Sonnenseiten einer Kinderkolonija

An einem frühen Freitagmorgen verlässt der Bus das Zentrum Krasnojarsks. Er ist bis auf den letzten Platz besetzt. Es geht in Richtung des knapp 100.000-Seelen-Städtchens Kansk. Dort, ca. 250km östlich der Gebietshauptstadt, befindet sich das “Erziehungslager für minderjährige Straftäter des Krasnojarsker Gebietes”.

    Aufschriften. Hinweise. Befehle. Bitten. Parolen. Keine Verbote.

Aufschriften. Hinweise. Befehle. Bitten. Parolen. Keine Verbote.

(Erstveröffentlichung: www.peralo.wordpress.com)

Ein Besuch im Erziehungslager für Kinder und Jugendliche des Krasnojarsker Gebietes in Kansk.

Geht es um Straf- oder Erziehungslager in Russland, besonders in Sibirien, denken wohl die meisten Leute erst einmal an Stalins Gulags, dann ziehen sie Parallelen zu den Konzentrationslagern Hitlers. Oder anders herum. Und so erwartet man Menschenrechtsbrüche, unwürdige Behandlung der Jugendlichen, Kälte, Gestank, Hass und Dreck. Und das alles in Schwarz-Weiß.

Was wir, die Besucher, tatsächlich sehen konnten, war natürlich das, was uns, den Besuchern, gezeigt wurde. Und als wäre das Programm mit dem erwachenden Frühling abgesprochen, taten die Sonne und die Lagerleitung gemeinsam ihr Bestes, um von der Sonnenseite “ihrer” Kolonija zu überzeugen.

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Willkommen: Auf dem Besuchersteg

Nach circa vier Stunden Fahrt durch sonnendurchflutete Birkenwälder, noch schneebedeckte Hügel und bereits schneefreie, überflutete Felder, erreichen wir gegen Mittag Kansk. Zur Kolonija müssen wir nicht einmal durchs Ortszentrum. Das Erziehungslager liegt am Stadtrand, in einer weitläufigen Holzhaussiedlung. Dorthin führt eine breite, neue Umgehungsstraße.

Drei Wachmänner heißen uns willkommen. Sie lächeln höflich, behalten jedoch einen skeptischen Blick bei. Telefone und Pässe sammeln sie mit großen, silbernen Koffern ein. Fotoapparate und Fotografieren sind, zur aufrichtigen Überraschung aller Besucher, nicht verboten.

Am Wachgebäude vorbei, durch zwei Stahltore, betreten wir das Lagergelände. Am Wegesrand – weit über zweimannshohe Zäune mit Stacheldraht. Dahinter liegen die Wohnblöcke der Jugendlichen. Alle Gebäude strahlen in hellen, frischen Farben. Außerdem steht hinter dem Zaun eine große Holzkirche. Der Weg ist aufgeweicht und schlammig. Am Rand liegen Holzbretter als Stege durch den Schlamm. Sie sehen ganz neu aus, für die hohen Gäste „von draußen“.

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Kennenlernen: Zwei Welten in einer Turnhalle

Die Wärter führen uns zunächst zur neuen Sporthalle: sie ist sauber, die pastellgelben Wände riechen noch nach Farbe. Im Erdgeschoss befindet sich die Halle mit Basketballkörben, Volleyballnetz, und Fußballtoren. Über den Körben, am oberen Rand der Wände, hängen große, bunte Bilder von erfolgreichen Kolonija-Fußballteams, Jugendlichen beim Sport und bei einem Treffen mit Präsident Wladimir Putin.

Die ganze Besuchergruppe trifft auf die ganze Gruppe der Jugendlichen. Zwischen den zwei Welten stehen die pädagogische Leiterin der Einrichtung und ihre Mitarbeiter. Über ihren Köpfen – ein, zum Schutz vor harten Bällen, in Gitter gefasstes Schild: „Vychod/Exit“. Alle Anwesenden im Raum stehen steif. Es könnten Fragen gestellt werden, man könne sich nun einmal ein wenig unterhalten, schlägt die blasse, ältere Dame in der Mitte vor. Wenn sie lächelt, blitzen ihre Goldzähne. Die Stimmung ist zäh, die Luft zum Schneiden dünn.

Aus den Reihen der Jugendlichen gibt es keine einzige Frage. Von Seiten der Besucher wird ein kleiner Plausch angestrebt:

Besucher: »Gefällt es euch hier?«

Gefangene: (im Chor) »Ja!«

Besucher: »Lernt ihr schön?«

Gefangene: (im Chor) »Ja!«

Besucher: »Und warum habt ihr in der Schule damals nicht schön gelernt?«

Gefangene: (allgemeines Murmeln, eine einzelne Stimme) »War nicht interessant.«

Besucher: »Und hier ist es jetzt plötzlich interessant?!«

Gefangene: »Wir haben erst hier kapiert…«

Besucher: »Ah, erst hier kapiert! Dann wünsche ich euch, dass ihr hier noch Vieles mehr „kapiert“!«

Gefangene: (murmeln, lachen)

Besucher: »Was ist, zum Beispiel, „gut“? Und was ist „schlecht“?«

Gefangene: (murmeln, blicken zu den Nachbarn, lachen)

Besucher: »Wenn ihr mal wieder ein philosophisches Wörterbuch zur Hand habt, schaut mal nach unter „das Gute“ und „das Böse“!«

Gefangene: (nicht ganz synchron, aber im Chor) »Machen wir!«

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Beeindrucken: Die allerneuesten Räumlichkeiten

Beim Gehen rufen einige Besucher den Jugendlichen zu: »Lernt fleißig!«

Die Gefangenen bedanken sich brav: »Spasibo! Auf Widersehen und alles Gute!«

Die Mitarbeiter der Kolonija führen uns weiter durch die obere Etage des Sporthauses, wo sich der Fitnessraum befindet. Die neuen Kraftgeräte scheinen gänzlich unbenutzt, nur die Laufbänder zeigen Spuren von staubigen Sportschuhen. Allerdings hat dieses Gebäude auch erst vor einigen Wochen neu eröffnet. Daher auch der Farbgeruch.

Nebenan befindet sich das Kulturzentrum. Ebenfalls neu, erst seit zwei Tagen fertig renoviert. Wir sehen es sogar noch vor den Jugendlichen. Im Kulturzentrum wurde für die Jugendlichen ein neuer Lesesaal der Bibliothek eingerichtet. Einem Wächter zufolge sei das Lesen nicht besonders beliebt unter den Jugendlichen. Aber die Schullektüre würden doch „ein paar Jungen“ lesen, ansonsten eher Fantasy oder Auto-Zeitschriften. Nichts Verwunderliches bei einer Gruppe von Jungen im Alter von 14 bis 18 Jahren.

Außerdem gibt es im Kulturzentrum eine Bühne für Theateraufführungen, einen Kleintierzoo, Kunst- und Werkräume, psychologische Beratungsräume, eine Krankenschwester und einen Ballettsaal. Im Hinblick auf die Zielgruppe lässt sich an der Sinnhaftigkeit des Letzteren zweifeln.

Gefangen: Keine kleinen Fische

Gegenwärtig befinden sich im Erziehungslager Kansk ca. 50 Jugendliche. Ausschließlich Jungen. Die Kinder-Kolonija Kansk ist die einzige Einrichtung ihrer Art im Krasnojarsker Gebiet. Die hier ihrer Freiheit beraubten Jugendlichen sind jedoch keine kleinen Fische: In eine solche Erziehungsanstalt kommen diejenigen Jugendlichen, die vom Gericht einer schweren Straftat für schuldig befunden wurden, z.B. Vergewaltigung, Körperverletzung, Raub, Mord. Und das auch nur im Falle des wiederholten Auffällig-Werdens. Antiautoritäres Gut-Zureden würde hier wohl kaum Wirkung zeigen.

Während wir das Kulturzentrum bestaunen, werden die Jugendlichen zurück in ihre Wohnblöcke gebracht. Als wir weiter übers Gelände geführt werden, werden gerade die Bummelletzten durch ein kleines, unauffälliges Gittertor in den hohen Zäunen geschubst. Von Weitem schauen die gefangenen Jugendlichen mit diffusen Blicken der Besuchergruppe nach. Die Wärter erklären uns die aktuelle Großbaustelle: »Das wird eine neue, kleine Mensa. Einen kleinen Laden wird es auch geben, wo sich die Kinder mal was extra kaufen können.«

Vier Stunden täglich arbeiten die Jugendlichen hier, auf dem Gelände oder in den Holz- und Metallwerkstätten. Mehr ist vor dem Gesetz nicht erlaubt. Am Abend haben die Jungen Schule. Am Schulgebäude prangen die Parolen „Herzlich Willkommen im Land des Wissens!“ und  „Neues Wissen – neues Leben!“. Uns, den Besuchern, werden die neuen Fachräume für Informatik, Biologie und Russische Sprache und Literatur gezeigt. Auch hier ist alles blitz-plank. Alle Gegenstände im Raum sind mit ihren Bezeichnungen gekennzeichnet. Am Wasserspender auf dem Gang wird gebeten: „Spart Wasser!“. In keinem der Räume jedoch gibt es Papierkörbe.

Den Einangsbereich zieren Ständer und Tafeln mit dem Emblem der Stadt Kansk, dem russischen Präsidenten, dem russischen Adler und der Hymne. Außerdem werden die besten Schüler ausgestellt, Bilder von Freizeitaktivitäten, Erfolge der Schüler bei Schul-Olympiaden. Selbst eine Schülerzeitung gibt es: „Vzgljad“. Die Lehrerinnen, die wir treffen, strotzen vor Idealismus. Sie erzählen uns sehr überzeugend, dass die meisten Jugendlichen sich hier wirklich anstrengen, einbringen und lernen. Die Gesichter der Lehrerinnen scheinen müde, aber hoffnungsvoll.

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Zweifeln: Zu viel Sonne?

Vor einem Jahr, so berichteten lokale Medien, wurde eine Mitarbeiterin von einem 17-jährigen Gefangenen vergewaltigt. Heute will davon niemand mehr etwas wissen. Das Lächeln des Idealismus bei den Lehrerinnen ist stärker. Die Wärter geben sich schweigsam, aber hilfsbereit und weich.

Auf dem Weg zum Ausgang sehen wir, natürlich hinterm Zaun, einen Wärter, der zwei Jugendliche dabei bewacht, wie sie einen Schneeberg umschaufeln, von einer Seite auf die andere. Das macht man in Sibirien häufig, damit der Schnee schneller taut. Die Gesichter der Jungen sind finster, der Wärter schaut streng – auch auf die vorbeischleichenden Besucher.

Eine Strafarbeit: Schnee schaufeln bei strahlendem Sonnenschein. Ganz so sonnig, wie es uns die Lagerleitung präsentieren wollte, ist es eben doch nicht in einem solchen Erziehungslager für (schwer) straffällig gewordene Jugendliche.

Diese Kinder-Kolonija Kansk hat kein Schwarz-Weiß-Bild, keine Horror-Gulag-KZ-Parallelen hinterlassen. An der uns, den Besuchern, präsentierten Harmonie jedoch blieben Zweifel. Und das nicht nur bei mir.

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