Alte Baukunst im modernen Stadtbild

Über viele Jahrhunderte hinweg galt Holz in Russland als das grundlegende Baumaterial. Nicht nur auf den Dörfern, auch in den meisten Städten blieb es bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts vorherrschend. Noch bis heute zieht sich diese architektonische Schicht unübersehbar und in einer großer Vielfalt unterschiedlichster Formen und Zustände durch die mittlerweile stark veränderten urbanen Landschaften.

(Teil 2: Holzfenster-Kunst im fernen Sibirien ; Teil 3: Idylle aus Holz; Teil 4: Malye Korely)

Die Kunst aus Holz zu bauen hat in Russland eine jahrhundertelange Tradition. Der Überfluss an Wäldern in den meisten Gegenden des Landes machte Holz, gewonnen in erster Linie aus Nadelbäumen, zu einem günstigen, da stets vorhandenem Material. Ein weiterer Vorteil liegt dabei auch in seiner geringen Wärmeleitfähigkeit, die es für das russische Klima bestens geeignet macht: im Winter gibt es die Wärme nicht nach außen ab, im Sommer lässt es sie nicht herein. Ein aus Holz errichtetes Haus wirkt so wie ein Filter im Verhältnis zur Umgebungstemperatur. Der größte Nachteil allerdings ist unzweifelhaft die leichte Brennbarkeit. Kaum eine russische Stadt, die in ihrer Geschichte nicht mindestens einen „großen Brand“ zu verzeichnen hatte.

Formen und Stile

Die Keimzelle der russischen Holzarchitektur ist die schlichteste Form des Bauernhauses, eine in quadratischer oder rechteckiger Blockbauweise errichtete Hütte (izba) mit vier Wänden. Das ist die Grundform, mit weiteren Anbauten erweiterbar in Höhe und Länge. Das ist die Quelle, aus der die russischen Baumeister und Zimmerleute ihr technisches Wissen und ihre künstlerische Grundhaltung schöpften. Aus dieser Grundform hat sich zum einen eine Vielzahl an unterschiedlichsten Gebäudetypen entwickelt: Wirtschaftsgebäude, Wehranlagen, Paläste, Kirchen und später auch die Villen städtischer Kaufleute. Zum anderen bildete sich, trotz immer auch vorhandener allgemeiner Merkmale, eine Vielfalt regionaler und lokaler Formen, Elementen und Stilen heraus. Viele Bauwerke sind sich so zwar sehr ähnlich, zwei völlig identische wird man aber nirgendwo finden.

Eine ganz besondere Blüte hat die Holzbaukunst in Nordrussland entfaltet. Aber auch der Ural und Sibirien gelten hierfür als Zentren. Diese drei Großregionen sind bis heute reich an beeindruckenden Beispielen dörflicher und städtischer, profaner und sakraler Holzbaukunst, von denen die ältesten, wenn auch nur sehr vereinzelt, bis in das 17. Jahrhundert zurück reichen.

Von jeher charakteristisch waren aber überall die aufwendigen Schnitzereien und Dekorationen der Fassaden. Auf den Darstellungen finden sich stilisierte Tiergestalten, geometrische Figuren und Pflanzenornamente. Die Motive hierzu stammen oft noch aus altslawischer, vorchristlicher Zeit und trugen ursprünglich magischen Charakter. Mit Ornamenten wurden gerade jene Teile des Gebäudes versehen, durch welche alle möglichen bösen Kräfte in das Innere eindringen und dem Menschen Schaden zufügen konnten – Fenster, Türen, Tore, Dachüberhänge. Das Dekor trug so in erster Linie eine Beschwörungs- und Schutzfunktion. Obwohl diese alte magische Bedeutung spätestens bis zum Ende des 18. Jahrhunderts praktisch in Vergessenheit geraten war, blieben die wesentlichen Motive und die Methoden ihrer Anbringung dennoch erhalten und wurden von einer Generation von Zimmermännern zur Nächsten weiter gegeben, wobei sich auch hierbei zahlreiche lokale Varianten herausgebildet haben.

Das Holzhaus in der Stadt

Um sich ein ungefähres Bild davon zu machen, welche immense Bedeutung das Bauen mit Holz auch in den Städten hatte, sei als Beispiel einmal Barnaul angeführt. Die Stadt galt in der Mitte des 19. Jahrhunderts als eine der Größten in Sibirien, mit einer Einwohnerzahl von 13 bis 14 Tausend Menschen. Insgesamt gab es um diese Zeit etwa 1725 Häuser, wovon jedoch lediglich 15 aus Stein gebaut waren. Das Erscheinungsbild der vorrevolutionären russischen Städte war also fast ausschließlich geprägt von Wohnbauten aus Holz, was sich bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts auch nicht groß änderte.

Einfluss auf das Erscheinungsbild der Wohnhäuser hatten dabei aber verschiedene Architekturstile. So gilt es beispielsweise als charakteristisch für sibirische Städte, dass die Fensterläden dort oft im Barockstil angefertigt wurden sind. Auch technische Neuerungen und veränderte soziale Wohnformen führten zu Anpassungen in der Errichtung von Holzhäusern. Seit dem 19. Jahrhundert etwa kam es vermehrt zur Verwendung von gesägten Brettern anstelle der traditionellen Blockbauweise. Ebenso entstanden gerade in den Städten große bürgerliche Villen, vor allem zu Repräsentationszwecken prächtig ausgestattet und mit einer Vielzahl an Zimmern versehen.

Mit dem nach 1917 einsetzendem Aufbau des Sozialismus stieg dann jedoch zunehmend das Bedürfnis zur Schaffung von massenhaftem Wohnraum. Der Ruf nach Funktionalität und Effektivität ließ so spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg eine völlig andere Form des städtischen Wohnungsbaus die Oberhand gewinnen, dem die alten Holzhäuser in großer Zahl zum Opfer fielen.

Völlig aus dem Stadtbild gedrängt werden konnte die Holzbauten allerdings nicht. Bis heute bilden sie eine allgegenwärtige architektonische Schicht in den meisten russischen Städten ganz unterschiedlicher Größe – mit Ausnahme vielleicht von Moskau und St. Petersburg. Man trifft sie im ganzen Spektrum verschiedenster Zustände an: kleine Hütten oder herrschaftliche Villen, bunt gestrichen oder vom Wetter grau gefärbt, aufwendig restauriert oder ganz offensichtlich dem Verfall anheim gegeben. Manchmal stehen sie völlig allein vor dem Hintergrund der seit den 90er Jahren neu errichteten, riesigen Wohn- und Bürogebäude oder inmitten selbst nicht mehr ganz so modern wirkender Plattenbauten. Nicht selten aber finden sich ebenso noch ganze Holzhausviertel und man wähnt sich schlagartig in eine andere Zeit oder zumindest außerhalb der Stadt, auf ein Dorf versetzt – wo die Holzhäuser bis heute im übrigen vorherrschend sind.

 

Advertisements

3 Gedanken zu „Alte Baukunst im modernen Stadtbild

  1. Pingback: Holzfenster-Kunst im fernen Sibirien | Rerum Russiae Commentarii

  2. Pingback: Idylle aus Holz | Rerum Russiae Commentarii

  3. Pingback: Malye Korely | Rerum Russiae Commentarii

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s