Tag des Sieges in Perm

Der Oktoberplatz in Perm ist voll. An den Seiten sind Tribünen aufgebaut, schon eine halbe Stunde früher sind fast alle Plätze belegt. Der Platz ist weitläufig abgesperrt, an den Eingängen kontrollieren Sicherheitsleute die Taschen. Zu der Parade nehmen viele ihre Kinder mit, oder auch die Enkel. Die Kinder freuen sich über die Sowjetunionsflaggen, die kostenlos ausgeteilt werden. Ganz vorne sind fünf Stuhlreihen aufgestellt, für die Veteranen, die im Krieg waren, oder in den Fabriken gearbeitet haben. Einige tragen Anzug, andere Jogginghosen, ein paar eine Uniform voller Orden. Eindrücke vom Tag des Sieges aus Perm.

(Erstveröffentlichung: www.postausperm.wordpress.com)

Vor 69 Jahren am 7. Mai unterschrieben in den frühen Morgenstunden Vertreter der Wehrmacht in Reims die bedingungslose Kapitulation. Zur Mittagszeit wurde am gleichen Tag zum ersten Mal in Deutschland das Ende des Zweiten Weltkriegs bekannt gegeben. Der Akt wurde in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai in Berlin wiederholt, die Erklärung trat rückwirkend um 23.01 in Kraft und alle Kampfhandlungen der Wehrmacht wurden offiziell beendet. Wegen der Zeitverschiebung endete der Krieg in Moskau erst um ein Uhr morgens. Und deshalb gilt in Russland und allen anderen früheren Sowjetrepubliken der 9. Mai als offizieller Tag des Sieges.

Auf dem Oktoberplatz stehen in zehn Blöcken Menschen in verschiedenen Armeeuninformen. Auf beiden Seiten steht ein Militärauto mit offenem Verdeck, in der Mitte eine Blaskapelle. Ein riesiger Bildschirm geht an. Es werden Bilder aus dem Krieg gezeigt, die eine Stimme kommentiert, ein paar Menschen auf dem Platz stellen das ganze szenisch dar. Es ist von den jungen Männern die Rede, die gerne in den Krieg gezogen sind, weil sie wussten, wofür sie kämpfen. Für die Sowjetunion, für den Kommunismus, für ihr Volk und gegen den Faschismus. Es werden Bilder von Abschieden gezeigt, den die Menschen auf dem Platz auch darstellen. Mädchen verabschieden sich von ihren Freunden, die in den Krieg ziehen – zwar traurig, aber laut Kommentator auch froh darüber, dass ihre Freunde für den Sieg kämpfen.

Schnitt. Kleine Kinder kommen auf den Platz, dazu tönt ein fröhliches Kinderlied, in dem es darum geht, dass alle Russland lieben. Der Kommentator berichtet, dass die Kinder nicht darunter gelitten haben, dass ihre Väter weg waren, und sie oft in jungen Jahren in Fabriken arbeiten mussten, um Munition herzustellen. Im Gegenteil, sie machten das gerne, für den großen Sieg eben.

Die Kinder verschwinden. Es geht nun um das Ende des Krieges. Junge Soldaten halten Schilder in die Kamera, auf denen steht “Mama, ich bin zurück!”. Menschen liegen sich in den Armen, die Stimme des Sprechers strotzt vor Pathos: “Wir alle haben viele Opfer gegeben, und wussten immer, wofür wir es getan haben. Für unser Land. Für unser Volk. Für den großen Sieg! Wir danken Ihnen, liebe Veteranen für alles, was Sie für unser Land getan haben!” Ein Marsch ertönt und Kinder in Uniformen laufen durch die Reihen, in denen die Veteranen sitzen und teilen große Tüten und eine Blume an jeden aus. Die Beschenkten reagieren unterschiedlich. Ein alter Mann ist völlig gerührt und schaut den Jungen so an wie den lange verschollenen Enkelsohn, eine Frau knutscht ihren Schenker ab, eine andere ruft angesäuert: “Ich habe noch keine Tüte bekommen!” Für viele ist es ein rarer Moment der Aufmerksamkeit und Dankbarkeit.

Auch die Veteranen, die nicht zu den Paraden im ganzen Land kommen, gehen nicht leer aus. Jedes Jahr kommt direkt aus dem Kreml eine Grußkarte, mit einer Abbildung einer Unterschrift von Putin, und ein paar Sätzen wie: “Sie haben alles für den großen Sieg getan, vielen Dank dafür!” Meine alte Babuschka kriegt diese Karten von Anfang an, und zeigte sie mir mit einem nüchternen Kommentar: “Dieses Jahr ist schon wieder kein Geld dabei.”

In Perm ist die Multimedia-Show nun zu Ende. Es folgt ein nicht nachvollziehbares hin und her Marschieren von Menschen mit Gewehren, ein paar Befehle von einem dicken alten Mann mit vielen Orden und kurzen Orchestereinsätzen. Als eine kleine Gruppe Soldaten zu einem flotten Marsch an den Tribünen vorbeimarschieren, klatschen die Zuschauer mit. Ich mache es nicht. In der Sowjetunion, deren Flagge hier so zahlreich geschwungen wird, hätte ich mir damit eine gute Grundlage für einen längeren Sibirien- Aufenthalt gelegt.

Russland lebt bis heute vom Sieg, der überbordende Patriotismus lebt davon. Der 9. Mai ist der wichtigste Feiertag des Jahres, deshalb spricht es eine deutliche Sprache, wenn Putin an diesem Tag auf die frisch annektierte Krim fährt. Der 9. Mai ist eine Erinnerung an die Stärke der Sowjetunion, an die Zeiten als Weltmacht, als andere Länder Angst und Respekt hatten. Und das ist ein Status, den viele Menschen gerne wieder erreichen würden. Der Sowjetkitsch, das Schwingen von UdSSR – Flaggen hat meistens nichts mit kommunistischer Einstellung zu tun, sondern mit der Gewissheit, eine Weltmacht gewesen zu sein und sein zu müssen. Es vergeht kein Treffen mit meinem Deduschka, bei dem er mich nicht daran erinnert, dass noch niemand es geschafft habe, Russland einzunehmen.

Der dicke Mann steigt jetzt in eines der Autos und fährt die einzelnen Blöcke von Uniformierten ab. Vor jedem hält der Fahrer an und der Mann grüßt. Die Menschengruppe ruft irgendetwas zurück. Dann ruft der Mann: “Alles Gute zum Tag des Sieges!” worauf die Uniformierten drei Mal Hurra schreien, das Orchester einsetzt und das Auto weiterfährt.

Die Rote Armee hat Konzentrationslager befreit, Berlin eingenommen, was zu Hitlers Selbstmord führte und hat gemeinsam mit den anderen Alliierten für das Ende der nationalsozialistischen Diktatur gesorgt. Es gibt Grund genug, sich daran mit etwas Stolz zu erinnern. Aber mit Militärparaden, mit Heroismus, der den Krieg verklärt und die 11 Millionen Soldaten und 15 Millionen Zivilisten, die auf Seiten der Sowjetunion starben, als Helden aufzubauen statt ihren Verlust zu betrauern?

Der Gouverneur von Perm hält eine Rede. Er sagt nicht viel von Bedeutung, nennt aber einige Zahlen. Eine halbe Million Menschen aus dem Permer Gebiet zog in den Krieg. Etwa die Hälfte kam zurück. Statt davor zu mahnen, dass so etwas durchaus wieder passieren kann, dankt er den Veteranen. Was denken wohl die Kinder? Wollen sie das auch mal schaffen?

Die Truppen marschieren ab, hinter ihnen fahren einige Panzer und andere Militärfahrzeuge, zu denen die Eckdaten genannt werden. Danach passiert etwas, was nicht in das eigentliche Bild passt. Mehrere Tausend Menschen laufen im Pulk über den Platz und halten Bilder von den Menschen hoch, die sie im Krieg verloren haben. Es ist keine Heroisierung, sondern ein trauriges Gedenken an den Tod, den Krieg mit sich bringt.

Für viele Russen ist der 9. Mai einfach ein freier Tag. Für die Veteranen ist er der Tag, an dem man sich daran erinnert, dass sie noch da sind. Es ist ein Tag des Patriotismus, der Tag der Sowjetunion. Es ist der einzige Tag, an dem sich alle Menschen in diesem zerrissenen Land einig sind.

„Wir durchquerten halb Europa, die halbe Erde.
Wir taten alles, um diesen Tag herbeizuführen.
Der Tag des Sieges!“

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