem Abrechnungsheft der Verkäuferin, die vielleicht Armenierin oder Georgierin ist, statt des Datums eine andere Überschrift entgegen: „Den Pobedy – Tag des Sieges“. Alle feiern diesen Tag! Die Stadt ist in Schale.

Hinterland

Barnaul war im Krieg „Hinterland“. Von hier kamen Soldaten. Hierher kamen die Fabriken, aus Charkow, Odessa, Stalingrad. Besonders stolz sind die Barnauler auf die Rüstung, die hier produziert wurde: Motoren für Panzer, Granatwerfer, Munition. Mit dem Krieg wurde Barnaul zur Groß- und Industriestadt. Und ich? Eine Deutsche hier. Komischerweise ist es einer der wenigen Tage, an denen mich keiner darauf anspricht, dass ich Ausländerin sei.

Nur Serjoscha*. Auf dem Weg zur Parade, treffe ich ihn zufällig vor dem Wohnheim. Ob er mir etwas Mat, den russischen, sagen wir, Männer-Jargon, beibringen solle. Er komme ja aus dem tiefsten Russland, „iz glubinki“, ein echter Profi. Wir kennen uns aus dem Seminar über die Geschichte des Altai. Serjoscha ist klein und ein bisschen fahrig. Wenn wir uns sehen, gibt er mir die Hand. Das ist unüblich hier, dass sich Frauen und Männer die Hand drücken.

Irgendwie muss er sich rechtfertigen, dass er selten in der Uni ist und sich nicht vorbereitet. „Ich weiß sowieso alles. Ich bin nämlich zukünftiger Politiker, Mitarbeiter eines Deputierten.“ Ob das Selbstironie oder Prahlerei ist, kann ich nicht erkennen. Zur Parade will er aber nicht mitkommen. „Hab‘ heute etwas anderes zu tun, hab‘ schon letzte Woche meine Pflicht erledigt, da habe ich die Gräber von Gefallenen aufgeräumt.“ Aber er erklärt mir: „Paraden sind doch wichtig, um die militärische Stärke des Staates zu zeigen. Gibt es denn bei euch keine Paraden?“ Ich: „Selten. Wenn es welche gibt, gehe ich zum Protest dagegen.“

Das findet er interessant, dass ich woanders herkomme und anders über Paraden denke als er. Aber mehr noch beschäftigt ihn das Soziale: Ob es denn Obdachlose gibt in Deutschland und ob sie Geld bekommen. Ich sage: „Ja, das ist schon möglich, wenn sie die richtigen Papiere beim Amt abgeben. Es gibt Sozialhilfe: 450 Euro und dazu Wohnungsgeld.“ Er und sein Freund berechnen: 20000 Rubel. „Weißt du wie viel der Lohn bei uns hier im Altai ist? 10 oder vielleicht 15000. Das ist eben unser Russland.“

Mit den Siegern sprechen

Also gehe ich ohne Serjoscha auf die Parade. Ich mache keinen Protest. Ich schaue. Es ist ja auch der Tag des Sieges über den Faschismus. Freut mich das denn nicht? Wenn ich mit den Leuten hier über den Krieg rede, ist da eine Blockade. Sie sagen, dass der Frieden wichtig ist. Dass ja alle gelitten hätten. Die Veteranen, ihre Großväter, haben für den Frieden gekämpft. Vielleicht wüssten sie gern, wie es ist, Deutsche zu sein, Großväter zu haben, die für die Nazis gekämpft haben. Aber sie wollen mich nicht beleidigen.

Auch mir liegen sofort Fragen auf der Zunge, die ich nicht stelle: Und was ist mit 1939, als Stalin auch in Polen einmarschiert ist? Aber ich versuche es auf die friedliche Weise und spreche „über mich“. Über Deutschland. Dass meine Großväter und Großmütter nicht nur gelitten haben. Dass sie auch Täter waren. Wir reden aneinander vorbei. Für viele Menschen hier ist der Krieg außerhalb der Geschichte. Er ist ein mythisches Geschehen, in dem ihre Großväter das Böse bezwungen haben. Wer dieses Böse war und was dahinter steckte, darüber kann ich nicht mit ihnen sprechen.

Die nächste Frage – sie brennt zurzeit vielen Europäern unter den Nägeln – ist: Und wie haltet ihr es heute mit dem Frieden, warum kämpfen russische Soldaten und Panzer in der Ostukraine? Aber an diesem 9. Mai in Barnaul stehen alle Zeichen auf Geschichte. Politische Fragen scheinen da fehl am Platz. Von allen Werbeflächen der Stadt glänzen schon seit Wochen die Zahlen 1941 und 1945, dazu Aufschriften wie: „Herzlichen Glückwunsch zum großen Sieg!“, „Wir sind stolz und erinnern uns!“ oder „Opa, danke für den großen Sieg“. Am meisten irritiert mich ein riesiges Werbeplakat vor der Uni: Eine Karte der Sowjetunion in rot, darauf Hammer und Sichel und die Aufschrift „9. Mai“ in groß. Im Hintergrund schwarz-weiße Bilder vom Krieg. Und – Stalins großes Konterfei.

An diesem Tag kommt zu der visuellen Deko die akustische hinzu. Auf allen Plätzen ist das Lied des Sieges zu hören – „Tag des Sieges, Tag des Sieges, Tag des Sieges – Mutter, sei gegrüßt, aber nicht alle sind wir zurück… Barfuß durch den Morgentau laufen, das wäre so ein Glück. Durch halb Europa marschiert sind wir, wie haben wir auf diesen Tag gewartet…“

Panzer und Zuckerwatte

Es ist ein verlängertes Wochenende. Deswegen hatte ich gedacht, dass die Menschen an einem solch sonnigen und warmen Mai-Tag in ihre Gärten, auf ihre Datschen fahren. Aber sie strömen zur Parade, junge Paare, Familien, gebeugte alte Frauen. Alle sind sie adrett gekleidet, tragen als Zeichen ihres Dankes an die Väter und Großväter orange-schwarze Georgsbänder – das Symbol des Sieges der Sowjetunion. Manche haben sowjetische Uniformen an, Armeemützen. Kinder wedeln mit der russischen Trikolore und roten Fahnen. Polizisten in Feiertagsstimmung ordnen das Fest.

Die Menschen säumen den Lenin-Prospekt. Eine Parade, wie sie sein muss, die Regimenter marschieren und ich sehe kaum etwas. Aber ich stehe da, wie alle anderen: die Zuschauermasse als Schmuck und Stolz der Stadt. Waffen werden keine großen gezeigt, es fliegen keine Flugzeuge über unsere Köpfe hinweg, dafür ist Barnaul zu unwichtig. Zum Schluss der Parade wird ein Schwarm weißer Tauben frei gelassen. So setzt sich der Tag fort: eine perfekte Inszenierung. Tanz, Gesang, Blasorchester überall in der Stadt.

Nach der Parade folgt der Umzug des „Unsterblichen Regiments“ (die Menschen tragen Bilder von ihren gefallenen Großvätern), später ein „Friedensumzug“ (weiße Gestalten mit Kerzen laufen in der Abenddämmerung den Lenin-Prospekt herunter). Kuriositäten: Männer machen im Kreis Liegestützen, wer einen 5-Minütigen Klimmzug am Barren aushält, bekommt 1000 Rubel; die Museen der Stadtteile zeigen ihre Schätze, Blechbecher, Waffen, Schuhe aus dem Krieg. Abends gibt es ein riesiges Feuerwerk und rund um die Uhr Zuckerwatte.

In Barnaul gibt es Zuckerwatte, während der Präsident des Landes die glänzendste Parade auf dem Roten Platz abhält, behauptet, dass die Sowjetunion den Zweiten Weltkrieg auch ohne die Ukraine gewonnen hätte und den Molotow-Ribbentrop-Pakt als gute Außenpolitik rehabilitiert. Langhaarige Mädels tanzen in Militäruniformen auf einer „Sieges-Bühne“, links und rechts wird auf Bildschirmen das zerstörte Berlin gezeigt.

Ich verstehe all das so: Es ist eine heldenhafte Zeit, die hier gefeiert wird. Und da heute richtig an sie erinnert wird, ist auch die heutige Zeit eine heldenhafte, in der Russland sein heldenhaftes Erbe verteidigen muss. Und das, behauptet Präsident Putin, schafft Russland heute auch allein. Und warum? Weil alle so heldenhaft sind. So einfach scheint mir die Erklärung zu sein und so gefährlich. Denn sie weckt die Hoffnung auf Gemeinschaft, die viele in dem Russland der 1990er, des wilden Kapitalismus, vermisst haben. Basis dieser Gemeinschaft ist ihr gemeinsamer Sieg über Hitler. Es ist daher kein Wunder, dass letztes Jahr die Leugnung der Verdienste der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg unter Strafe gestellt wurde.

Sturm auf den Reichstag

Tania und ich, die beiden Austauschstudentinnen aus Deutschland, sind im Wohnheim. Es klopft laut. Wir machen die Tür auf und vor uns steht unser Freund Kolja. Kolja hat ein lachendes Gesicht. So haben wir ihn kennen gelernt. Auch jetzt strahlt er: Er hat eine Wehrmachtsuniform an, mit Adlersflügeln und Hakenkreuz auf der Brust. „Na, wie gefällt’s euch?“ Kolja ist stolz, dass er bei dem großen Event mitmacht. „Rekonstrukcja schturma rejchstaga.“ Die Nachstellung des Sturms auf den Reichstag. Dieser Rummel um den Sieg geht mir langsam richtig auf die Nerven. Ich will mich lauthals drüber streiten. Aber mit wem? Stattdessen gehe ich hin. Anna geht hin, Sascha geht hin, unsere Freundinnen hier.

Als Tania und ich auf dem Platz ankommen finden wir sie gar nicht – es sind viel zu viele Leute da. Ein Ansager gibt den Ton an, die Nazis sitzen oben auf dem Hügel, die sowjetischen Soldaten stürmen von unten mit roten Flaggen. Anstatt gebannt zu sein, diskutieren wir die ganze Zeit darüber. Manchmal dreht sich jemand um, mustert uns. Wir drosseln den Ton, wir fühlen uns unbehaglich mit unserem Deutsch. Die Leute fiebern mit, sind aber nicht im Taumel. So ein Event eben. Sie fotografieren und filmen, Kinder sitzen auf Schultern und schauen in den Rauch und das Feuer.

Am Ende ein trauriges Lied, die Mutter Heimat steht in Weiß über den siegreichen Soldaten und trauert um die gefallenen Helden. Am Ende gibt es Feuerwerk – das zweite große Feuerwerk an diesem verlängerten Wochenende. Feuerwerk heißt in Russland: Frieden, Sieg und Glück. Gibt es all das heute in Russland? Nach der Anzahl der Feuerwerke an diesem Wochenende zu schließen: ja.

Blicke aus verschiedenen Richtungen

Zu Hause klopft es wieder laut. Wieder steht Kolja vor der Tür, diesmal ohne Uniform. „Wie schön du jetzt aussiehst“, sage ich. Seine Sätze überrollen einander beim Erzählen. Wie ihn Passanten fotografiert haben, wie ein Veteran ihm eine Geschichte über den Krieg erzählt hat, wie er auf der Straße getanzt hat, wie er sich verteidigt hat gegen die Bolschewiki. Er zitiert sein Interview mit einem Fernsehjournalisten: „Wir geben den Reichstag nicht auf. Wir kämpfen bis zum letzten Mann.“ Ich frage ihn, warum er das so toll findet. „Mir gefällt die Spannung. Die ganze Stadt schaut zu. Und für die Veteranen machen wir das. Sie haben ja gegen die Faschisten gekämpft.“

Vor drei Jahren ist Kolja aus der Armee zurückgekommen, wo er seinen Militärdienst gemacht hat. „Hast du da auch geschossen?“ Ja, wir haben Kämpfe gegen Terroristen nachgestellt. Aber so richtig echt war das nicht.“„Und hat es dir in der Armee gefallen?“ „So richtig hat es mir nicht gefallen“, sagt er und schaut auf den Boden. „Da sind die Menschen nicht wie hier. Sie sind anders, von einem Tag auf den anderen verändern sie sich. Jeder ist für sich, niemand setzt sich für dich ein.“ „Würdest du wieder hingehen?“ „Wenn ich nichts finde, absolut nichts, gar nichts, dann geh ich vielleicht zurück.“ Kolja ist plötzlich niedergeschlagen. Er kann nur uns von seinem Auftritt erzählen, die Freunde, die er eingeladen hat, sind alle nicht gekommen.

Am nächste Abend sind wir bei Freunden eingeladen. „Und was habt ihr an den Mai-Feiertagen gemacht?“ Ich frage das mit schwerem Herzen, weil ich erwarte, dass sie mir begeistert von der Parade erzählen. Aber die beiden Paare antworten einhellig:„Zu Hause gesessen.“ Ich horche auf. „Wieso ward ihr nicht da draußen?“ Mischa, der etwas forscher ist, sagt: „Wisst ihr, uns gefällt das nicht so richtig da draußen. Besonders nicht an diesem Tag.“ Ich merke, dass es ihnen schwer fällt, darüber zu sprechen. Es ist, als ob sie ein Geheimnis ausplaudern würden.

„Wisst ihr, die Leute hier sehen das anders. Sie verstehen uns nicht. Sie denken, wir sind keine Patrioten, wir sind – Feinde.“ Und Slava: „Vor zehn Jahren war das noch ein Tag des Gedenkens, der Trauer. Jetzt ist das so ein Fest, um die jetzige Regierung zu stützen.“ Das Wort „Putin“ vermeiden sie. Mischa amüsiert sich, dass sie es bei der Nachstellung der Schlacht um den Reichstag nicht geschafft haben, die rote Flagge bis auf die Spitze des Mastes zu ziehen. Ob er denn da war? Nein, das habe ich in den sozialen Netzwerken gelesen. Die die so denken, sitzen in den Wohnungen. Als wir gehen, sagt Slava: „So ein Abend, an dem wir über Politik geredet haben.“

*Alle Namen im Text wurden geändert.

Zum Weiterlesen über das Thema:

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