Nebensaison auf der Krim: Momentaufnahmen aus dem November 2013

Die Krim ist im Verlauf des letzten Jahres zum Ort eines gesamteuropäischen Konfliktes geworden. Kaum zu beschreiben, wie ruhig und geradezu verträumt dagegen die Atmosphäre noch im Herbst 2013 war, vor dem Ausbruch jener Ereignisse, die zu radikal veränderten Ordnungsverhältnissen führen sollten. Ein Blick zurück: Momentaufnahmen aus der Zeit unmittelbar davor, als die Krim noch in erster Linie eine Urlaubsinsel war.

Auf der Krim war ich zuletzt im November 2013. Damals gehörte sie noch unumstritten zur Ukraine. Wir reisten zu zweit – ein ukrainischer Freund wollte mir die Insel im Herbst zeigen, die ich nur im Sommer als eine Art Ibiza des schwarzen Meeres kannte. Davon war jetzt im Herbst jedoch nichts zu spüren. Das Wetter war herbstlich, fast schon kalt. Das Meer tobte blau-grau um die Felsen, die Bäume waren fast alle kahl. Mein Begleiter und ich hatten nichts geplant, nichts gebucht. Das Gefühl frei zu sein und Zeit zu haben spiegelte sich in der Atmosphäre, die auf der Insel herrschte: Es war leer. Und es war herrlich. Ich hatte das Gefühl, viel später als alle anderen da zu sein, die Letzte, und somit zu spät eigentlich – und dennoch nichts verpasst zu haben.

Mein Freund zeigte mir Mangup und Tschufut, zwei alte Höhlenanlagen, in denen er früher oft mit Freunden gezeltet hatte. Wir fuhren in die Hafenstadt Sewastopol, später ins Hippiedorf Simejis. Überall das gleiche Bild: Fast alles war geschlossen, die Fenster verriegelt, ich sah kaum Menschen auf den Straßen und Touristen gab es außer uns längst keine mehr. Die Insel lag in einem Dornröschenschlaf. Ich war ganz hingerissen von dem morbiden Charme, von der trostlosen Stimmung. Die Menschen, die hier leben, müssen umso tapferer sein, dachte ich. Unsere Vermieterin erzählte, wie die Insel im Sommer von Touristen bevölkert wird und dass die Inselbewohner den Winter umso mehr genießen, weil sie ihre Krim dann für sich haben. Ihre Worte passten zu dem Gefühl, dass ich über die Insel ging wie auf Sockfuß in ein fremdes Wohnzimmer: Höflich, neugierig und dankbar für die Einladung.

Wenige Wochen später begann die Krimkrise, die ich fassungslos zu Hause in Berlin auf dem Fernsehbildschirm verfolgte. Ein russisch-ukrainischer Konflikt? Das stand in krassem Gegensatz zu meinen Eindrücken und bis zuletzt konnte ich den Meldungen in der Presse nie so recht glauben. Ich habe mir die Bilder von der Reise wieder und wieder angeschaut, als ließe sich nicht irgendwo doch ein Hinweis finden auf das, was kurz danach folgen sollte. Manchmal kam es mir vor, als zeigten die Fotos eine Art Ruhe vor dem Sturm. In den Gesichtern der Menschen versuchte ich Angst, Apathie, Aufbegehren, Frust – irgendetwas zu entdecken. Aber ich glaube nicht, dass die Bilder prophetischen Charakter besitzen. Genauso wenig lässt sich aus ihnen herauslesen, ob das Insel-Leben als Mikrokosmos heute noch genauso aussieht, ob die Fotos auch gestern hätten entstanden sein können. Sie sind eben nur Momentaufnahmen aus einer im Rückblick betrachtet besonderen Zeit.

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