Fastenzeit? Schlemmerwochen!

Fastenzeit in Russland: bis zum 11. April ruft die russisch-orthodoxe Kirche zum Verzicht auf. Dieser sieht aber anders aus als in Deutschland: Gläubige ernähren sich sieben Wochen lang ohne tierische Nahrungsmittel. Für die einen ist es die Fastenzeit – für mich als vegan Lebende sind es die Schlemmerwochen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEs ist eine Form der Selbstgeißelung: Sieben Wochen ohne Fleisch. Ohne Fisch. Ohne Milch. Ohne Eier. Die Fastenzeit der russisch-orthodoxen Kirche hat bereits begonnen und läuft noch bis zum 11. April. Zum Einstieg wurde erst einmal eine Woche lang auf Fleisch verzichtet. Dann soll einen Tag lang das Haus gründlich geputzt und gar nichts gegessen werden. Und ab der zweiten Woche sollen sich die Gläubigen ganze sieben Wochen lang, bis zum Osterfest, ohne Tierprodukte ernähren. Das Wörtchen „vegan“ fällt in diesem Zusammenhang aber nicht, es heißt einfach великий пост (welikij post), die große Fastenzeit.

Was für die Russen die Fastenzeit ist, sind für mich die Schlemmerwochen. Denn ich ernähre mich soweit es geht vegan – in Russland manchmal eine Herausforderung. Denn die Russen lieben Fleisch und seine heilende Wirkung: „Mir ist kalt“ – „Du musst mehr Fleisch essen!“ Wenn ich dann erzähle, dass ich nicht nur Vegetarierin bin, sondern gar keine Tierprodukte esse, schauen sie mich meist verstört an. Nach ein paar Sekunden kommt dann immer dieselbe Frage: „Aber Fisch isst du?“ Fleisch und сметана (smetana), saure Sahne, bilden die zwei Grundpfeiler der russischen Küche. Zum Glück gibt es überall гречка (gretschka), Buchweizen, notfalls eben pur. Während der Fastenzeit aber herrschen paradiesische Zustände: Viele Restaurants bieten extra Speisekarten an, das постный меню (posdnij menju). Da gibt es dann vegane Varianten vieler russischer Gerichte, die ich sonst verpasse: голубцы (golubzy), Kohlrouladen, mit Gemüse anstatt Fleisch gefüllt zum Beispiel, und jede Menge Suppen auf Gemüsebasis.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie siebenwöchige Gemüsekur soll die Gläubigen nun auf die Auferstehung Christi vorbereiten. Es geht jedoch eigentlich nicht so sehr darum Diät zu halten, vielmehr soll der Geist gereinigt werden. Das Fasten soll helfen, böse Gedanken zu vertreiben, seinen Zorn abzulegen, nicht mehr zu lügen und ausgeglichener zu sein. Traditionell gilt es dann, auf alle Tierprodukte zu verzichten, wochentags sogar zusätzlich auf alle Pflanzenöle. Es steht dabei jedoch nicht die Gesundheit im Vordergrund. Die Herausforderung soll vielmehr sein, auf seine Gelüste zu verzichten. Das gilt übrigens auch für die Gruppe Menschen, die von der Kirche offiziell vom Fasten befreit sind: Schwangere und stillende Mütter, körperlich schwer arbeitende Menschen, Reisende, Militär und schwer Kranke. Sie dürfen essen, worauf sie Lust haben, im Sinne der geistigen Reinigung sollen sie aber auf jegliche Art der Unterhaltung verzichten.

Da bleibe ich doch lieber beim veganen Speiseplan und bin ganz erstaunt von den постный (posdnij) Rezepten, die ich im Internet finde: Piroggen mit Kohl – ohne Butter oder Öl gebacken, versteht sich. Щи (schtschi), die traditionelle Kohlsuppe, ohne Rinderbrühe gekocht. Eine extra proteinreiche Bohnensuppe mit Walnüssen. Und als Fleischersatz wird грибная икра (gribnaja ikra), Pilz-Kaviar, empfohlen. Klingt alles nach überteuertem Berliner Bio-Laden, ist aber einfachste russische Hausmannskost. Wobei das traditionellste und einfachste aller Fasten-Gerichte, die тюря (tjurja), nicht gerade durch ihre Raffinesse zu bestechen scheint: Brot im kalten Salzwasser aufgelöst und rohe Zwiebeln dazu – klingt wie die Mutter aller Instant-Suppen.

Ein OLYMPUS DIGITAL CAMERAGroßteil der Russen wird diese kalte Suppe ohnehin nicht auslöffeln wollen: Laut einer Umfrage haben sich im letzten Jahr rund 80% aller Russen während der Fastenzeit ganz normal ernährt. Lediglich 4% hatten vor, alle strengen Regeln des Fastens zu befolgen. Trotzdem werden auch dieses Frühjahr im Supermarkt viele Artikel wieder mit Aufklebern wie постный продукт (posdnij produkt), Fastenprodukt, versehen sein. Ich freu mich drauf, es erspart mir das selbst in Deutschland oft lästige Etikettenlesen. Außerdem bleibt die Hoffnung, dass ich für ein paar Wochen unter Kollegen und Freunden unverhofft Verbündete finde und dass meine Fragen nach den Inhaltsstoffen im Restaurant auf ein bisschen mehr Verständnis stoßen. Eines habe ich jedenfalls gelernt: Die Leute verstehen es viel eher, wenn ich sage, ich ernähre mich das ganze Jahr über постний (posdnij), als wenn ich sage, ich lebe vegan. Das eine ist eine westeuropäische Modeerscheinung. Das andere macht mich zur Heiligen.

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Ein Gedanke zu „Fastenzeit? Schlemmerwochen!

  1. Sehr gut geschrieben, insbesondere die Unterscheidung des Fastens von einer Diät, und natürlich der vorletzte Satz. Der letzte ist sicher etwas zugespitzt formuliert, geht aber in die richtige Richtung. Die Fastenregeln spiegeln die christlichen Anthropologie wider – Fleischgenuss ist dem Menschen in der biblischen Geschichte erst nach der Sintflut „gestattet“ worden, worher waren alle (also alle Menschen bis Noah) „Vegetarier“ oder „Veganer“.

    Im Prinzip ist das aber nichts eigens russisches; nur hat die orthodoxe Kirche sich die alten Sitten bewahrt. Es gibt Rudimente davon auch in Deutschland – bspw. der Starkbieranstich zu „Karneval“; Starkbier half den Mönchen durch seinen Energiegehalt, die fleischlose Zeit zu überbrücken.

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