Der Traum und Alptraum von Neu-Kudrovo

Kudrovo liegt am Stadtrand von St. Petersburg. Doch da Wohnraum in den Außenlagen begehrt ist, ist hier nichts mehr, wie es einmal war. 

(Erstveröffentlichung unter: http://omg2germansinrussia.tumblr.com)

St. Petersburg wächst und gedeiht. Erst kürzlich wurden weite Teile des Umlands eingemeindet, sodass Pavlovsk, Puschkin, aber auch die Seebäder am Finnischen Meerbusen nun offiziell zur Stadt gehören. Zwischendrin gibt es nun genug Baulücken, die aber angesichts des allgemeinen Baubooms sicherlich bald geschlossen werden. Nach Osten hin hat es bisher keine Eingemeindungen gegeben, aber auch dieses kann nur eine Frage der Zeit sein, wenn man sich das Beispiel Kudrovo anschaut.

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Willkommen in Kudrovo

Ein Bahnübergang, nicht weit von der Metro-Station „Ulitsa Dybenko“ entfernt, bildet die Grenze. Jenseits des Bahndamms liegt das Leningrader Gebiet, das, wenn man den Vergleich mit Berlin wagen möchte, so etwas wie das Brandenburg St. Petersburgs darstellt. Das erste Gebäude der Siedlung Kudrovo ist ein futuristisch anmutender Neubau, der sowohl ein Fitness-Center als auch eine Filiale eines weltweit bekannten amerikanischen Spezialitäten-Restaurants beherbergt. Hinter einer auch am Sonntagnachmittag verstopften Kreuzung, die schon jetzt Piter in nichts nachsteht, beginnen dann die Häuserblocks des Wohnkomplexes „Okkervil“. Bei jeder Metrofahrt fällt die Werbung ins Auge, die auf schmucke Eigentumswohnungen in den Randlagen hinweisen und hier wird für ein paar tausend, die entweder zu einem gewissen Wohlstand oder aber zu einem Kredit gekommen sind, der plakatierte Wohntraum wahr. Hier mangelt es an nichts, bildet doch das Erdgeschoss der gesamten Anlage genug Platz für Banken, Kosmetiksalons, Supermärkte und was man sonst gern in seiner Nähe weiß.

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Wohnkomplex und Waldpark „Okkervil“

Gegenüber erstreckt sich der „Waldpark Okkervil“, wobei der so genannte Wald scheinbar noch im Werden begriffen ist und eher an eine Wiese erinnert. Hier lassen sich an diesem sonnigen Nachmittag die Neubürger*innen Kudrovos die Sonne auf den Bauch scheinen, planschen im Wasser eines eher verdreckt anmutenden Flusses oder grillen auf mitgebrachten Einweggrills ihr Schaschlik. Auf einer kleinen Anhöhe glänzt im gleißenden Sonnenlicht eine kleine goldene Kuppel, die auf einem Neubau in Barackenbauweise angebracht ist und weithin sichtbar signalisiert, dass auch für das Seelenheil der rechtgläubigen Neu-Kudroviter*innen gesorgt ist. Die Vorstadt-Idylle ist perfekt.

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Alt-Kudrovo

Erst hinter dem sogenannten Waldpark erstreckt sich das, was bis vor wenigen Jahren mal Kudrovo war. Entlang der Zentralnaja-Straße, auf der dank Baustellenfahrzeugen und Zugezogenen reger Verkehr fließt, liegt ein typisches russisches Dörfchen, das aus teilweise halbverfallenen Holzhäusern besteht. Deren zumeist älteren Bewohner*innen gucken eher missmutig auf den Verkehr und die ihr Dorf von drei Seiten (auf der vierten liegt der Bahndamm und dahinter St. Petersburg) umkreisenden Neubauten beziehungsweise Baustellen. Nicht nur aufgrund des Lärmpegels ist es hier mit der Dorfidylle vorbei. Auch der Staub und Dreck, der von den Baustellen rüber weht, rüttelt beträchtlich an ihr. Noch können sie in  ihren Gärten Gemüse ernten, doch so manches der kleinen Häuschen steht bereits leer oder ist nur noch eine Ruine. So ist es vermutlich auch hier nur eine Frage der Zeit, bis an der Stelle des alten Kudrovo eine Baulücke entsteht, die es dann wieder zu schließen gilt.

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