Laufen im sibirischen Eis – ein Erfahrungsbericht aus Omsk

Am 7. Januar startete der weit über die Omsker Oblast-Grenzen hinaus bekannte “Siberian Ice Half-Marathon” in seiner 24. Auflage. Der Lauf ist eine von drei Wettkampfveranstaltungen, die jährlich am alten Verbannungsort Dostojewskis stattfinden. Die oftmals extremen klimatischen Bedingungen machen ihn zu einer wahren Herausforderung. Grund genug, sich dieses außergewöhnliche Ereignis mal ganz aus der Nähe anzuschauen – unter Einsatz aller eigenen Kräfte.

Die Zahl professionell oder hobbymäßig engagierter Läufer ist in den vergangenen Jahren stetig angestiegen. Von Routine oder Stress geprägte Tagesabläufe wecken das Verlangen vieler Büromenschen, ihren durch stundenlanges Sitzen gepeinigten Körper zu entlasten; ehrgeizigen Trophäensammlern geht es eher darum, sich mit anderen Sportlern auf Augenhöhe zu messen. So ist es keine Überraschung, dass dieser weltweit zu beobachtende Trend sich auch in einer wachsenden Zahl von Volksläufen oder kommerziellen Wettkampfveranstaltungen niederschlägt. Russland ist da keine Ausnahme und zieht ebenfalls zum Ärger der leidgeprüften Verkehrsteilnehmer in Metropolen wie Moskau und Sankt-Petersburg mit.

Das beschauliche Omsk hingegen ist trotz dieser Tendenz nicht gerade der erste Ort, der Sportbegeisterten beim Thema Marathon in den Sinn kommen mag – schon gar nicht in der Zeit des legendären sibirischen Winters, den die meisten Strandurlaub liebenden Europäer mit Eiswind und Temperaturen im rational nicht mehr nachvollziehbaren Bereich assoziieren.

Die Ehrfurcht hervorrufende Veranstaltung, von der hier die Rede ist, fällt in jedem Jahr auf den 7. Januar – das orthodoxe Weihnachtsfest – und wird daher auf Russisch schlicht „Рождественский полумарафон“ genannt: Weihnachts-Halbmarathon. Der englische Titel – „Siberian Ice Half-Marathon“ – klingt da bereits martialischer, wohl auch um nicht-russische Besucher mit der Aussicht auf ein unvergessliches Extremerlebnis nach Sibirien zu locken. Was für die zusätzlich an jedem 19. Januar eisbadenden orthodoxen Einheimischen Normalität ist, so das Kalkül der Organisatoren, ruft aus westlichen Ländern nur hartgesottene Abenteurer auf den Plan. Dass diese Einschätzung sich auch in diesem Jahr als richtig erweisen sollte, bewies ein schottischer Teilnehmer, der sich im traditionellen Kilt an den Start traute. Dass er anschließend mit dem „Preis für die größte Zuschauerbeliebtheit“ ausgezeichnet wurde, dürfte aber auch an der Dudelsack-Performance gelegen haben, die er nach seinem Zieleinlauf dem Publikum darbot.

EislaufInsgesamt liegt die Zahl der ausländischen Teilnehmer regelmäßig im respektablen zweistelligen Bereich, wobei das diesjährige Omsker Wintervergnügen im Vorfeld eher zu einem Schlammscharmützel zu werden drohte als zu der Abhärtungsmaßnahme, die einige Extremsportler sich erhofft hatten: bei Temperaturen um zwischenzeitlich 0 Grad schien die Stadt Anfang Januar von einer Hitzewelle überrollt worden zu sein. Zwar lagen die Temperaturen am Wettkampftag mit rund – 5 Grad wieder leicht darunter, dennoch stand dieser Wert in keinem Verhältnis zu den – 39 Grad, die im Kälte-Rekordjahr 2001 gemessen wurden. Was sicher auch den Vorteil mit sich brachte, dass die Läufer einen klaren Blick auf die Sehenswürdigkeiten genießen konnten, an denen sich der Parcours entlangwand.

Dass Omsk architektonisch gesehen im Vergleich zum benachbarten, kulturell eher sowjetisch geprägten Novosibirsk über einen ansehnlichen historischen Stadtkern verfügt, davon künden die zahlreichen Kathedralen, Kulturstätten und Fassaden aus mehreren Jahrhunderten. Ein von der Natur geschaffenes Meisterwerk ist dagegen der im Winter trotz seiner immensen Größe völlig zugefrorene Fluss Irtysch, den die Sibirier um diese Jahreszeit gern mit Langlaufskiern überqueren. Angesichts dessen lohnt es sich sogar, Omsk auch als Nicht-Extremsportler einen Besuch abzustatten.

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