Die Heldenstadt

Wer den Wolgograder Bahnhof verlässt, dem fällt als erstes ein Brunnen in der Mitte des Bahnhofvorplatzes auf. Sechs Kinder, die sich an den Händen halten und um ein Krokodil in der Mitte tanzen. Erst letztes Jahr wurde es hier aufgebaut, als Erinnerung an die Schlacht um Stalingrad, die das Denkmal überstand. Ende Dezember wurden die Kinder und das Krokodil Zeugen vom Anschlag auf den Bahnhof, der nur einer von drei innerhalb von wenigen Monaten war. Wolgograd – die Heldenstadt.

(Erstveröffentlichung: www.postausperm.wordpress.com)

Wenn man in Wolgograd vorankommen möchte, muss man viel Geduld mitbringen. Die Stadt schlängelt sich an der Wolga entlang, auf der anderen Seite von Steppe begrenzt. An einigen Stellen kann man links und rechts die Enden sehen. Dafür ist Wolgograd 70 Kilometer lang, eine von Schlaglöchern gesäumte Hauptstraße zieht sich durch die ganze Stadt. Es gibt wenige Busse, der Nahverkehr wird vor allem von Marschrutkas getragen. In diese Mini- Busse passen eine Hand voll Leute, die dann viel Zeit miteinander verbringen, vor allem in der Rush Hour, oder wenn die ohnehin schon löchrige Straße noch mit Schnee und Eis überzogen ist.

Schatten der Vergangenheit

Wenn man es ins Zentrum geschafft hat, kann man einen Blick auf den Platz der gefallenen Helden werfen. Es gibt in jeder russischen Stadt ein Kriegsdenkmal, in Wolgograd ist es aber etwas Besonderes. Eine hohe Säule, ein Feuer, viele Kränze und eine Schülerwache. Zwei junge Männer mit Gewehren in den Händen und zwei junge Frauen ohne Waffe stehen reglos vor dem Denkmal – 20 Minuten lang, bis sie abgelöst werden. Es ist der Tribut der Jugend an die Helden von Stalingrad.

Ein paar Meter weiter befindet sich das zentrale Kaufhaus. Heute ist es fast leer, weil es Probleme mit der Stadtverwaltung und den Mieten gibt. Auch dies ein geschichtsträchtiger Ort: Hier wurde Generalfeldmarschall Paulus, der die 6. Armee befehligte, von den sowjetischen Truppen Ende Januar 1943 festgenommen. Es war der Schlusspunkt einer fünfmonatigen Schlacht, die nach kurzer Zeit für die deutschen Truppen aussichtslos wurde.

Ende August 1942 nahm die deutsche Armee Stalingrad ein, nur wenige Orte der Stadt blieben weiter in der Hand der Roten Armee. Nach drei Monaten gelang es dieser jedoch, die deutschen Truppen einzukesseln. Paulus bereitete den Ausbruch vor, Hitler gab jedoch den Befehl, Stalingrad um jeden Preis zu halten. Paulus hielt sich daran, auch einen Monat später, als er auf Geheiß des Führers ein Kapitulationsangebot ablehnte. Nach zwei Monaten im Kessel, in der Nahrungs- und Munitionsvorräte aufgebraucht wurden, noch mehr aber die Hoffnung, hatte die Wehrmacht der Roten Armee nichts entgegenzusetzen, als diese den Kessel zuschnürte und Stalingrad zurückeroberte. Noch einen Tag vor seiner Festnahme meldete Paulus aus dem Kaufhaus an Hitler:

„An den Führer! Zum Jahrestage Ihrer Machtübernahme grüßt die 6. Armee ihren Führer. Noch weht die Hakenkreuzfahne über Stalingrad. Unser Kampf möge den lebenden und kommenden Generationen ein Beispiel dafür sein, auch in der hoffnungslosesten Lage nie zu kapitulieren, dann wird Deutschland siegen. Heil mein Führer! Paulus, Generaloberst.“

Von Hitler wurde er dafür mit dem Titel des Generalfeldmarschalls belohnt, die rote Armee nahm ihn trotzdem fest. Seine vorherige Loyalität zu Hitler bröckelte, er traf sich mit Wilhelm Pieck und unterschrieb einen Aufruf an das deutsche Volk, sich von Hitler loszusagen. Später sagte er gegen andere Befehlshaber vor Gericht aus, wies jede Schuld von sich und ließ sich von der DDR als Vorzeigeobjekt gebrauchen. Für alle anderen war er ein Wendehals der schlimmsten Sorte.

Stalingrad – eine Stadt für Helden

Ende Oktober 2013. Ein Bus explodiert während der Fahrt, sechs Menschen sterben. Schnell ist die Schuldfrage geklärt: Eine schwarze Witwe war es, im Fernsehen wird der angebliche Pass präsentiert, auf dem die Frau ein Kopftuch trägt, was auf Passfotos nicht erlaubt ist. Der Pass ist unbeschädigt und sauber. Später ist von diesem Pass nicht mehr die Rede, es wird doch ein anderer präsentiert. Die Frau war eine Konvertitin, die an einer Knochenkrankheit litt. Sie versuchte noch, über das Internet spenden zu sammeln, bevor sie ihrem Leben ein Ende setzte – und dabei ihren persönlichen Dschihad kämpfte.

Wolgograd – eine Stadt für Helden

Wolgograd ist eine Stadt, wie es wahrscheinlich wenige gibt. Es vermischen sich Vergangenheit und Gegenwart, Krieg und immer wieder gestörter Frieden, kurz: Stalingrad und Wolgograd.

Ein paar Kilometer vom Platz der gefallenen Helden entfernt liegt ein Museum, das sich mit dem Krieg und vor allem mit dem Sieg der Sowjetunion beschäftigt. Prunkstück ist ein Rundbild, 360 Grad Krieg. Es sind schreckliche Bilder, unheimlich real auf die Leinwand gebracht. Dazu gibt es Erklärungen, die sich auf so genannte Kriegshelden beziehen. Einer fing an zu brennen und rannte auf einen deutschen Panzer zu, welcher dann explodierte, ein anderer warf sich in den Kugelregen und gab seinen Kameraden so Zeit zum nachladen. Es sind diese Menschen, mit denen die Schlacht um Stalingrad schließlich doch noch gewonnen wurde, und somit den Wendepunkt im Krieg gegen Deutschland setzte. Aber kann man bei so einer zermürbenden Schlacht, bei so einem Krieg mit 14 Millionen gefallenen sowjetischen Soldaten und 6 Millionen gestorbenen Zivilisten von einem Sieg reden?

In Stein gemeißelter Heroismus

Russland tut es. Und bei diesem nationalen Gedenken fällt Wolgograd eine Sonderrolle zu. Jedes Jahr am 9. Mai, wenn dem großen vaterländischen Krieg gedacht wird, finden Veranstaltungen in Wolgograd statt, was an solchen Tagen offiziell wieder Stalingrad genannt wird. Es gibt einen eigenen großen Komplex, der an die Schlacht und den Krieg erinnert. Er ist millimetergenau geplant, nichts wird dem Zufall überlassen. Nach vielen Treppenstufen sieht der Besucher bereits die riesige Statur der Mutter Heimat, die entschlossenen Blickes ein Schwert schwingt.

Bevor man sie erreichen kann, läuft man durch eine lange Allee, passiert ein Denkmal mit einem sowjetischen Soldaten mit muskulösem Oberkörper und kommt anschließend auf einen Platz, dessen Mauern links und rechts Ruinen nachempfunden sind und trotzdem Kriegshandlungen darstellen. Danach geht man in einen dunklen, kalten und nassen Korridor, an dessen Ende sich die große Halle auftut, in der der Präsident sich so gerne fotografieren lässt. In der Mitte eine steinerne Hand, die eine Fackel trägt, in der ein ewiges Feuer brennt. Davor zwei regungslose Soldaten und viele Kränze. Eine Rampe schraubt sich nach oben. An den Wänden sind die Namen der Gefallenen eingraviert.

Kurz bevor man die Halle verlässt, sieht man bereits durch das Loch in der Decke den Kopf der Mutter Heimat, bevor man sie in voller Pracht sehen kann. Hier hat jeder Stein Symbolik, jeder Winkel ist berechnet, jedes Gramm Beton ideologisch. Nach der Gedenkanlage kann man sich in einem Sowjet- Café mit Stalin- Porträt an der Wand stärken. Ist das wirklich ein Ort des Gedenkens oder bloße Heldenpropaganda, in Stein gemeißelter Heroismus und Verklärung der vermutlich schrecklichsten Sache der Welt?

Der Schrecken kehrt zurück

Ende Dezember. Das Jahr 2013 geht zu Ende, das so ein wichtiges für Wolgograd war. Das Ende der Schlacht um Stalingrad jährte sich zum 70. Mal, eine Gedenkveranstaltung mit Präsidentenbesuch jagte die nächste. Auch eine ganz besondere Veranstaltung gab es: Die Schlacht um Stalingrad wurde als Biker-Show inszeniert. Ein martialisches Spektakel, vom Staat mehr als gebilligt, von der Bevölkerung interessiert beobachtet. In diesem Zusammenhang wurden auch die Kinder und das Krokodil aufgebaut.

Aber so sollte das Jahr nicht zu Ende gehen. Zwei Anschläge an zwei Tagen, zuerst auf den Bahnhof, dann auf einen Bus. Nach dem ersten Anschlag wurde die Meldung in den deutschen Newsseiten schnell von Michael Schumachers Skiunfall verdrängt. Nach dem Zweiten Anschlag rückte Wolgograd jedoch mehr in den öffentlichen Fokus. Zumindest scheinbar. Denn nie ging es wirklich um Wolgograd oder die Menschen dort, sondern stets um eine Stadt 1.000 Kilometer entfernt – Sotchi.

Die Stimmung vor den Winterspielen könnte brisanter kaum sein. NGO- Gesetze, Bestimmungen gegen so genannte homosexuelle Propaganda, und nun auch sicherheitspolitische Bedenken. Sind die Athleten und Besucher sicher? Oder werden Terroristen die Spiele direkt attackieren, waren die drei Anschläge in Wolgograd vielleicht nur der Anfang?

In Wolgograd haben die Menschen andere Sorgen. Während Sotchi in eine Festung umgewandelt wird, macht sich langsam ein Gefühl der Unsicherheit breit. Wie so viele Menschen in den russischen Provinzen gibt es auch für die Wolgograder wichtigere Dinge als olympische Spiele. Warum werden Millionen von Rubeln in ein Prestigeobjekt gesteckt, während die Schlaglöcher immer größer werden? Warum verfallen die wenigen historischen Häuser langsam, wenn 1.000 Kilometer weiter aus einer Stadt mit tropischem Klima mithilfe von Kunstschnee ein Wintersportparadies erschaffen wird?

Die Anschläge fanden in Wolgograd statt. Als unbeteiligte, fast schläfrige Stadt wird Wolgograd zur Bühne für Terroristen, und opfert sich unfreiwillig für Sotchi. Für die Weltöffentlichkeit sind Anschläge auf Wolgograd eine Randnotiz, ein Beleg dafür, dass die olympischen Spiele ein Desaster werden könnten, untergraben von Terroristen, die im Kaukasus einen Gottesstaat aufbauen wollen. Für Russland ist es weit mehr. Ein Anschlag auf Wolgograd ist ein Anschlag auf die russische Geschichte. Hier wurde der Große Vaterländische Krieg gewonnen, hier wurden Helden geboren, die sich für die Sowjetunion opferten, hier steht das wichtigste Kriegsdenkmal Russlands.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Präsident Putin, ein Anhänger von Symbolismus, am Neujahrstag mit weißem Kittel über dem Anzug im Wolgograder Krankenhaus Verwundeten die Hand schüttelte. In seiner Neujahrsansprache, die traditionell in jeder Zeitzone in Russland direkt vor Mitternacht ausgestrahlt wird, kündigte der russische Präsident einen Kampf gegen die Terroristen an. Beendet wurde die Ansprache mit entschlossenen „Russland!“- Rufen von ihm und den Umstehenden.

All das ist viel Propaganda. Aber es zeigt auch den Stellenwert, den Wolgograd für den Präsidenten hat. Moskau mag der Kopf Russlands sein. Aber Wolgograd ist Russlands Gedächtnis. Eine Heldenstadt, die ihre Stellung in der Gegenwart noch sucht. In Stalingrad wurden aus Soldaten sowjetische Kriegshelden, in Wolgograd werden aus Konvertiten Gotteskrieger. Beides ist nach völlig verschiedenen, aber gleichsam zweifelhaften Maßstäben Heldentum. Und das hat in Wolgograd schon immer Hochkonjunktur.

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Ein Gedanke zu „Die Heldenstadt

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