Ein Stück Sowjetunion

Auch in St. Petersburg findet man sie noch: Relikte der Sowjetunion. Rings um das Stadtzentrum herrscht natürlich die Plattenbauweise vor, doch auch mitten in der Stadt gibt es ein Museum, an dem die Transformation scheinbar spurlos vorbeigegangen ist: Das Museum der Arktis und Antarktis.

(Erstveröffentlichung unter: http://omg2germansinrussia.tumblr.com)

Wo hat in St. Petersburg die Sowjetunion eigentlich 25 Jahre Kapitalismus und Transformation überlebt? Im Zentrum gibt es ein paar Touri-Fänger wie das „Soviet Cafe“. Das ist aber ungefähr so sowjetisch wie die Sowjetunion kommunistisch war. An einigen technischen Überbleibseln kommt man nicht vorbei: So manche Lok im Dienste der Russländischen Staatsbahnen ziert ein roter Stern an ihrer Front, und der Lada Žiguli stellt das zuverlässige Arbeitsgerät so manchen Schwarztaxifahrers dar.

Wenn man die Architektur sucht, muss man nur das Zentrum verlassen. In den Schlafbezirken, die sich wie ein Ring um die Innenstadt legen, ist St. Petersburg noch Leningrad. Der Plattenbau herrscht vor und am Leninplatz vorm Finnländischen Bahnhof sowie am Leninskij-Prospekt thronen noch heute gusseiserne Abbilder des Revolutionsführers.

Dort, wo St. Petersburg noch Leningrad ist

Dort, wo St. Petersburg noch Leningrad ist

Die wahren sowjetischen Oasen sind rar. Auf der Majakowskij-Straße gibt es noch den „Majak“ (Leuchtturm), eine Wirtschaft die augenscheinlich seit 1990 nicht mehr renoviert wurde, oder in einer Nebenstraße des Newskij-Prospekts das „Pischki“, eine Lokalität, die passenderweise auf die Zubereitung von Pischki (Schmalzkuchen in Donut-Form) spezialisiert ist. Laut dem niederländischen Comic-Zeichner Eric Heuvel, der die Sowjetunion schon in den 80ern bereiste und neben dem ich bei Kwas, Tee und Pischki in eben jenem „Pischki“ saß, passt der Speisesaal perfekt in die späte Breschnew-Zeit.

Das Russländische Staatliche Museum der Arktis und Antarktis

Das Russländische Staatliche Museum der Arktis und Antarktis

Unwissentlich hat sich aber mitten in St. Petersburg die Sowjetunion selbst ein Museum gebaut: Das Russländische Staatliche Museum der Arktis und Antarktis.  Wie lange es in der Form noch bestehen wird, ist leider unklar, da es sich in einem ehemaligen Kirchengebäude befindet, das nun an die Kirche zurückgegeben werden muss. Noch kann man aber durch den ehemaligen Sakralbau wandeln, unter deren Kuppel ein bei Expeditionen verwendetes Flugzeug hängt. Die Ausstellungen preisen im Wesentlichen die Erkenntnisse und Errungenschaften der sowjetischen Polarforschung. Ausgewiesene Helden der Sowjetpropaganda, wie Otto Juljewitsch Schmidt, der mit seinem Team so und so lange in grausiger Kälte ausharrte, werden den Besuchern detailliert vorgestellt. Darüber hinaus gibt es zu sehen, was sonst aus den kalten Regionen dieser Erde mitgebracht wurde. Ausgestopfte Kaiserpinguine zum Beispiel. Und auch Modelle der bedeutendsten sowjetischen Eisbrecher dürfen nicht fehlen.

Nun, da das Museum bald umziehen muss, steht zu befürchten, dass eine Schar von Museumspädagog*innen sich der Ausstellungen annehmen wird um diese zeitgemäß zu gestalten. Das vermutliche letzte authentische sowjetische Museum St. Petersburg geht aber beiläufig verloren.

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