Besuch in Stalins Bunker

Samara als Hauptstadt Russlands – was heute absurd klingt, wäre einmal beinahe Realität geworden. Das damalige Kuibyschew war als Ersatzhauptstadt der Sowjetunion vorgesehen, hätten die Nazis Moskau eingenommen. Dazu kam es nicht und so hat Stalin den für ihn gebauten Bunker nie betreten. Aber er ist noch im Originalzustand erhalten und kann an Wochentagen besichtigt werden.


In einem unscheinbaren Hinterhof wartet eine kasachische Reisegruppe darauf, dass die erste der vielen Stahltüren von Stalins Bunker sich öffnet. Es ist noch vormittags, die Stimmung ist erwartungsvoll und fröhlich. Eine Couchsurferin aus Berlin und ich haben lange gesucht, bis wir den Eingang gefunden haben. Von außen deutet nichts auf das unterirdische Großprojekt hin, dessen Bau 1942 unter strengster Geheimhaltung verlief. Wir haben Glück und dürfen uns ausnahmsweise der wartenden Gruppe anschließen – normalerweise gibt es keine Führung ohne telefonische Anmeldung.

Dann geht es auch schon los und wir steigen zunächst eine Wendeltreppe aus Stahl hinunter. Ein Porträt Stalins im Stil eines Kirchenfensters prangt an der Wand. Grimmig und mächtig schaut der Mann mit dem vollen Schnurrbart auf die Besucher nieder. Die Wände sind in rotes Warnlicht getaucht und aus den Boxen schallt Fliegeralarm – alles ganz authentisch. Ich drehe mich zu meiner Bekannten um mache einen Witz, aber nur um einen Anflug von Angst zu überspielen: Es geht jetzt weit hinunter.

SAMSUNGStalins Bunker wurde 1942 erbaut und ist 37 Meter tief, ganze neun Stockwerke. Das ist doppelt so tief wie Hitlers Bunker in Berlin, wie unser russischer Guide nicht ohne Stolz betont, und damit sind wir nun im tiefsten Bunker der Welt.

Weiter nach unten. Es gibt auf jeder Etage lange Korridore, viele Türen und Büroräume. Eine unterirdische Kleinstadt: 114 Menschen hätten hier wohnen können, weitere 600 wären im Falle einer Bombardierung kurzfristig untergekommen. Zu besichtigen sind heute allerdings nur wenige Zimmer. Die Räume auf dem Weg nach unten sind teilweise Ausstellungsräume, in denen Fotos, alte Landkarten und Schriftstücke hängen. Kuibyschew während des zweiten Weltkriegs: Soldaten, Paraden, Kampfflugzeuge. Orden, Uniformen, Funkgeräte.

Immer weiter runter. Ich versuche nicht daran zu denken, was passiert, wenn ein Feuer ausbricht oder es plötzlich einen Rohrbruch gibt. Die Luft ist klamm. Es gibt ein Belüftungssystem, das heute noch funktioniert. Außerdem war der Bunker zu Kriegszeiten unabhängig vom Stadtnetz mit Strom und Wasser versorgt.

SAMSUNGSchließlich sind wir ganz unten, in 37 Metern Tiefe. Ein Wohnraum, in dem ein weißes Sofa und ein Schreibtisch mit schwarzem Telefon stehen: Stalins Arbeitszimmer. Alles ist im Originalzustand erhalten und im Stil der 40er Jahre eingerichtet. Ausnahmslos alle Besucher wollen ein Foto von sich mit dem schwarzen wuchtigen Hörer in der Hand. Nebenan liegt der Konferenzraum, der jedoch ein echtes Highlight darstellt: ein sich weit nach hinten ausdehnender Raum, an dessen Ende an der Wand eine riesige Landkarte hängt. Man erkennt auch von Weitem deutlich, dass die Wehrmacht kurz vor Moskau steht. Ein langer Konferenztisch und ein wuchtiger Schreibtisch mit grünem Filzbezug füllen den Raum aus. Über der Eingangstür hängen überlebensgroße Porträts von Marx, Engels und Stalin. Unser Guide hat längst mitbekommen, dass ich Deutsche bin und stellt mich auf die Probe – normalerweise glauben die Ausländer immer, es hingen dort Tolstoi, Dostojewski und Puschkin, erzählt er. Ich antworte souverän und will dann unbedingt ein Foto mit Marx.

Als wir die 192 Stufen wieder hinaufsteigen, bin ich erleichtert und der Ort hat seine Bedrohlichkeit eingebüßt. Erst jetzt fallen mir die schweren beigefarbenen Stahltüren auf, die jeden Gang in jedem Stockwerk extra abschotten, aber jetzt offen stehen.

Der kleine Ausflug hinterlässt bei mir ein merkwürdiges Gefühl. Die Porträts ehemaliger Helden an den Wänden, das konservierte Mobiliar und das Kulissenhafte der Räume erwecken bei mir den Eindruck, ich hätte eher Stalins Puppenhaus als den Bunker eines Diktators besucht. Meine eigene Schaulust kommt mir schäbig vor, denn was mir heute absurd und ulkig erscheint, war vor 70 Jahren für viele Menschen bitterer ernst. Darf man sich amüsieren in einem Luftschutzbunker, wo Leute dem eigentlichen Zweck nach um ihr Leben fürchten? An dem Schreibtisch posieren, der für einen grausamen Diktator gedacht war? Ich schaue mir dir Fotos noch einmal an und muss darüber schmunzeln. Man darf. Man darf sich über alles lustig machen und die Skurrilität der Dinge benennen. Nur eines darf man nicht: Vergessen.

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