Idylle aus Holz

Die russische Holzarchitektur ist eine jahrhundertelange Tradition, geboren aus dem scheinbar unendlichen Holzangebot der nordischen Wälder und der sibirischen Taiga. Und sie gehört in das typische Klischee von Russland: Holzhäuser, Berge von Schnee und Eis, Bären, die Wodka trinken und Balalaika spielen. Die Realität sieht anders aus, dabei jedoch nicht weniger spannend. Teil 3 unserer Reihe zur Holzarchitektur

(Teil 1: Alte Baukunst im modernen Stadtbild ; Teil 2: Holzfenster-Kunst im fernen Sibirien; Teil 4: Malye Korely)

Wir machen uns jetzt auf eine längere Reise und werden sehen, ob und wie sich die Holzarchitekturen in den unterschiedlichen Regionen Russlands unterscheiden: Holzhäuser unter Denkmalschutz, Museumsanlagen unter freiem Himmel, gewöhnliche Wohnhäuser und verlassene, verendende architektonische Zeugen vergangener Zeiten…

Zentralrussland

Obwohl sich natürlich auch in den Metropolen Moskau und St. Petersburg Gebäude aus Holz finden lassen, ist die Holzarchitektur doch eine mehrheitlich provinzielle und dörfliche Tradition. Darum besuchen wir auf der Suche nach Holzhäuschen lieber die weniger bekannten Kleinstädte und Dörfer.

Moskauer Gebiet: Klin

Klin ist eine kleine Handelsstadt auf dem Weg von Moskau in Richtung St. Petersburg. Das Stadtbild des Zentrums prägen vorrangig flache Kaufmannshäuser aus Stein. Erst am Stadtrand findet man hölzerne Wohnhäuser. Einen Einblick in die hölzerne Vergangenheit des Stadtbildes bietet das Hausmuseum Petr Tschaikowskijs, der hier die letzten acht Jahre seines Lebens verbrachte und arbeitete.

Smolensker Gebiet: Talaschkino

Keine 20 Kilometer von Smolensk entfernt, im Dorf Talashkino, befindet sich das Freiluftmuseum Teremok. Der Gebäudekomplex mit Dorfschule, Heiliggeistkirche, Atelier der Kunstmäzenin Marija Tenischeva und Gästehäusern für Künstler, sowie einem kleinen Museum für traditionelle, russische Volkskunst entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts und zählt zu den wenigen Holzbauten des Jugendstils.

Tverer Gebiet

Das Tverer Gebiet war stets Umschlagplatz und Kreuzung unterschiedlicher Handelswege – zwischen Moskau und St. Petersburg, von Europa auf dem Weg nach Asien. Davon zeugen heute eher unbedeutende, kleine Städtchen mit Zentren aus Kaufmannshäusern aus Stein. Außerhalb dieser Stadtkerne jedoch findet sich ein Meer aus gepflegten Holzwohnhäuschen.

Allein das kleine Handelsstädtchen Toropets ist eine Reise Wert für all diejenigen, die die „hölzerne Idylle“ Russlands besuchen wollen.

Pskover Gebiet

Toropets wiederum liegt an der Grenze zum Pskover Gebiet, gehörte früher gar zum gleichnamigen Ujezd. Der Stil eleganter Wohnhäuser reicher Kaufleute findet sich auch hier wieder. Besonders gut erhalten ist das Freiluftmuseum der Puschkin-Berge, wo der Verbannungsort Alexander Puschkins und die Wohnstätten seiner Freunde und Bekannten besucht werden können.

Karelien

Die Republik Karelien grenzt an Finnland. Das zeigt sich auch an den Holzhäuschen, die mit ihren weißen Balken sehr an den skandinavischen Stil erinnern.

Archangelsker Gebiet

Ebenso, wie Karelien, zählt auch Archangelsk zum Russischen Norden. Die Holzgebäude müssen starken Temperaturschwankungen und -Extremen strotzden. Außerdem bestehen auch Gehwege aus Holz, da das Material flexibler ist als Asphalt und weniger schnell reißt. Das Phänomen der hölzernen Fahrbahnen werden wir noch einmal im Norden Sibiriens wiedertreffen.

 

Sibirien

Krasnojarsker Gebiet

Das Krasnojarsker Gebiet, besonders seine Hauptstadt Krasnojarsk, ist ein Industriezentrum Sibiriens: Metalle, Gesteine, Kohle, Holz, Nickel, Erdöl und Erdgas werden hier abgebaut und verarbeitet. Die Wohnorte entsprechen Arbeitersiedlungen, wie z.B. Divnogorsk, nach dem Motto „Quadratisch. Praktisch. Gut.“. Prestigebauten tragen nur vereinzelt Dekor und fallen aus dem Rahmen. Teilweise werten aufwändige Restaurationen die Häuser auf, geben ihnen neuen Prunk. Meistens jedoch werden die einstöckigen Holzhäuschen umstellt von zeitgenössischen Plattenbauten.

In der Kleinstadt Igarka, bereits im nordsibirischen Polargebiet gelegen, ist gar kaum noch ein Holzhaus übrig von einer einstmals fast 30.000 Einwohner beherbergenden Holz-Stadt. Brandruinen und weite Leere zeugen von der früheren Größe der Stadt. Im Umfeld kann man im Wald noch alte Holzfahrbahnen entdecken, die sowohl Sommer und Winter in Sibirien stets länger aushielten als Asphalt, der jede Saison neu gelegt werden muss.

Irkutsker Gebiet

Während die Holzfenster Irkutsks bereits vorgestellt wurden, bietet das gesamte Gebiet um den Baikal herum ein neues Bild auf die Holzarchitektur Sibiriens. Beliebte Farben sind knalliges Blau, helles Türkis und grelles Grün – Farben, die sowohl Himmel, als auch das Wasser des Baikal und die endlosen Wälder der Taiga wiederspiegeln. Die Fensterläden sind, obwohl das Gebiet mehrheitlich landwirtschaftlich geprägt ist, mit Schnitzereien verziehrt und geben damit Auskunft über den Reichtum ihrer Bewohner.

Burjatien

Die Republik Burjatien liegt südlich des Baikalsees an der Grenze zur Mongolei. Bis 1923 bildete die heute souveräne Mongolei gemeinsam mit dem Gebiet des heutigen Burjatiens einen eigenen, mongolischen Staat – buddhistisch und normadisch geprägt. Diese Wurzeln finden sich auch im Freiluftuseum ethnografischer Volksarchitektur wieder: z.B. in einem Übergangsmodell von einem Holzhaus in Form einer Jurte (transportables Wohnzelt der nomadischen Mongolen).

Omsker Gebiet: Deutscher Nationalrajon Asowo

Der Deutsche Nationalrajon Asowo ist eine Ausnahmeerscheinung unter den sibirischen Stadtbildern: Das kleine Dorf Aleksandrowka unterscheidet sich von allen anderen sibirischen Holzdörfern besonders durch seine „deutsche“ Ordnung. Es ist das Dorf mit dem historisch und aktuell höchstem Anteil Russlanddeutscher. Und, so unglaublich es klingen mag, das Deutsche sieht man – an frisch gestrichenen Zäunen, akkurat gepflegten Vorgärten…

Tomsker Gebiet

Für Liebhaber slawischer Holzarchitektur ist Tomsk ein Paradies: Ein Großteil der Innenstadt steht unter Denkmalschutz, ist seit dem Zerfall der Sowjetunion liebevoll restauriert worden. Außerdem war Tomsk immer eine reiche Kaufmannsstadt in Zentralsibirien, die sogar ihren eigenen Stil in der Holzarchitektur hervorgebracht hat: die Tomsker Spitze. Überall finden sich Zwiebeltürmchen, Erker und liebevolle Schnitzereien an den Fassaden, Fensterläden und Geländern. Die Städtische Bau-Berufsschule bildet bis heute in der Holzarchitektur Restauratoren aus und bewahrt somit Tradition und Stadtbild.

 

Auf unserer Reise haben wir nicht nur die Häuser von außen betrachtet. Was die Bilder nicht zeigen, ist die angenehme Wärme, die sich in den Holzhäuschen im Winter ausbreitet. Im Sommer ist es kühl. Die extremen Temperaturen muten den Häuschen viel zu, bieten ihren Bewohnern jedoch einen angenehmen Rückzugsort zu allen Jahreszeiten.

Sie gehören unbedingt zu DEM Russlandbild schlechthin. Begründet und verdient: Holzhäuschen – viele kleine Stückchen ein wenig kitschiger Idylle aus Holz 🙂

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3 Gedanken zu „Idylle aus Holz

  1. Pingback: Holzfenster-Kunst im fernen Sibirien | Rerum Russiae Commentarii

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