Monstration Novosibirsk 2014

Jährlich am 1. Mai füllen sich die Straßen russischer Städte mit den Kolonnen der traditionell am Tag der Arbeit stattfindenden Demonstrationen. Auch Novosibirsk ist dabei keine Ausnahme. Allerdings findet hier gleichzeitig noch eine Veranstaltung statt, die dieses Treiben in einem farbenprächtigen Fest des Absurden gekonnt auf die Schippe nimmt.

(Erstveröffentlichung: www.baschkirienheute.de)

Auf dem Kalinin-Platz am nördlichen Rand der Innenstadt von Novosibirsk strömen, im Rhythmus der eintreffenden U-Bahnen, immer mehr Menschen zusammen. Es sind vor allem junge Leute, sie tragen bemalte oder beschriebene Schilder und Plakate mit sich oder sind verkleidet und somit selbst sozusagen ein wandelndes Plakat. Es wir immer bunter, enger, lauter und die Stimmung immer ausgelassener. Irgendwo spielt jemand Gitarre.

In dieser dichten Menge herrscht große Bewegung. Man läuft hin und her und schaut sich um, was für Losungen und Sprüche sich die anderen Teilnehmer ausgedacht haben. Denn diese sind der Kern des Ganzen, im Grunde wie bei anderen Versammlungen auch. Der wesentliche Unterschied hier ist allerdings, dass man sich und seine Verlautbarungen alles andere als ernst nimmt. Ganz im Gegenteil ist die „Monstration“ (russ. Monstrazija), so die offizielle Bezeichnung, ein Gegenentwurf, eine große Satire auf die traditionellen 1. Mai-Demonstrationen. „Prasdnik vesny i truba“ (Feiertag des Frühlings und des Rohrs) war so etwa in ironischer Anspielung auf die offizielle Bezeichnung des „Prasdnik vesny i truda“ (Feiertag des Frühlings und der Arbeit) auf einem der Plakate zu lesen.

Seit nunmehr 10 Jahren findet die Monstration bereits in Novosibirsk statt. Entstanden ist sie 2004 auf Initiative der Künstlergruppe „CAT“ (Contemporary art terrorism) und als deren Reaktion auf eine als inhaltsleer und ritualisiert empfundene Demonstrationskultur, die durch ständiges Wiederholen alter Phrasen im Grunde nichts neues zu sagen hat und so auch keinen ernsthaften politischen Dialog mit niemandem führt.

k-DSCI0335Zu der Künstlergruppe, die mittlerweile selbst nicht mehr existiert, gehörte auch Artjom Loskutov. Er ist bis heute die treibende Kraft hinter der Monstration geblieben und seiner Ausdauer, vor allem in den ebenfalls jährlich wiederkehrenden Verhandlungen mit der städtischen Verwaltung, ist es zu verdanken, dass die Monstration mittlerweile eine Größe im Kulturkalender der Stadt geworden ist. Seit 2010 hat sie mehr Teilnehmer als alle anderen Aktionen am 1. Mai in Novosibirsk zusammen. Den zahlenmäßigen Höhepunkt erreichte sie 2012 mit mehr als 6000 „Monstranten“ (offiziell 6666). In diesem Jahr haben sich über 4000 Teilnehmer eingefunden.

Als der Platz die Menge an Menschen längst nicht mehr aufnehmen kann, wird der Beginn des eigentlichen Marsches verkündet. 3,5 Kilometer über die zentrale Verkehrsader hinein in die Innenstadt, zum Leninplatz mitten im Zentrum. Eine aus der Mitte des Zuges heraus unüberblickbare Masse an „Monstranten“ strömt die Straße hinunter. Ein Lautsprecherwagen sorgt für Begleitmusik. Zwischendurch wird immer mal wieder angehalten, die Fotografen aufgefordert ihre Arbeit zu machen oder spontane Losungen skandiert. Die Atmosphäre ist dabei die ganze Zeit buchstäblich euphorisierend – ein unglaublich positives Massenspektakel bis zum Schluss.

In ihrem Selbstverständnis ist die Monstration eine „künstlerische Aktion mit Losungen und Transparenten, welche die Teilnehmer als wesentliches Kommunikationsmittel mit den Zuschauern und als künstlerische Technik verwenden, mit deren Hilfe wir die uns umgebende Wirklichkeit gedanklich verarbeiten.“ Die Monstration trage keinen offenen Protestcharakter und sei keine politische Aktion. Als solche versucht sie die Stadtverwaltung jedoch jedes Jahr aufs Neue einzuordnen, was nicht zuletzt eine deutliche Verschärfung der Auflagen zur Folge hätte. Erst am Vortag zur diesjährigen Monstration musste Loskutov erneut zusichern, dass es sich um eine künstlerische Aktion handelt. In ihrer Selbstbeschreibung bleibt die Monstration deshalb in erster Linie ein Happening, Public-Art und Aktionskunst, bei der das Absurde deutlich im Vordergrund steht.

Die Mehrzahl der Losungen ist auch in diesem Rahmen zu verorten: auf das alltägliche Leben bezogene Scherze, Wort- und Sprachspiele oder auch einfach nur purer Nonsens. Mitunter sind die Sprüche aber vielschichtiger oder doppeldeutiger, als sie zunächst erscheinen. Die Grenze zum politischen bleibt so letztendlich dennoch sehr schmal. „Trudno byt blogom“ (Es ist schwer, ein Blog zu sein) heißt es etwa auf einem der Plakate (in Anlehnung an den letztes Jahr erschienenen Film „Trudno byt bogom“ – Es ist schwer, ein Gott zu sein), was sich auch als Kommentar zu dem Gesetzesentwurf zur schärferen Kontrolle von Blogs im Internet lesen lässt.

Diese Mehrschichtigkeit gilt nicht zuletzt auch für die Hauptlosung, die auf einem großen roten Banner dem Zug an Monstranten vorneweg getragen wird, in der Mitte traditionell gehalten von Loskutov selbst und der novosibirsker Künstlerin Marija Kiseljova an seiner Seite. Als kreative Ideengeberin der Monstration neben Loskutov sollte sie zumindest genannt werden. Die jährlich wechselnde Hauptlosung (2013: „Vperjod v tjomnoe proschloe“ – Vorwärts in die dunkle Vergangenheit) wird bis kurz vor Beginn des eigentlichen Marsches geheim gehalten und erst vor Ort präsentiert.

„Ad nasch“ (Die Hölle ist unser) heißt es in diesem Jahr, was an die in letzter Zeit sehr aktuelle Losung „Krim nasch“ (Die Krim ist unser) erinnert. „Die Monstration ist eine karnevaleske Prozession durch die Stadt, in der wir den Wahnsinn ironisieren, der uns umgibt“, fasst ein äußerst zufrieden aussehender Loskutov diesbezüglich am Abend in einem Interview für den Fernsehsender Doschd noch einmal zusammen – ein ironisches Grinsen auf dem Gesicht und ein Gummihuhn in die Kamera haltend.

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