Deutschsein in Samara

Noch immer bin ich der Frage auf der Spur, was es mit dieser deutschen Identität an der Wolga auf sich hat. Viele Leute scheinen sich als Deutsche zu verstehen und gleichzeitig als Russen – vielleicht so, wie in den USA auch alle Italiener oder Iren sind. (Merke am Rande: Jeder USA-Vergleich missfällt den Russen, denen ich damit komme, ungemein, und sie protestieren gegen die von mir festgestellten Gemeinsamkeiten obgleich selbst meist noch nie in den USA gewesen. Das betrifft alle möglichen Dinge; die Identitätssache hab ich noch nie jemandem gegenüber erwähnt.) Ähnlich, wie die italienischen Amerikaner meist kein Italienisch können, sprechen die meisten der hier gebliebenen deutschen Russen kein Deutsch. Ihre Geschichten sind trotzdem nicht einfach so zu vergleichen; während und nach der Zeit des Zweiten Weltkriegs haben die Wolgadeutschen, der Kollaboration beschuldigt, großes Leid und Vertreibung erfahren; hunderttausende sind gestorben. Einen sehr aufschlussreichen Film über ihre Geschichte hat der rbb gemacht: Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6

Zurück zu meinen konkreten Samaradeutschen: Sie sind gut in einer Regionalinitiative organisiert: Dem „Deutschen Kulturzentrum Hoffnung“ in der Innenstadt, das Deutschkurse für Russlanddeutsche anbietet und auch Veranstaltungen organisiert. Eine dieser Veranstaltungen war der Ausflug nach Syzran, von dem ich neulich schrieb. Darüber hinaus gibt es eine Weihnachtsveranstaltung, und viel mehr habe ich noch nicht so recht herausbekommen.

Nun soll eine zusätzliche Organisation gegründet werden: Eine städtische Deutschenorganisation. Zur Gründungssitzung war ich als Zuschauerin eingeladen; die städtische Organisation ist zusätzlich zur regionalen Organisation aus projektorganisatorischen Gründen notwendig. Es wurde diskutiert: Neue Leute sollen in den Vorstand, nicht immer dieselben, die sowieso schon aktiv sind. (Fast hätte man blindlings mich nominiert!) Aber das Problem ist: Es engagieren sich hauptsächlich Ältere. Zu den Kursen kommen auch Kinder, aber Leute unter 40 sind rar. Ich weiß nicht, wo die sind. In Deutschland? Oder kein Interesse? Richtige Antworten bekomme ich auf meine Fragen noch nicht, ich glaube, ich bin zu direkt. Mir ist nach wie vor vollkommen unklar, was „deutsch an der Wolga“ eigentlich ist.

(Erstveröffentlichung: www.bloschek.wordpress.com)

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