Fußball am Rande Europas

Wer ist gerade in der russischen Liga Tabellenführer? Wie heißt die russische Liga überhaupt? Und wen interessiert das egentlich? Ein kleiner Einblick in die russische Fußballwelt und zwei Stadionbesuche in Perm.

(Erstveröffentlichung: www.postausperm.wordpress.com)

Tabellenführer ist meistens entweder Zenit St. Petersburg oder einer der Moskauer Vereine. Diese Clubs aus den beiden Hauptstädten machen meistens die Meisterschaft und die Vergabe der internationalen Plätze untereinander aus, nur selten haben andere Vereine wie Rubin Kasan oder die beiden Vertreter aus Krasnodar eine Chance auf die Europa League. Die russische Liga heißt Premier Liga, die zweite merkwürdigerweise 1. Division. Und zur dritten Frage: Niemanden interessiert es.

Bevor sich herausstellte, dass ich nach Perm gehen würde, hat mich der russische Fußball eher mäßig interessiert. Ab und zu hat mal ein deutscher Verein im Europapokal gegen einen russischen gespielt und meistens auch gewonnen. Irgendwann hat Zenit mal viel zu viel Geld für die Playstation-Legende Hulk ausgegeben, viel mehr wusste ich nicht.

Das änderte sich dann natürlich schlagartig. Gojko Kacar war bei einem Verein namens Tom Tomsk im Gespräch, was fast so bescheuert ist wie Wormatia Worms, die in ihrem Stadion letztes Jahr übrigens eine Wurmplage hatten, und es stellte sich heraus, dass ich bald in einer Stadt namens Perm wohnen würde. Google sagte mir dann, dass es in Perm einen Fußballverein namens Amkar gibt. Gut, dachte ich mir, und ging schon in meiner zweiten Woche in Perm ins Stadion.

Meine tapfere Begleiterin kaufte am Stadion Tickets für 300 Rubel, also um die sieben Euro, und das für die beste Kategorie! Ich berechnete 33 Euro Differenz zu den 40 Euro, die man in Hamburg gut und gerne ausgeben kann – für die zweitschlechteste Kategorie. Vor diesem Hintergrund ist die deutsche Faninitiative „Kein Zwanni für ´nen Stehplatz“ definitiv noch sehr bescheiden.

Das Stadion fasst eigentlich 15.000 Leute. Da das Spiel jedoch an einem Donnerstagabend um 19.00 stattfand, waren nur um die 5.000 Menschen da. Das Problem in Russland ist, dass das Fernsehen die Anstoßzeiten festlegt. Daraus resultiert, dass die Topspiele auch zu den Topzeiten stattfinden, Spiele von Vereinen wie Perm aber zu den unangenehmsten Zeiten angepfiffen werden.

Rostover Fans waren nicht im Stadion. Komisch eigentlich, es sind doch nur 2.041 Kilometer und 26 Stunden mit dem Auto, inklusive einer Fährstrecke. Mit dem Zug geht es sogar noch besser. Man muss nur nach Moskau fahren, was ungefähr 20 Stunden dauert, dort vielleicht ein bisschen Aufenthalt einplanen, dann nach Perm weiterfahren und in weiteren 22 Stunden ist man schon da! Das sollte an einem Donnerstag doch funktionieren!

Das Spiel war besser als ich mir das Niveau der russischen Liga vorgestellt hatte. Beide Mannschaften spielten offensiv, der Ballbesitz wechselte ständig. Amkar schoss ein relativ frühes Tor in der 13. Minute, Torschütze war ein Mann namens Jakubko. Jedenfalls dachten das der Stadionsprecher und ich, offiziell wurde es aber als Eigentor gewertet. Aber was solls, Tor ist Tor. Spätestens in der zweiten Hälfte wurde mir etwas kalt. Dagegen hilft jedoch der Tee, der hier verkauft wird. Viel sinnvoller als im Stadion Bier zu trinken! Als wir das Stadion nach dem Spiel verließen, sah ich das Äquivalent zur Stadionwurst: Sonnenblumenkerne. Die sind sowieso sehr beliebt und werden auch im Stadion in Bechern gekauft. Die Schalen muss man jedoch ausspucken. Mir tun die Putzfrauen sehr leid.

Am Ende war ich ganz positiv gestimmt. Für so wenige Menschen war die Fanunterstützung sehr gut und irgendwie hat so ein kleines Stadion etwas. Auch dass schon in der ersten Halbzeit eine Laola gestartet wurde, und das am Donnerstagabend, bei einem Spiel von Amkar Perm gegen FK Rostow, gefiel mir. Aber die alte Faustregel ist ja: je uninteressanter das Geschehen auf dem Spielfeld ist, desto höher die Laola- Wahrscheinlichkeit. Ich beschloss, beim nächsten Spiel wieder dabeizusein, schließlich geht es da gegen Dynamo Moskau, wo auch Kevin Kurany spielt.

Dieses nächste Spiel lässt jedoch genau einen Monat auf sich warten. Drei Auswärtsspiele und eine Länderspielpause lagen dazwischen. Schließlich ist es aber so weit. Diesmal gehe ich alleine, da jeder Mensch, den ich gefragt habe, abgelehnt hat mit der Begründung: „Es ist doch so kalt!“ oder „Ich mag keinen Fußball“. Weise Entscheidung. Am Tag des Spiels regnet es ununterbrochen. Ich kaufe mir ein Ticket (diesmal für 200 Rubel) und gehe zu meinem Platz direkt neben dem Fanblock. Ich schaue auf meine Sitzschale, teste die Temperatur und die örtliche Feuchtigkeitsrate und beschließe, meinen Platz zu einem Stehplatz zu machen. Ich schaue nach links. Vom Fanblock trennen mich nur ein Zaun, eine Treppe und ein Polizist mit Schlagstock einsatzbereit in der Hand. Er ist jedoch nicht alleine. Für die 100 Menschen im Stehblock sind bestimmt 20 bis 30 Polizisten abkommandiert, die den Block umkreisen. Am Fuße der Treppe steht ein Mann in Zivil, der eine Kamera auf den Fanblock hält. Alles wie in Deutschland also.

Die ersten 10 Minuten des Spiels kriege ich kaum mit, weil ich mir immer wieder vorstelle, dass mir der Polizist, der nur einen halben Meter entfernt von mir ist, jederzeit eins auf die Rübe hauen könnte. Ich entscheide mich, nicht in die Kamera zu winken.

Perm kontrolliert das Spiel weitgehend und schießt folgerichtig in der 23. Minute das erste Tor. Als Reaktion darauf wird eine rote Rauchbombe gezündet. Eindeutig die Kategorie: Ist verboten, sieht aber gut aus. Vor meinem geistigen Ohr höre ich schon den deutschen Kommentator, der über „so genannte Fußballfans“ redet. Im Hintergrund hört man dann immer den Stadionsprecher, der die Fans bittet, „das Zünden von Feuerwerkskörpern zu unterlassen“. Da kein deutscher Kommentator anwesend ist und dem Stadionsprecher das wohl relativ egal ist, passiert nichts. Außer dass die Polizeipräsenz nochmals erhöht wird. Die Polizisten beratschlagen sich konspirativ und schauen dabei in den Block. Der Kamerapolizist wechselt die Perspektive und kann jetzt noch zentraler filmen.

Schon ein paar Minuten später schießt Amkar das zweite Tor. Die Stimmung ist gut, der Vorsänger zieht schon bald sein T- Shirt aus und steht bei 3 Grad mit freiem Oberkörper im Regen. Ein Bengalo wird gezündet. Anschließend kommt ein Mann, den ich für den Einsatzleiter halte (vielleicht ist es aber auch der Innenminister, hier weiß man nie) und redet mit sämtlichen Polizisten. Seine Weisung scheint zu sein: Abwarten, aber gefährlich gucken!

Immer wieder schaue ich auf die Ersatzbank. Da muss doch der Kurany sitzen. Ich weiß, dass er lange verletzt war, jetzt aber wieder fit ist und langsam mehr Spielanteile bekommt. Vorher hatte er noch bei Facebook getönt, dass das wohl die nächsten drei Punkte werden. Im Sturm steht übrigens ein anderer alter Bekannter der Bundesliga: Andrey Voronin.

In der Halbzeitpause verlasse ich meinen Platz nicht, sondern beobachte die Cheerleader. Eigentlich sind es eher Tänzer, denn jeder zappelt einfach für sich alleine herum. Es regnet, die armen Frauen tragen Tops und Röcke und müssen ständig irgendwelche Bodenfiguren auf dem nassen Rasen machen. Am Ende ihrer Performance passiert nichts – niemand klatscht, niemand reagiert. Ich hoffe sehr, dass die Frauen noch etwas Ordentliches gelernt haben.

Die zweite Hälfte verläuft deutlich ausgeglichener, Dynamo bekommt mehr Spielanteile und schießt irgendwann auch ein Tor. Die Fans irritiert das wenig, es werden mehrere Versuche einer Laola gestartet, die allerdings allesamt verpuffen. Der erste Wechsel von Dynamo: Ich hoffe auf Kevin Kurany. Mein Bruder hat mir geraten, ich könne doch ein Nutella- Glas für ihn hochalten. Allerdings wird er nicht eingewechselt. Stattdessen ein Mann namens Dyadyun. Danach Wilkshire, danach Panyukow.

Mittlerweile weiß ich: Kurany saß nicht auf der Ersatzbank. Vielleicht war er auch gar nicht in Perm. Das mit seinen drei Punkten wurde auch nichts. Aber irgendwie mochte ich die Vorstellung, einen ehemaligen Nationalspieler und Nutella-Model zum ersten Mal live zu sehen, und das in Perm. Sehr schade.

Gegen Ende des Spiels fliegen immer wieder Böller Richtung Spielfeld. Gestört hat es niemanden, es blieb beim 2:1.

Als ich in die Straßenbahn nach Hause steige, erlebe ich etwas sehr einprägsames. Ein Mann mit Amkar-Schal und Bierfahne quatscht erst sehr, sehr laut mit sich selber und fängt dann an zu singen. Und das auch gar nicht so schlecht, wie ich finde. Er singt Lieder wie „Hit the road Jack“, „Everything I do – I do it for you“ und viele weitere Schnulzen. Seine Lieder kündigt er immer mit ein paar Worten an und übersetzt die wichtigsten Stellen auf Russisch. Unangenehm wird es immer, wenn die Bahn steht, denn dann ist es totenstill und nur er singt seine Lieder. Nach einiger Zeit kommt die Konduktorin (die Ticketverkäuferin) vorbei, um bei anderen Leuten Geld einzusammeln. Er möchte auch ein Ticket kaufen, obwohl er schon eins hat. Und natürlich verkauft sie ihm eins, ist ja nicht ihre Sache. Währenddessen singt er Angels.

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