Ein architektonischer Rundgang durch Nischni Nowgorod

Nischni Nowgorod ist die fünftgrößte Stadt Russlands, Wirtschaftszentrum und Heimat einer aktiven Künstlerszene. Seine Architektur erzählt von einer Stadt zwischen Provinz und Moskauer Chic – und von einer wechselhaften Geschichte.

Gegründet wurde Nischni Nowgorod 1221 durch den Großfürsten von Wladimir-Susdal, Juri II, nur um kurz darauf unter eine mehr als zweihundert Jahre andauernde mongolisch-tatarische Herrschaft zu fallen. Im 16. Jahrhundert wurde Nischni Nowgorod zur Grenzstadt des vereinten russischen Zarentums mit dem Kazaner Khanat und zu einem der wichtigsten Handelszentren der Region. Aus dieser Zeit stammt auch der Nischni Nowgoroder Kreml. In den 1930er Jahren wurde das in „Gorki“ umbenannte Nischni Nowgorod zur „geschlossenen Stadt“ erklärt, in der vor allem während des Zweiten Weltkrieges unter strenger Geheimhaltung Rüstungsgüter hergestellt wurden.

Ein Stadtrundgang

Wie lässt sich das Stadtbild von Nischni Nowgorod am Treffendsten beschreiben? Es ist vor allem eins: kontrastreich. Straßen, die in das Zentrum führen, z.B. Ulitsa Minina und Ulitsa Bolshaja Petchorskaja, sind die interessantesten Orte, um die bunt gewürfelte nischegoroder Architektur zu erfahren: Hinter halb heruntergekommenen, romantisch beschnitzten Holzhäusern aus dem 19. Jahrhundert türmen sich vielerorts verglaste Hochhausfassaden auf. In einigen Hinterhöfen der verfallensten Häuser kann man unerwartet auf Graffitikunst von einem bekannten, lokalen Künstlerkollektiv treffen. Daneben Steinhäuser in gelb und grün, robuste, eklektizistische Gebäudekomplexe in rostrot, bunte Mehrfamilienhäuser aus den 90er Jahren mit verwinkelten Ecken, Balkonen und runden Fenstern. Zwischendrin moderne Verwaltungsgebäude mit tristgrauen Fassaden und andere im geometrischen Stil des Konstruktivismus aus den 1920er Jahren. Mehr als konstruktivistische trifft man in Nischni allerdings postkonstruktivistische Gebäude, die entstanden sind, als unter Stalin der Konstruktivismus zunehmend für „bourgeois“ gehalten wurde und sich die sowjetische Stadtplanung in den 1930er Jahren dem Postkonstruktivismus und später dem sozialistischen Klassizismus zuwandte.

 

 

Die Haupteinkaufsstraße ist dagegen recht harmonisch schlicht gehalten und zum größten Teil von einfachen Steinhäusern aus dem letzten Jahrhundert gesäumt. An einer Stelle wird die Harmonie plötzlich durchbrochen und man steht vor einem Beispiel der sogenannten Russian Revival Architektur vom Anfang des 20. Jahrhunderts, das an ein kitschiges Märchenschloss erinnert: dem Hauptquartier einer örtlichen Bank.

 

In zweiter Reihe hinter den Geschäften fängt direkt ein Wohngebiet an mit seinen Holzhäusern, Gärten, davor schmutzverschmierte Ladas auf ungepflegten Wegen.

Nach einem kurvenreichen Gang bergab kommt man schließlich zum Wahrzeichen der Stadt: zum nischegoroder Kreml aus dem 16. Jahrhundert, der im Gegensatz zum Moskauer Kreml frei zugänglich ist. Eines seiner Gebäude beherbergt eine sehr stilvoll ausgebaute Galerie für moderne Kunst, die wöchentlich Lesungen, Ausstellungen und Konzerte anbietet.

 

Auf seiner stadtzugewandten Seite grenzt der Kreml an den Platz „Minina i Poscharskowo“, der den gleichnamigen Anführern des nischegoroder Widerstandes gegen die polnisch-litauische Besetzung weiter Teile des russischen Zarentums Anfang des 17. Jahrhunderts gewidmet ist.

Auf der anderen Seite blicken die rostroten Türme des Kremls hoch auf die Wolga, die hier ihren Abzweig in den Fluss Oka hat. Der Blick reicht einige Kilometer weit auf die andere Uferseite, die mit Wald und einem Industriegebiet „verziert“ ist. Entlang der Uferpromenade kann man noch einige wirklich beeindruckende Blicke genießen. Eine Seilbahn bringt einen in das Industriegebiet auf der anderen Uferseite. Hier wird hauptsächlich Glas hergestellt. Ein bisschen weiter die Wolga herunter, im nordwestlichen Stadtteil „Sormowski“, findet man Fabriken, die ab 1930 Panzer, U-Boote und Kampfflieger für die sowjetische Armee hergestellt haben. Das in „Gorki“ umgetaufte Nischni Nowgorod war deswegen von 1930 bis 1991 komplett für Tourismus geschlossen.

Will man zum Hauptbahnhof, fährt man über die „Metrobrücke“ in den belebteren Teil des „Nischnaja tschast“, des „niedrigen“ Stadtteils. Der Bahnhof macht es zum zweiten Stadtzentrum mit dem obligatorischen McDonalds und einigen Einkaufszentren. Nicht weit davon: die „Nischni Nowgoroder Messe“, ein langgestrecktes, rotblau verziertes nachgebautes Barock-Schloss aus dem 19. Jahrhundert, dessen Vorläufer schon unter Zar Michail Romanow im 17. Jahrhundert eröffnet wurde. Noch spät abends stehen davor Reihen von Marktständen wie eine Erinnerung an das früher lebendige Handelsgeschehen im Marktgebäude.

 

Wie in allen russischen Städten wohnt der Hauptteil der Bevölkerung nicht im Zentrum sondern in den „spalnije raionij“, den „schlafenden Stadtteilen“. Im Gegensatz zu vielen kleineren russischen Städten sind die Wohnungskomplexe in Nischni oft bunt und modern. Nur an den Hauptverkehrstraßen an den Stadträndern sieht man fünfstöckige, graue „Chruschtschowki“ aus den 1960er Jahren.

 

Die Bilder sind alle aus den Jahren 2013/2014.

 

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