Toropets – ein Städtchen aus Geschichte und Geschichtchen

Die Sonne brennt, die Straße stiebt. Aber immer kommt ein frisches Lüftchen vom See her, von einem der vielen-vielen Seen der Region. Weit entfernt von Karelien, Finnland oder der Mecklenburger Seenplatte sind Toropets und seine Umgebung kaum einem ein Begriff. Ungefähr acht Autostunden von Moskau, circa 250km westlich von Tver, sind Wasser und Land vom Tourismus nahezu unberührt. Aber Toropets ist nicht nur geografisch „ab vom Schuss“. In diesem 13 000-Einwohner-Städtchen scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, irgendwo an einem unbestimmten Punkt in der Vergangenheit.

Toropets - die beste Stadt der Welt!

Toropets – die beste Stadt der Welt!

(Erstveröffentlichung: www.peralo.wordpress.com)

Auf den ersten Blick: Himmel und Wasser sind blau, Wiesen und Wald sind grün. Das Stadtbild prägen Kirchtürme und Holzhäuschen. Nur eine Hand voll Plattenbauten ist in der Weite erkennbar. Im Stadtzentrum haben die Kaufleute des 19. Jahrhunderts eine Einkaufsstraße mit steinernen Bürgerhäusern hinterlassen. Die hölzernen Wohnhäuser stehen weit verstreut. Toropets ist eine kleine Stadt mit langen Wegen. Dafür bleibt den Menschen viel Raum und Zeit – auch für ihre Geschichte(-n).

Schatzsuche I:
Auf den Spuren internationaler, historischer VIPs

Im Jahre 1239 soll sich Aleksander Nevskij in Toropets kirchlich getraut haben, weil seine Mutter einer Toropetser Fürstenlinie entstammt. Einziges Beweisstück der Trauung des berühmten Paares Nevskij ist die altertümliche Ikone der Gottesmutter von Korsun, welche die Braut den Toropetser Bürgern als Geschenk überließ. Über die Trauungsstätte jedoch ist man sich uneins. Einige vermuten, Aleksander und Aleksandra hätten sich das Ja-Wort in einer Steinkirche gegeben, welche im Großen Vaterländischen Krieg zerstört wurde. Andere suchen auf dem Gelände des heutigen Kleinen Ringwalls nach Überresten einer Holzkirche. Immer wieder werden an dieser Stelle Ausgrabungen durchgeführt. Beweise wurden dennoch bis heute keine gefunden.

Napoleon erreichte Toropets nie persönlich. Angeblich aber sollen seine Truppen auf dem Rückzug im Stadtgebiet ihre Schätze, einige Fässer voller Gold, versteckt haben. Bis heute begeben sich immer wieder Menschen auf Schatzsuche.

Und auch Jekaterina die Große, die Zarin aus Anhalt-Zerbst, hat ihre eigene Toropetser Legende: Ansässige Kaufleute, so erählt man sich, hätten einmal ihre deutsche Kollegen übers Ohr hauen wollen. Diese jedoch, entsprechend der preussischen Tugenden „Ordnung und Disziplin“, wandten sich an die russische Zarin mit den deutschen Wurzeln und beschwerten sich über die Toropetser Händler. Die Ermittliungen führten ins Nichts, die Zarin bezahlte angeblich die Schulden an die Deutschen aus eigener Tasche. Den Toropetser jedoch habe sie einen Orden verliehen – einen Orden aus Gusseisen. Auch nach diesem originellen Zarinnengeschenk wird noch immer gesucht wie nach einem großen Schatz.

Schätze und Geschichte auf der Straße

In seiner 940jährigen Geschichte gehörte Toropets mal zum Großfürstentum Litauen, mal zum Russischen Imperium, mal kamen Esten, mal Polen, mal Kasaken. Im Stadtbild kann man gar preußische Einflüsse entdecken: dreistöckige Bürgerhäuser aus rotem Backstein etwa, oder russische Holzhäuschen, gesetzt auf rotes Backsteinfundament.

Ab dem 17. Jahrhundert erblühen auch in Toropets Handel und Handwerk. Das Städtchen liegt an der Handelsstraße zwischen Skandinavien und Russland. Das Stadtzentrum profitierte offensichtlich von den durchreisenden und ansässigen Kaufleuten: Die Sovjetskaja-Straße ist eine Miniaturausgabe des Moskauer Arbat und die Hauptflaniermeile Toropets‘.

Ende des 19. Jahrhunderts lebten in Toropets nicht ganz 8000 Menschen. 90% von ihnen – orthodox. 18 Kirchen gab es in der kleinen Stadt damals, nur rund die Hälfte überstand das 20. Jahrhundert bis heute. Trotzdem fällt noch immer die Vielzahl der Kirchtürme sofort ins Auge, sobald man die Stadt erreicht. Besonders stolz sind die Toroptshane auf ihre frisch renovierte Korsun-Christi-Geburts-Kirche auf der Roten Insel*, am Ufer des Solomeno-Sees.

Im Vergleich dazu fristet das Heimatmuseum nebenan, in den heiligen Hallen der Kirche der Erscheinung des Herren, ein trauriges Dasein. 1920 gegründet, eröffnete das Museum erst 1924, zum 850jährigen Stadtjubiläum, offiziell seine Pforten. Seit 1962 befindet es sich in der Erscheinungskirche. Das Gebäude ist ganz offensichtlich stark renovierungsbedürftig. Dort, wo die in nicht allzu ferner Zukunft tausendjährige Geschichte Toropets erzählt, auf zwei Etagen gezeigt und nachvollzogen werden kann, blättert der Putz von den Wänden, Räume können wegen statischer Probleme nicht genutzt werden. Aber woher Geld nehmen? Die Einnahmen eines Provinz-Heimatmuseums geben das sicher nicht her.

Schatzsuche II:
Zwischen Wasser und Wein

Wie schön wäre es, den für eine Kleinstadt recht weiten Weg vom ehemaligen Internat zum Zentrum direkt gehen zu können, anstatt um den halben Solomeno-See herum! Wie schön wäre es, bei Regen ein Dach über dem Weg zu haben! Ja, aber genau das soll es doch geben: Als Toropets Grenzstadt nach Westen hin war, bauten sich die Menschen angeblich einen unterirdischen Gang unter dem See hindurch, von der Roten Insel zum Nebin-Dreifaltigkeistkloster. Im Falle eines feindlichen Angriffs sei man dort sicher gewesen. Auch dieser geheime Tunnel gehört zu denjenigen Legenden, nach deren Beweisen noch immer besonders Kinder mit großem Eifer suchen.

Außerdem zeigt diese Geschichten die wahren Schätze, die wirklichen ideellen Zentren des Toropetser Alltags: Kirche und See.
Für die wenige Freizeit, die einem Menschen Arbeit, Haus und Hof lassen, bieten diese zwei Dreh- und Angelpunkte des gesellschaftlichen Lebens ein reiches Angebot: Messen, Konzerte, Feiertage, Themenkreise für eher spirituelle Stimmungslagen. Schwimmen, Pilze sammeln, Lagerfeuer und Angeln im Gebiet der 300 Seen, verbunden durch den Fluss Toropa, für erlebnisorientierte Gemüter. Und auch aus der Seenlandschaft haben es Geschichten bis ins Städtchen Toropets, manche gar, so munkelt man, bis in die Gebietshauptstadt Tver, geschafft.

So soll der nicht weniger als 20 Meter tiefe Udbishe-See, unweit von Toropets, auf seinem Grunde ein Ungeheuer beherbergen. Augenzeugen sprechen von einem großen, einem Dinosaurier ähnlichen Ungetüm, welches der Beschreibung nach mit dem schottischen Nessie verwandt sein muss. Auch geflügelte Fische wollen Angler schon gefangen haben. Verständlich, dass das Udbishe-Ungeheuer wohl kaum allein als Fabelwesen in einem See hausen will, der als eins der liebsten Ausflugsziele großer Lagerfeuer- und Angelgruppen gilt.

Bringen die Angler ihren Fang später nach Hause, werden aus den geflügelten Fischen bald geflügelte Worte mit moralischem Zeigefinger. Denn während die Stadt die strengen Kirchenkuppeln überwachen, fließt in der wilden Natur am Wasser der Wein und lässt Fantastisches und eben auch Ungeheuerliches entstehen 🙂

Toropets


* Das Wort красный, wie auch im Falle des Roten Platzes in Moskau, änderte hier im Laufe der Zeit seine Bedeutung von schön zu rot. Ursprüglich hieß die Insel also Schöne, heute Rote Insel.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s