Jakutien – ein fernöstliches Reich aus Frost und Eis

Mit einer Fläche von knapp 3 Millionen Quadratkilometern ist es das größte Föderationssubjekt Russlands und die größte unterstaatliche territoriale Einheit der Welt. Mit etwas weniger als 1 Million Einwohnern dafür allerdings ziemlich dünn besiedelt. Im Osten Sibiriens gehören die Wetterbedingungen eben nicht unbedingt zu den Lebensfreundlichsten. Dennoch, übersetzt aus der Sprache der Jakuten bedeutet der Name der Republik Sacha – „Mensch“.

Weitab im Fernen Osten Russlands befindet sich das größte Föderationssubjekt der Russischen Föderation: die Republik Jakutien bzw. Sacha – erstere eine Bezeichnung der russischen Bevölkerung, letztere der Jakuten selbst. Jakutsk ist die Hauptstadt der Republik und beheimatet in etwa 300.000 Einwohner. Die Stadt gilt als kälteste Großstadt der Welt. Eine Stadt der Extreme mit einer Temperaturspanne von 100 °C – im Winter bis zu -60°C, im Sommer bis zu +40°C. Hier über das Wetter zu sprechen, ist wahrlich kein Smalltalk mehr. Der Winter hat die Stadt neun Monate im Jahr fest im Griff. Der Sommer ist kurz und heiß, der Winter lang und hart. Frühlingshafte oder herbstliche Übergänge gibt es nicht.

 Geografische Ferne

Doch Jakutsk ist nicht nur für seine klimatischen Extreme bekannt. So ist Jakutsk die einzige Großstadt, die auf Permafrostboden erbaut ist. Jedes Gebäude steht auf Pfählen, die tief in den Permafrostboden hineinreichen. Damit verhindert man einen Einsturz der Häuser, wenn sich die Eisschicht über die heißen Monate verringert, im Winter aber wieder ausbreitet. Der Bau von (Hoch-)Häusern stellt damit eine besondere architektonische Herausforderung dar. Kein Wunder also, dass es bisher noch keine Zuganbindung an die Stadt gibt. Wie kann man denn bitte Schienen auf Permafrost-Boden bauen? Die letzte Station befindet sich in Nerjungri am südlichsten Punkt der Republik. Aufgrund der geografischen Abgeschiedenheit der Stadt reist man in der Regel per Flugzeug an.

Auf einer Landkarte der fernöstlichen Region ist Blagoweschtschensk die nächstgelegene größere Stadt – mit einer Luftlinien-Entfernung von 1.315,06 km. Um von Moskau nach Jakutsk zu gelangen, müssen sechs Zeitzonen und eine Strecke von 4.883,06 km überwunden werden. In Sibirien und Fernost erhält man plötzlich ein ganz anderes Gefühl für Distanzen – tausende Kilometer erscheinen auf einmal ganz nah, das Flugzeug wird zum selbstverständlichen, fast zum alltäglichen Transportmittel. In manche Gebiete Jakutiens im hohen Norden gelangt man ausschließlich per Helikopter. Lediglich in der Winterzeit, wenn die Flüsse gefrieren, dienen diese als zusätzliche „Eis-Autobahn“, wodurch einige Dörfer und Kleinstädte tatsächlich einfacher zu erreichen sind als in den Sommermonaten.

Natürliche Schönheit

Einer der großen Flüsse, der sich durch Jakutien zieht, ist der Fluss Lena. Mit einer Länge von 4.400 Kilometern gehört Lena zu den längsten Flüssen der Erde. Sie entspringt einer Seenplatte in unmittelbarer Nähe des Baikalsees im Süden Sibiriens und mündet im Laptewsee, einem Randmeer des Arktischen Ozeans, fließt also „bergauf“ in den hohen Norden. Die Lena ist an manchen Stellen mehrere Kilometer breit. Der Fluss kann lediglich per Schiff oder Boot überquert werden, im Winter wird die gefrorene Lena zu einer Eis-Fahrbahn. Aufgrund kilometerweiten Breiten führt bisher keine einzige Brücke über den Fluss.

Sibirien und der Ferne Osten beeindrucken nicht nur durch ihre ewigen Weiten, sondern vor allem durch die Schönheit ihrer Natur. Ein besonders anschauliches Beispiel für Jakutien sind die so genannten Lena-Pfähle. Seit 2012 zählt die natürliche Steinformation zum UNESCO-Weltkulturerbe. Am Rande des Flusses zeichnen sich wundersame Felsformationen ab, die sich im Süden Jakutiens über 60 km weit erstrecken und eine Höhe zwischen 150 und 300 Metern erreichen. An manchen Stellen sind noch heute Bemalungen aus ältester Zeit zu erkennen, die „Petroglyphen-Felszeichnungen“. Die Ornamente der Felsen sind bemalt mit Menschen- und Tierdarstellungen aus anno dazumal. Die berühmteste Zeichnung ist der „Krieger mit dem Banner“, der seit 1992 das Wappenemblem der Republik Sacha schmückt.

Die für Russland charakteristische Taiga und Tundra bringen ihre verblüffende Schönheit und ewige Weite im fernen Jakutien zum Ausdruck. Fast drei Viertel der Fläche der Republik ist von der Taiga bedeckt –dem nördlichsten Waldtypus der Erde. Die Taiga oder zu Deutsch auch der „boreale Nadelwald“ stellt die nördlichste Vegetationszone dar, in welcher das Wachstum von (Nadel-)Wäldern noch möglich ist. Ein üppiges Wachstum der Bäume ist in dieser Region jedoch nicht mehr möglich – im Vergleich mit europäischen Wäldern fallen die Bäume der Taiga zwischen 15 und 20 Meter kürzer aus. Weiter nördlich gelegen befindet sich die Tundra, eine offene, meist baumfreie Landschaft über dem Permafrostboden.

Bodenschätze

Die Resistenz der Nadelbäume der Taiga gegenüber der sibirischen Kälte führt dazu, dass das Holz besonders fest und zäh ist und damit die Nachfrage danach weltweit sehr groß ist –einer der vielen kostbaren Ressourcen Jakutiens. Denn neben der klimatischen Besonderheiten der fernen Republik ist diese vor allem für ihre Bodenschätze bekannt. Eine Legende besagt, als Gott die Welt erschuf, sei ihm beim Verteilen der Diamanten, Edelsteine und Bodenschätze ein Malheur unterlaufen und fast all seine Kostbarkeiten hätten sich über den Fernen Osten Russlands verstreut. Damit die Menschen für diese Fülle an Reichtum –einem glücklichen Zufall– nicht undankbar würden, hat Gott zum Ausgleich eben jene Fläche mit ewigem Eis überzogen. Mit diesen erschwerten Lebensbedingungen würden die Menschen es nicht gerade einfach haben dort zu (über)leben, aber wenn sie es wirklich wollten und dort ausharrten, würden sie mit reichen Schätzen belohnt.

Und so kommt es, dass die Republik Sacha 35% der weltweiten Diamantenvorkommen innehat und circa 99% der Rohdiamanten der Russischen Föderation aus der fernen Region stammen. Damit stellt Jakutien eine der größten Regionen für den Abbau von Diamanten dar. Aber noch viel interessanter ist dabei die Tatsache, dass zwei Edelsteine ausschließlich in Jakutien vorkommen und mit diesem seltenen Vorkommen von besonders hohem Wert sind: Charoit und Chromdiopsid (ein smaragdähnlicher Edelstein).

Doch mit den glitzernden Karatlingen, die so manches Herz höher schlagen lassen, ist es noch lange nicht getan. Die Region ist darüber hinaus reich an Gold, Öl, Gas, Eisenerz, Kohle und noch vielen anderen Edelsteinen. Die Anteile an der Gewinnung der unterschiedlichen Bodenschätze sind nicht nur auf Russland, sondern gar auf die ganze Welt bezogen von nicht unermesslichem Stellenwert. Zur beispielhaften Veranschaulichung: In der Russischen Föderation gibt es rund 600 Goldlagerstätten, 34 Öl- und Gasfelder sowie 7 Eisenerzlager.

Kulturelle Besonderheiten

Sprache

Abgesehen von dem immensen Rohstoffreichtum Jakutiens kennzeichnen sich seine Bewohner vor allem durch ihre außergewöhnliche Kultur aus. Dazu zählt u.a. die Sprache. So trifft man in Sacha auf eine einmalige Sprachensituation. Der vergangene Zensus aus dem Jahr 2010 macht dies besonders deutlich: Die Russische Föderation zählt 193 Nationalitäten mit 277 Sprachen und Dialekten. Allein in der Republik Sacha sind 113 nationale Gruppen aufzufinden. Es lässt sich also durchaus vermuten, dass hier die Sprachenvielfalt besonders groß ist. Die Zusammensetzung der Bevölkerungsgruppen Jakutiens hat sich dabei in den vergangenen Jahren immens verändert. Zwischen 1998 hat sich der Anteil der Jakuten von 33,4 % auf 49,9 % im Jahr 2010 vergrößert. Gleichzeitig hat sich der Anteil von Russen von einstigen 50,3 % 1998 auf 37,8 % im Jahr 2010 reduziert. Ebenso der Anteil der Ukrainer – von 7 % auf 2,2 %.

Staatssprachen sind Russisch und Jakutisch, weitere offizielle Sprachen sind entsprechend der großen ansässigen indigenen Volksgruppen Ewen, Ewenki, Yakagir, Tschuktschi und Dolgan. Jakutisch selbst gehört der nördlichen Turksprache, einem Zweig der altaischen Sprachfamilie, an. Nach Angaben des Zensus 2010 sprechen in etwa 460.000 Menschen Jakutisch. Die Sprache wird im nahen Westen, Süden und Osten um die Republik Sacha herum gesprochen. Jakutisch unterscheidet sich sehr von anderen Turksprachen. Die ursprüngliche Herkunft von Teilen des Vokabulars bleibt bis heute ungeklärt, viele Wörter entstammen jedoch der mongolischen und der russischen Sprache. Inzwischen haben sich ein zentraler, und weitere periphere Dialekte entwickelt. Seit 1938 basiert das jakutische Alphabet auf dem kyrillischen. Legale Dokumente werden sowohl auf Russisch als auch auf Jakutisch verfasst. Es gibt gleichermaßen mono- wie bilinguale Bildungseinrichtungen. Die entsprechende Wahl ist ausschließlich von individuellen Beweggründen abhängig. Im Moment werden jedoch wieder vermehrt jakutischsprachige Bildungseinrichtungen nachgefragt.

Glaube, Feste und Traditionen

Jakuten gehören nicht der russisch-orthodoxen Kirche an, sondern haben ihren persönlichen Glauben mit eigenen Festen und Traditionen, die gefeiert werden. Ein Teil der Jakuten würde sich als atheistisch bezeichnen, Glaubenszüge manch anderer Jakuten ähneln dem Schamanismus. Im jakutischen Glauben gibt es drei Welten: Die Unterwelt mit bösartigen Kreaturen, die Oberwelt mit göttlichen Gestalten und die Mittelwelt, das Erdenreich. Die Jakuten glauben an viele Geister, für ein jedes Element viele verschiedene – Feuer, Wasser, Luft und Erde gleichermaßen.

Wenn man zum Beispiel im Wald jagen gehen möchte, muss man zunächst die Waldgeister um Erlaubnis bitten. Man darf nicht aus Freude zur Jagd gehen und nicht maßlos viel jagen, sondern nur so viel, wie man tatsächlich benötigt. Gleiches gilt für das (Eis-)Fischen. Unter den Eislöchern auf Flüssen und Seen befinden sich Geister, die um Erlaubnis gebeten werden müssen. Typisch sind deswegen kleine Gaben, die dargereicht werden. Das können Münzen, kleine Speisen, gar Zigaretten sein. An „heiligen“ Stätten werden auch Wunschbänder hinterlassen. („Heilig“ ist bewusst in Anführungsstriche gesetzt. Diese Stätten sind nicht verbunden mit Gottheiten und stellen auch keine religiösen Gebetsstätten dar. Vielmehr verbergen sich Sagen und abergläubische Erzählungen dahinter, die mit einem Wunschband oder einer kleinen Gabe gehuldigt und gewürdigt werden. Am ehesten könnte man von spirituellen Stätten sprechen.)

Insgesamt ist der jakutische Glaube von großer Naturverbundenheit und hoher Spiritualität geprägt. Dies zeigt sich am besten an dem größten und wichtigsten Volksfest der Jakuten – Ysyach. Dieses wird im Juni zum Zeitpunkt der Sommerwende drei Tage am Stück gefeiert. In traditioneller Kleidung treffen sich die Jakuten in der freien Natur, tanzen, feiern, trinken und essen ausgelassen. Am Höhepunkt der Festlichkeit strecken sie ihre Arme der Sonne entgegen und tanken stillschweigend über mehrere Stunden hinweg die Energie der Sonnenstrahlen für den aufkommenden Winter. An diesem Fest findet die Volkskultur der Sacha ganz besonderen Ausdruck: Traditionelle Kleidung wird mit jakutischem Schmuck abgerundet, Maultrommel-Klänge versetzen die Feiernden in Trance, jakutische Speisen und Getränke werden verzehrt, jakutische Tänze stundenlang getanzt, schamanische Zeremonien abgehalten. Ein Volksfest wie es einmaliger kaum sein könnte.

(Teile des Artikels wurden in abgeänderter Form auf dem Blog www.sabrinainsibirien.wordpress.com veröffentlicht.)

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2 Gedanken zu „Jakutien – ein fernöstliches Reich aus Frost und Eis

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