Ein fragwürdiger Feiertag

Seit 2005 ist der 4. November in Russland ein gesetzlicher Feiertag, der „Tag der Einheit des Volkes“. Erinnert werden soll dabei offiziell an die Vetreibung polnischer Heere aus Moskau im Jahre 1612. Während die Mehrheit der Bevölkerung sich mit dem eigentlichen Anlass wenig verbunden fühlt, waren es von Beginn an vor allem russische Nationalisten, die diesen Tag für sich entdeckt haben. In mehreren Städten des Landes wird seitdem der sogenannte „Russische Marsch“ veranstaltet. 2013 fand dieser zum ersten Mal auch in Ufa statt.

(Erstveröffentlichung: www.baschkirienheute.de)

Den 4. November hat es in der Geschichte Russlands als Feiertag bereits einmal gegeben – von 1649 bis 1917. Zu dieser Zeit wurde er allerdings bezeichnet als „Tag der Gottesmutter-von-Kasan-Ikone“. Genau diese Ikone soll das Volksheer, dass die polnisch-litauische Besatzung 1612 aus Moskau vertrieb, beim Einmarsch in die Stadt vor sich hergetragen haben. Nach der Revolution haben die Bolschewiken diesen Feiertag abgeschafft und stattdessen den 7. November als Tag der Revolution in den Feiertagskalender aufgenommen. Nach dem Ende der Sowjetunion blieb das Datum zunächst unter anderem Namen als Feiertag bestehen, 2005 wurde er dann aber auf Initiative einiger konservativer Abgeordneter, darunter Wladimir Schirinowski, Vorsitzender der rechtspopulistischen Partei LDPR, in einem Beschluss der Duma durch den 4. November als dem „Tag der Einheit des Volkes“ ersetzt.

Laut Lew Gudkow, dem Leiter des Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum in Moskau, wird er von der Mehrheit der Bevölkerung auch dementsprechend betrachtet, als Versuch, den 7. November aus dem kollektiven Gedächtnis zu streichen, wie er in einem Gespräch mit der Deutschen Welle berichtet. Die meisten Leute sehen darin nur einen weiteren freien Tag, ohne ihn groß von anderen freien Tagen zu unterscheiden und ohne darüber hinaus etwas Besonderes damit zu verbinden. Hingegen haben nationalistische und rechtsextreme Gruppen den Tag von Beginn an als Plattform für sich eingenommen. Auch im Bewusstsein eines großen Teils der Bevölkerung verbindet sich laut Gudkow der 4. November mittlerweile mit dem „Russischen Marsch“.

Bei den Märschen versammelt sich ein breites Spektrum an konservativen, nationalistischen, rechtsradikalen und ultraorthodoxen Gruppen und Bewegungen, Kosakenverbände und Hooligans aus der Fußballszene. Sie demonstrieren für ein „slawisches“ Russland, für die Stärkung der russischen Sprache und Kultur und gegen die Einwanderungspolitk der Regierung, fordern etwa die Visapflicht für Arbeitsmigranten aus Zentralasien und dem Nordkaukasus. Schwarz-gelb-weiße Fahnen des russischen Reichs aus dem 19. Jahrhundert bilden eines der präsentesten Symbole bei den Aufmärschen. Neben Moskau, wo diesmal etwa 8000 Menschen teilgenommen haben, fand der Marsch in über 60 weiteren russischen Städten statt, in geographischer Hinsicht ein Rekord, wenn auch ein zweifelhafter.

Auch in Ufa wurde in diesem Jahr zum ersten Mal ein „Russischer Marsch“ durchgeführt. Aufgerufen haben dazu das lokale Büro der National-Demokratischen Partei (NDP) und verschiedene kleinere Gruppen, darunter eine Bewegung namens „Russkaja Baschkirja“ (Russisches Baschkirien). Bereits im Vorfeld wurde bezweifelt, dass eine Veranstaltung russischer Nationalisten in einer Stadt wie Ufa, die stets das konfliktfreie Zusammenleben ihrer ethnisch stark gemischten Bevölkerungsteile betont, viele Teilnehmer versammeln könne. Gerechnet wurde mit etwa 500 Menschen. Tatsächlich eingefunden haben sich letztendlich weitaus weniger. Die Veranstalter sprechen von 300 Demonstrierenden, aber selbst diese Zahl erscheint eher zweifelhaft. Nach eigenen Schätzungen haben sich nicht mehr als 200 Personen zu der Veranstaltung eingefunden. Wenn man dabei bedenkt, dass die Teilnehmer aus verschiedenen Städten und Regionen Baschkortostans angereist sind, so lässt das immerhin den Eindruck entstehen, dass zumindest organisierte Formen russisch-nationalistischer Bewegungen in der Republik tatsächlich eher eine Randerscheinung bilden

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Der Marsch verlief auf einer Strecke von kaum 2 Kilometern in einem am nördlichen Stadtrand gelegenen Bezirk. Am Vorabend wurden zahlreiche Hauswände entlang des Weges mit Protestlosungen gegen die Veranstaltung der Nationalisten versehen: „Ufa gegen Faschismus“ war dort etwa zu lesen. Nach einer halben Stunde war der eigentliche Marsch bereits beendet. Im Anschlus daran versammelten sich die Teilnehmer zu einer Abschlusskundgebung innerhalb eines von der Polizei abgesperrten und bewachten Bereichs. Nichtteilnehmer wurde davon auf Abstand gehalten.

Am Rande zeigten sich einige wenige Aktivisten der baschkirischen nationalistischen Bewegung „Kuk Bure“ (Himmelswolf), die zuvor in einem offenen Brief verlangt hatten, den Marsch abzusagen. Sie wurden von der Polizei umgehend des Platzes verwiesen. Zu Auseinandersetzungen oder Zusammenstößen kam es weder während, noch nach Beendigung der Veranstaltung.

DSCF8439 Die Forderungen, die während des Marsches und der auch im Laufe der Kundgebung zum Ausdruck gebracht wurden, ensprachen einerseits dem allgemeinen Trend der „Russischen Märsche“ (Visapflicht für Migranten, Anerkennung der ethnischen Russen als staatsbildendes Volk etc.), enthielten aber auch lokale Besonderheiten. So verlangte etwa der Leiter des örtlichen NDP-Büros ein Ende des Seperatismus, der sich seiner Meinung nach in letzter Zeit in der Republik verstärkt habe. „Ein Land – ein Präsident!“ heißt die entprechende Losung. Sie verweist auf eine Initiative zur Durchsetzung des Verbotes, das Oberhaupt eines Subjektes der russischen Föderation als Präsidenten zu bezeichnen. Verlangt wird die Umgestaltung der Russischen Föderation in einen  „Nationalstaat nach europäischem Vorbild“.

Eine weitere zentrale Forderung bildet die Beilegung des nach Ansicht der Organisatoren existierenden „ethnolinguistischen Konfliktes“, der in Baschkortostan und Tatarstan, aber auch in anderen nationalen Republiken herrsche. Man verlangt die russische Sprache nicht nur als Staatssprache anzuerkennen, sondern auch als Muttersprache aller Bürger Russlands, die entsprechend auch von jedem zu beherrschen sei. Gleichzeitig möchte man, wie die Koordinatorin der Gesellschaft „Bildung und russische Sprache in den Schulen Baschkiriens und Russlands“ in ihrem Vortrag während der Kundgebung beonders hervorhob, Baschkirisch als Pflichtfach an den Schulen abzuschaffen: „Es kann nicht sein, dass man russische Schüler dazu zwingt, Baschkirisch zu lernen.“

DSCF8377 Die Lage der ethnischen Russen in den nationalen Republiken wird insgesamt als Diskriminerung empfunden: im Hinblick auf die Beteiligung an der Regierung, in Hinblick auf Zugang zu Hochschulen und Universitäten, als auch in Hinblick auf das historische Gedenken – von einer „Verzerrung russischer Geschichte“ in Baschkirien ist dabei die Rede, von einer „Totschweigetaktik“ (zamaltschiwanie) gegenüber russischen Persönlichkeiten und ihrer Rolle in der Geschichte der Region. Besonders beispielhaft hierfür ist die Forderung, die Bedeutung eines Wojewoden aus dem 18. Jahrhundert als Beschützer der Stadt Ufa offiziell anzuerkennen. Er hat im Pugatschev-Aufstand (1773-1775) auf Seiten der zarischen Armee gegen die Aufständischen gekämpft, zu denen auch die baschkirischen Heere unter Führung Salawat Julaews gehörten, dem Volkshelden der Republik Baschkortostan.

Am Ende drückte man noch seine Solidarität mit den Kameraden in Kasan aus, wo der „Russische Marsch“ von den Behörden nicht gestattet worden war. Für sich selbst haben die Organisatoren den Tag auf ihrem Blog hinterher als Erfolg verbucht, nicht zuletzt, da mehr Teilnehmer erschienen sein, als man anfangs erwartet habe. Man sähe dies als ausreichenden Anlass, den „Russischen Marsch“ auch in Ufa zu einer Tradition zu machen. Bleibt zu hoffen, dass dieses Vorhaben nicht gelingt und sich der Eindruck von der Randständigkeit russisch-nationalistischer Bewegungen in Baschkortostan bestätigt. Eine „russische Renaissance in Baschkirien“, von der im Blog bereits gesprochen wird, dürfte jedenfalls erstmal reines Wunschdenken sein.

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