Kommunehäuser: Gesellschaftlicher Wandel durch Architektur

In den 1930er Jahren entstanden in vielen Städten der Sowjetunion Projekte experimenteller kommunaler Wohnformen. Sie sollten nicht nur den Wohnungsmangel beheben, sondern auch die Veränderung gesellschaftlicher Strukturen befördern. Als Verwirklichung einer sozialen Utopie scheiterten diese Projekte zwar, als architektonische Zeugnisse aber sind einige von ihnen mancherorts bis heute erhalten geblieben. Ein Blick nach Nischni Nowgorod.

Ende der 1920er Jahre war die Wohnsituation in der Sowjetunion prekär: Bei einem Bevölkerungszuwachs von 150.000 pro Jahr allein in Moskau konnte der vorhandene Wohnraum in den Städten kaum ausreichen. Die noch in der Zarenzeit üblichen Holzhütten, Arbeiterbaracken und Kellerwohnungen in den Häusern der Reichen passten nicht mehr zu der neuen Situation im Land. So vollzog sich in den 1930er Jahren ein Wandel im sowjetischen Wohnungsbau.

Die neuen Wohnbauten sollten vor allem billig sein, schnell zu erbauen und gleichzeitig ideologisch dem sozialistischen Gesellschaftsmodell entsprechen. Der im Westen und vor allem in Deutschland zu der Zeit übliche Hochbau mit 3-4-Zimmer-Wohnungen war für diese Ziele nicht geeignet, denn vor allem war er zu teuer. Eine neue Art des Wohnens musste her. Eine Alternative fand man in kommunalen Wohnformen.

Der Übergang zu kommunalen Wohnformen war für Russland ein logischer Schritt. Ein großer Teil der Bevölkerung hatte bereits Erfahrung mit kommunalem Wohnen in Form von Studentenwohnheimen, Militärbaracken oder Arbeiterhütten, in denen man oft zu zehnt auf engem Raum hauste.

Durch die Kommunalisierung von Alltagsfunktionen konnte man diese aus dem Wohnraum herausnehmen und dadurch die Mieten senken. Die Arbeiter sollten nicht mehr in ihren privaten Wohnungen kochen, sondern in Speisesälen fertig gekochtes Essen serviert bekommen. So wurde außerdem Arbeitszeit eingespart, welche die Arbeiter produktiveren Aufgaben widmen konnten. In den meisten kommunalen Wohngebäuden gab es außerdem eine gemeinschaftliche Wäscherei, Duschräume und eine Bibliothek mit einer „Roten Ecke“ zum gemeinsamen Studium politischer Texte. Lange Flure und Balkone sollten Orte der sozialen Begegnung werden.

Die neuen Wohnprojekte bauten auf frühsozialistische Utopien auf. Schon im 18. Und 19. Jahrhundert hatten etwa Charles Fourier und Jean-Baptiste Godin Projekte des kommunalen Wohnens entwickelt. Man wollte den Menschen durch Architektur umerziehen, ihn besser, produktiver machen. Dem hat zugrunde die Vorstellung gelegen, dass der Mensch in sich gut ist, und dass es nur die Umstände und die Umgebung sind, die ihn schlecht machen. Eine ideale, harmonische Gesellschaft erreicht man also nur dann, so die Folgerung, wenn man dem Menschen alles gibt, was er braucht: engen sozialen Zusammenhalt, Möglichkeiten zum Austausch und zum gemeinsamen Arbeiten und öffentliche kulturelle Institutionen, darunter Theater, Sportsäle und Bibliotheken, um seine Neugierde zu befriedigen.

Dem sozialistischen Gesellschaftsmodell, dachte man, widersprach die traditionelle Familie, die den Rückzug des Menschen ins Private förderte und ihn nach dem eigennützigen Wohl der eigenen Familie streben ließ. So lebten in der „Familistère“ von Godin viele der Erwachsenen alleine und orientierten sich an der freien Liebe. Die Kinder wuchsen in separaten Gebäuden auf, nicht bei den Eltern. Dadurch wurde eine der wichtigsten Aufgaben der sozialistischen Utopisten erfüllt: Die Befreiung der Hausfrau von der Hauswirtschaft und der Kindererziehung.

Eine Reihe Radikaler forderte ebenso in den neuen sozialistischen Wohnprojekten der Sowjetunion eine Trennung des Wohnraumes nach Alter. Neben solchen radikalen Wohnprojekten, die „Dom-Kommuna“ (dt. „Kommunehaus“) genannt wurden, entstanden aber auch viele „Übergangsformen“ kommunalen Wohnens, in denen familiäre Strukturen nicht oder nur teilweise aufgelöst werden sollten.

Kommunales Wohnen in Nischni Nowgorod

Ein Großteil der kommunalen Wohnprojekte wurde natürlich in den bevölkerungsreichsten Städten Moskau und Sankt Petersburg umgesetzt. Das legendäre Moskauer Dom Narkomfina der Architekten Ginsburg und Milinis etwa war eines der ersten und bis heute wohl bekanntesten Projekte.

Trotzdem findet man auch in kleineren russischen Städten versteckte Schätze der kommunalen Baukunst – zum Beispiel in Nischni Nowgorod.

1. Kommunehaus „Kulturnaja Revoluzija“  

Grundriss des Kommunehauses. 1930. W. W. Medwedjew

Mitten im Stadtzentrum in einer Seitenstraße der Haupteinkaufsmeile befindet sich eine ungewöhnliche Gebäudekonstellation: fünf längliche Gebäude, die je auf der zweiten und fünften Etage mit geschlossenen Übergängen verbunden sind. Darum herum – Grünflächen, ein Basketballfeld, ein Spielplatz. Einige der hölzernen Übergänge fehlen oder sind zugemauert. Die Gebäude sind unterschiedlich gut renoviert, sodass man den Eindruck bekommt, bei einem Rundgang über das Gelände eine kleine Reise durch die Jahrzehnte zu machen.

Auf eine Initiative der örtlichen Arbeiterschaft hin wurde das Kommunehaus 1930 von dem Petersburger Architekten W. W. Medwedew entworfen. Es sollte aus vier Wohngebäuden und einem Kindergarten bestehen. Für das als „Übergangstyp“ geplante Kommunehaus sah der Entwurf keine Trennung der Wohnräume von Erwachsenen und Kindern vor, allerdings sollten die Mütter durch den Kindergarten von der Kinderbetreuung entlastet werden. Ein-Zimmer-Wohnungen waren für Studenten vorgesehen, 2- und 3-Zimmer-Wohnungen für Familien. Obwohl es einen Speisesaal auf jeder Etage gab, sollte jede Wohnung zusätzlich mit einer kleinen Küchennische ausgestattet werden, damit Familien die Wahl hatten, selbst zu kochen.

Die vier Wohngebäude wurden bereits 1931-32 erbaut, während finanzielle Probleme den Bau des Kindergartens bis 1934 herauszögerten. Da Wohnraum dringend gefragt war, wurden viele Wohnungen an mehr als eine Familie vermietet, einige Familien funktionierten sogar die Bibliothek in vorübergehenden Wohnraum um. Auch der Speisesaal funktionierte nicht wie geplant: Zulieferungsengpässe und Geldmangel führten letztendlich zu seiner Schließung.

Das als ein ganzer, lebendiger Organismus geplante Kommunehaus konnte nie seine Funktion erfüllen und ist heute nur noch ein ganz gewöhnlicher Wohnungskomplex. Ihr Schicksal ist symptomatisch für viele ähnliche Projekte der 1930er Jahre.

2. Kommunehaus „Klub F. E. Dserschinskowo“

1930 bis 1932 wurde noch ein weiteres Kommunehaus in Nischni Nowgorod erbaut. Das Kommunehaus des Nischni Nowgoroder Architekten A. N. Tjupikow war für die Arbeiter des Inlandsgeheimdienstes vorgesehen. Neben einem großen, halbrunden Klub-Theater gab es eine Bibliothek, einen Speisesaal und einen Sportsaal. Der Wohnraum war in bequeme 3- und 4-Zimmer-Wohnungen und kleine Wohn-Schlafzimmer für ein oder zwei Personen aufgeteilt. Auf jeder Etage gab es zusätzlich Toiletten und eine Gemeinschaftsküche.

Ähnlich wie das Kommunehaus „Kulturnaja Revoluzija“ scheiterte das Projekt. Die langen Flure wurden zu Abstellkammern umfunktioniert und den Speisesaal benutzte niemand. Am Ende war nur noch der Klub in Benutzung. Heute steht das Gebäude komplett leer.

 

3. „Sozgorod“ der Automobilfabrik

Am Stadtrand, etwa vierzig Minuten Fahrt vom Zentrum entfernt, befindet sich eines der aufwändigsten, aber nur ansatzweise realisierten Projekte der 1930er Jahre: die „Gorod-Kommuna“ (dt: „ Kommunestadt“) „Sozgorod“. Das Projekt war eines von drei solcher experimentellen kommunalen Arbeitersiedlungen neben der „Grünen Stadt“ in der Nähe von Moskau und der „Uralmasch“ in Jekaterinburg. Im Vergleich sollte herausgefunden werden, welche der drei Arbeitersiedlungen am meisten den Bedürfnissen der Arbeiter entsprach und als Modell für andere russische Städte gelten konnte.

Ein weitläufiger Stadtteil Nischni Nowgorods sollte 1930 für die etwa 25000 Arbeiter der neu gegründeten Autofabrik umgestaltet werden. Dazu wurde er in drei funktionale Bereiche aufgeteilt: einen Arbeitsbereich mit dem Fabrikgelände, einen Park zur Erholung und einen Wohnbereich. Den Plan für die Wohngebäude entwickelte ein Studentenkollektiv der Moskauer technischen Hochschule unter der Leitung von A. G. Mordwinow. Sie entwarfen einen Wohnkomplex, der aus zwei Kommunehäusern mit je sieben Einzelgebäuden bestehen sollte. Die Wohngebäude sollten an einen Kindergarten und zwei Tagesbetreuungsstätten angeschlossen werden. Ein Kulturzentrum (Klub) sollte einen Versammlungssaal, einen Sport- und einen Speisesaal, außerdem Kiosks und eine Poststelle in sich vereinen.

Für jedes Kommunehaus war eine Aufteilung nach Altersgruppen vorgesehen: im zentralen Wohngebäude sollten Schulkinder wohnen, in den beiden angrenzenden Gebäuden Jugendliche, daneben Erwachsene mit Kindern und ganz außen Erwachsene ohne Kinder. Alle Gebäude sollten mit verglasten Übergängen miteinander verbunden werden, die einen Blick auf die Grünanlagen und Spielplätze der Umgebung ermöglichten. Wohn-Schlafzimmer sollte es auf beiden Seiten des Korridors geben, allerdings keine voll ausgestatteten Wohnungen. Auf jeder Etage sollte es eine „Rote Ecke“, Gemeinschaftsküchen und Waschräume geben.

Im Herbst 1930 wurde das erste Gebäude errichtet. Obwohl es noch kein fließend Wasser hatte und sogar Heizungen noch nicht angebracht waren, wurde es aufgrund der drängenden Wohnungsknappheit schon bezogen. In die Wohnungen, die nur für eine Person vorgesehen waren, zogen nun Familien mit drei oder mehr Mitgliedern. Die eigentliche Idee des Kommunehauses, Familien räumlich aufzuteilen, konnte so nicht umgesetzt werden. Als deutlich wurde, dass bis zur Eröffnung der Fabrik 1932 ein so komplexes Projekt zeitlich und finanziell nicht umgesetzt werden konnte, wurde das Projekt Mordwinows und seines Studentenkollektivs bis zur Unkenntlichkeit umgewandelt. Zwar wurden etwa 40% der Wohngebäude kommunal organisiert und hatten eigene Speisesäle und andere gemeinschaftliche Einrichtungen, allerdings wurden neben den komplexen, kommunalen Wohngebäuden auch reihenweise einfachere, fünfstöckige Häuser und Übergangswohnungen erbaut.

Trotzdem unterscheidet sich der „Sozgorod“ von anderen Stadtteilen Nischni Nowgorods: die Straßen sind breiter, besser organisiert, hinter jedem Wohnhaus gibt es große Parks mit Spielplätzen und oft einem eigenen Kindergarten. Die Gebäude sind individualisiert, angepasst an die Wohnbedürfnisse verschiedener Arbeiter – so bietet das eindrucksvolle „Radiusnij Dom“ luxuriöse, zum Teil kommunale Wohnungen, die ursprünglich für die Vorsteher der Fabrik, aber auch für Ärzte und Lehrer vorgesehen waren. Die oberen zwei Etagen waren als Wohnheim für Ingenieure angelegt und durch Aufzüge mit den anderen Etagen verbunden. Heute sind noch zwei der kommunalen Wohnungen in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten.

Die öffentlichen Einrichtungen des Stadtteils sind außerdem nach Zonen aufgeteilt: nach einer „grünen Zone“, welche das Fabrikgelände von dem Wohnviertel abtrennt, gibt es eine „Einkaufs- und Gesellschaftszone“ mit dem zentralen Einkaufszentrum, einem Kino, einer Sauna, einer Feuerwehrstation und ab 1935 einem Hotel. Hinter einer Reihe Wohnhäuser schließt eine „Schulzone“ an. Danach folgt eine „medizinische Zone “ mit einem Krankenhaus. Im Norden und Süden des Viertels erstrecken sich weitläufige Parks. Heute ist diese Einteilung natürlich kaum noch zu erkennen; eine Vielzahl an Schulen, Arztpraxen und Supermärkten ist über das gesamte Viertel verteilt. Obwohl die Arbeitersiedlung nicht nach ihrem ursprünglichen Plan gebaut worden ist, ist sie wohl das erfolgreichste der vorgestellten Projekte in Nischni Nowgorod. Der Stadtteil bietet nicht nur interessante, postkonstruktivistische Bauwerke, sondern auch in vielerlei Hinsicht komfortablere Wohnmöglichkeiten, als das im Rest der Stadt der Fall ist.

Sieht nicht danach aus, wird aber noch benutzt: die öffentliche Sauna.

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