Malye Korely

25 km südöstlich von Archangelsk befindet sich, am rechten Ufer der nördlichen Dwina gelegen, das größte Freilichtmuseum für Holzbaukunst in Russland. Über 100 Bauwerke aus vier Regionen des russischen Nordens sind hier versammelt, das Älteste stammt aus dem 16. Jahrhundert. Auf 140 Hektar konzentriertes altes Russland. Der vierte und letzte Teil unserer Reihe zur russischen Holzarchitektur.

(Teil 1: Alte Baukunst im modernen Stadtbild; Teil 2: Holzfenster-Kunst im fernen Sibirien; Teil 3: Idylle aus Holz)

Im rauen Klima des russischen Nordens, dessen landschaftliches Bild geprägt ist von ausgedehnten, riesigen Waldgebieten, hat die Holzbaukunst einen ganz besonderen Höhepunkt erreicht. Es sind nicht nur die Fertigkeiten der Baumeister, die Vielgestaltigkeit der Formen und Stile oder die Fülle der Details bei den Verzierungen und Dekorationen, die beeindrucken, es sind vor allem auch die Ausmaße der Gebäude. Sie gehören zu den Größten, die von der russischen Holzarchitektur hervorgebracht wurden.

Diese Einzigartigkeiten zu erhalten, dazu wurde auf Initiative archangelsker Architekten im Jahr 1963 das Freilichtmuseum Malye Korely gegründet. Aus den entferntesten Dörfern und Ortschaften der Region brachte man etwa 120 Gebäude hierher, baute sie an ihren ursprünglichen Standorten auseinander und auf dem Gelände des Museums neu wieder auf.

Seinen Namen hat das Museum, dessen vollständige Bezeichnung „Staatliches Museum für Holzbau- und Volkskunst der nördlichen Gebiete Russlands Malye Korely“ lautet, von einem kleinen Dorf ganz in seiner Nähe – Malye Karely (Klein-Karelien). Diese Benennung erinnert an das finno-ugrische Volk der Karelen, in alter Schreibweise Korelen. Vom 12. bis 14. Jahrhundert haben sich einzelne Stämme, nordöstlich von ihrem eigentlichen Siedlungsgebiet, in der Gegend um die Mündung der Dwina in das Weiße Meer niedergelassen. Russische Siedler, die seit dem 15. Jahrhundert in dieses Gebiet gekommen sind, verwendeten das Ethnonym für eigene topographische Bezeichnungen. So gibt es in der Region etwa auch noch das Dorf Bolschye-Karely (Groß-Karelien), das Nikolo-Korelsky-Kloster oder den kleinen Fluss Korelka, der unweit des Museums in die Dwina mündet.

Die architektonischen Exponate des Museums umfassen Gebäudetypen aller Bereiche: Kirchengebäude, Wohnhäuser einfacher Bauern und wohlhabender Kaufleute, Windmühlen, Brunnen, Scheunen, Schmieden. Zu den ältesten Bauwerken gehören ein Glockenturm aus dem 16. Jahrhundert, sowie zwei beeindruckende Kirchengebäude: die Auferstehungskirche (1669) und die Georgskirche (1672).

Das Museum sieht seine Aufgabe aber nicht nur im Erhalt bedeutender Beispiele russischer Holzarchitektur, sondern hat sich noch weit darüber hinausgehende Ziele gesteckt. In der Selbstbeschreibung heißt deshalb etwa:

„Die Grundidee, die das Leben des Museums bestimmt, besteht darin, eine geistige Verbindung zwischen der gegenwärtigen Welt und der vergangenen herzustellen, die Kultur des russischen Nordens, ihr unnachahmliches Kolorit und ihre einzigartige Schönheit zu bewahren.“

Dementsprechend bieten gerade die Wohnhäuser auch Einblicke in das alltägliche Leben nordrussischer Dörfer und ihrer Bewohner, bieten die Wirtschaftsgebäude Einblicke in die Arbeitsweise verschiedener Handwerke. Einige der größeren Gebäude beherbergen außerdem historisch-ethnografische Ausstellungen, in deren Zentrum vor allem die Kultur der Pomoren steht, jener russischen Bevölkerungsgruppe, die das Gebiet um das Weiße Meer bewohnt hat und spätestens seit dem 18. Jahrhundert eine eigene Identität, ein eigenes Selbstverständnis ausgebildet hat. Diese gründeten sich ganz wesentlich auf den Hauptwirtschaftszweig in dieser Region, den Fischfang. Da Landwirtschaft in den sehr kurzen und kühlen Sommern nur bedingt möglich war, haben hier, neben den Wäldern, auch das Meer und die Flüsse das Leben der Menschen auf ganz entscheidende Weise mitgeprägt.

Bewegt man sich über das weitläufige Gelände des Museums, dann bekommt man tatsächlich das Gefühl, zumindest ein Stück weit in eine vergangene Welt einzudringen. Das Freilichtmuseum ist aufgeteilt auf vier Bereiche, je nach Herkunftsregion der dort anzutreffenden Gebäude. Jeder Bereich ist der Struktur eines typischen Dorfes nachempfunden und so bewegt man sich letztendlich auch von Dorf zu Dorf. Auf Holzstegen, über einen Fluss, mitten durch den Wald. Zwischendurch tauchen immer mal wieder Frauen mit bunten Tüchern um den Schultern und auf dem Kopf auf. Jeder von ihnen „wacht“ über ein Gebäude und kann dazu Geschichten erzählen, Geschichten darüber, wie die Menschen hier gelebt und gearbeitet haben.

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3 Gedanken zu „Malye Korely

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