Vasja und die Stadt der wundervollen Berge

Die Kleinstadt Divnogorsk, circa 25 Kilometer vor den Toren Krasnojarsks gelegen, wurde Ende der 50er-Jahre als Arbeitersiedlung zum Bau der Jenissej-Staumauer gegründet. Heute hat die Stadt nahezu 30.000 Einwohner. Ende der 60er-Jahre wurde das Wasserkraftwerk in Betrieb genommen. Man sagt, seit der Krasnojarsker Stausee (auch liebevoll als Krasnojarsker Meer bezeichnet) angestaut wird, friert der Jenissej in Krasnojarsk im Winter nicht mehr zu. Mein Ausflug in die Stadt, deren Name soviel bedeutet wie „Ort der wundervolle Berge“, wurde bereichert von zwei Vasilijs mit zweierlei Kater und bekam so, rein zufällig, einen ebenso wundervollen, roten Faden.

Für Divnogorsk!

Für Divnogorsk!

(Erstveröffentlichung unter: www.peralo.wordpress.com)

Vasja und der Kater. Teil I.

Noch bis in den Nachmittag hinein startet vom „Brückenvorplatz“ in Krasnojarsk eine Marschrutka nach der anderen nach Divnogorsk, der „Stadt der wundervollen Berge“. Die Busfahrer lassen keine stehenden Fahrgäste zu. Entweder Sitzplatz, oder warten. Auf der Fahrt erklärt sich dann von selbst, warum. Denn da geht es eine dem Jenissej-Ufer folgende Straße entlang, die sich über Serpentinen in die Berge und wieder ins Tal hinab schlängelt. Ich bekomme in der dritten Marschrutka einen Platz, den letzten freien Sitzplatz. Insgesamt gibt es vierzehn Plätze im Fahrgastraum, zwei vorn beim Fahrer. Auf unserer Fahrt gibt es außerdem einen kleinen, grauen, blinden Passagier.

Vasja und der Kater. I.Sofort als ich bezahle, setzt sich der Kleinbus in Bewegung. Noch innerhalb der Stadt, bei scharfen Kurven und abruptem Bremsen, erklingt plötzlich ein klagendes Miauen von einem der hinteren Sitze. Wenige Minuten später springt ein magerer, offensichtlich noch junger Kater mit kurzem, weich schimmerndem, grauen Fell über eine Sitzlehne in den schmalen Gang. Maunzend und mit ängstlichem Blick beäugt er nacheinander jeden einzelnen Fahrgast. Scheinbar beruhigt kehrt er zu seinem neuen Herrchen zurück – einem kleinen, vielleicht sieben Jahre alten Jungen mit starker Brille. Dieser steckt das Katerchen in seine dicke Daunenjacke und bemüht sich, ihn mit Streicheln und gutem Zureden ruhig zu halten.

Die Großmutter des neuen Katervaters zeigt die gesamte Fahrt über deutlichst ihren Unmut über die spontane Tieradoption. Sie sitzt mir gegenüber im vorderen Teil und unterhält mit ihrer Ablehnung den gesamten Fahrgastraum. Einige versuchen zu schlafen, manche lächeln, andere ziehen ernsthafte Gesichter und diskutieren mit Sorgenfalten auf der Stirn über die Jugend und deren fehlendes Verantwortungsbewusstsein. Sie nähmen Tiere stets einfach so auf, hielten sie wie Spielzeug und wärfen sie fort, wenn es ihnen mit ihnen langweilig oder anstrengend werde.

Einem Mädchen wird auf der Fahrt, an einer Haltestelle mitten im Wald, weder Dorf noch Haus weit und breit zu sehen, ihre kleine Schwester in den Bus gegeben . mit den Worten: „Das Geld ist in ihren Taschen.“

Bis zur Endstation, dem Marktplatz Divnogorsks, fährt man, falls staufrei, ungefähr 45 Minuten. Die Fahrt vergeht wie im Fluge.

Kurz vor Divnogorsk klärt sich die Katerfrage: Der Junge hatte unterwegs mit seinen Eltern telefoniert. Er, Vasja, darf das Katerchen behalten. Mit einer großen Ladung eindringlicher Ratschläge zur Tierpflege von Großeltern und Mitreisenden verlässt er mit seinem neuen, tierischen Freund als Erster die Marschrutka.

Unterwegs in Divnogorsk

Vasja und der Kater. Teil II.

Nach einem ausgiebigen Spaziergang durch und um die kleine Arbeiterstadt herum, erwische ich wieder den letzten freien Sitzplatz im Minibus zurück nach Krasnojarsk. Ich setze mich und es geht los. Erneut fahren wir mit einem Vasja. Diesmal ist Vasja circa Ende vierzig, mit tiefen Furchen quer übers kantige Gesicht. Seine großen, hellblauen Augen schauen gelangweilt aus dem Fenster. Sein undefinierter Blick geht über den an seine Schulter gelehnten, blonden Kopf seiner weiblichen Begleitung hinweg in die Umgebung. Vollkommen reg- und ausdruckslos. Sie bittet ihn, ihr eine Bierflasche zu öffnen. Ohne den Blick vom Fenster abzuwenden, kommt er ihrer Bitte nach. Sie nimmt einen kräftigen Schluck. Mit ebenso emotionslosen Augen starrt sie in den Fahrgastraum, von einem Mitreisendem zum nächsten.

Erst als sich der Flascheninhalt seinem Ende neigt, beleben sich sowohl ihre Blicke als auch Zungen. Sie beginnen zu sprechen. Sie versucht immer wieder, ihn zu küssen, umarmt ihn. Er antwortet kein Bisschen auf ihre Annäherungsversuche. Ein richtiges Gespräch entsteht und mündet in eine lautstarke Auseinandersetzung. „Was will denn deine Schwester? Was hat die damit zu tun?“ „Hast du ein Problem mit ihr?“ „Nein, ist mir doch egal, was sie denkt!“ Schweigen für einige Minuten. Sie sucht ihn in süßen, taumelnden Ton zu beschwichtigen: „Lass es uns dann richtig gemütlich machen, wenn wir zuhause sind, ja? Wir könnten…“ Mit ihrem trunkenen – oder vielleicht noch zu nüchternem? – Blick bemüht sie sich um ein zuckersüßes, flirtendes Honiglächeln. „Ach, lass…“ Erneutes Schweigen und zutiefst enttäuschte Blicke. So geht es mit Vasja und seiner Begleitung die ganze Fahrt. Beide wirken stark unter-alkoholisiert. Für Pegeltrinker kommt das einem ordentlichen, ausgewachsenem Kater gleich. Erst als sie erkennen, dass sie fast an ihrer Haltestelle angekommen sind, können sie sich kurz von ihrer zweier Innenwelt lösen. „An der Station Jenissej anhalten!“ Der Fahrer gehorcht. Vasja und seine blonde Begleitung torkeln mit ihren leeren Gesichtern auf die Straße. Fast werfen sie wartende Passanten um in ihrem Schwung beim Aussteigen. Nur fast.

Bis zum „Brückenvorplatz“ sind es nur noch wenige Minuten. Dann hat auch mich der Großstadttrubel wieder. Die Luft ist merklich dicker, dreckiger, tatsächlich stinkiger. Aber der Jenissej windet sich breit und langsam um die vielen Stadtinseln und lässt die Sonne sich in seiner riesigen Oberfläche spiegeln. Ein typischer, wundervoller Herbsttag. Bei -5°C, in der Sonne.

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