Syzran: Deutsches in der Kleinstadt

Acht Stunden Kleinbusfahrt für drei Stunden Fest: Das war mein Ausflug mit dem „Zentrum für deutsche Kultur ‚Hoffnung'“ in die Kleinstadt Syzran, die 200 Kilometer westlich von Samara liegt. Das Wetter war Mist, Stau hatten wir auch – aber die Sache hat sich trotzdem gelohnt.

(Erstveröffentlichung: www.bloschek.wordpress.com)

Die Veranstaltung war für mich erst einmal befremdlich, was sie aber natürlich nicht minder interessant machte. Gruppen aus verschiedenen Städten der Wolgaregion waren zu dem Fest der Russlanddeutschen nach Syzran gereist, um Kostüme und Brauchtum ihrer jeweiligen Vorfahren darzubieten. Die Vorfahren: Deutsche, die seit dem 15. Jahrhundert, vor allem aber im 18. Jahrhundert auf den Ruf von Katharina der Großen, in die Wolgaregion gekommen sind. Grob gesagt. Es kamen auch Schweizer, und die Sache ist schon deswegen schwierig, weil es Deutschland so ja gar nicht gab, als diese Schwaben auswanderten. Das Dargebotene: Lieder und vor allem Tänze, die – genau wie die Kostüme – in den meisten Regionen des modernen Deutschlands wohl schlicht als „bayerisch“ abgestempelt würden. Sehr zu Unrecht natürlich.

Was das Liedgut betraf, so kannte ich „Bunt sind schon die Wälder“, die anderen Lieder eher nicht. Es war schon skurril, Leute, die mehrheitlich kaum Deutsch sprechen, zur Melodie von „My Bonnie is over the ocean“ einen Text wie „Heimat, Heimat, wann kohme ich wieder zuriek“ singen zu hören – irgendwo zwischen uralten Dialekten und modernem russischen Akzent.

Genau so stellt sich mir das Deutschtum in Russland auch noch dar: Irgendwie zwischen den Welten. Wer sich sehr deutsch gefühlt hat, ist ja oft in den 1990er Jahren sowieso nach Deutschland ausgewandert. Auch, wer sich russisch gefühlt hat, dabei aber deutsche Wurzeln und die Hoffnung auf ein besseres Leben hatte, kam ja oft in den Westen. Andere sind an der Wolga geblieben und pflegen die Kultur, die ihre Vorfahren mitgebracht haben. Mit diesen Leuten werde ich arbeiten. Aber nicht alle, die sich in den deutschen Zentren engagieren, haben deutsche Wurzeln. Das wird auf jeden Fall ein spannendes Jahr.

Gedanken und Quasi-Fakten zu Identität und Engagement
Nastja, 19, lernt seit zwei Wochen Deutsch, spricht mit mir ständig Englisch, hat keine deutsche Familiengeschichte, tanzt aber in der deutschen Tanzgruppe „Frühlingsblüte“. Warum? Einfach so. Es macht Spaß.
Tanja, Mitte-Ende 20, hat deutsche Vorfahren, kann aber kein Deutsch und sagt mir: Ich bin Russin. Ich bin hier geboren. Wo ein Mensch geboren ist, da ist auch seine Heimat.
Ira, etwa 20, hat deutsche Wurzeln, spricht gut Deutsch und betont: Aber dass dies hier eine Sorte Veranstaltung ist, die eher älteren Täntchen gefällt, ist ja schon klar. Normalerweise leben wir ja nicht so. Und sie fügt hinzu: Euch in Deutschland ist so etwas ja vertrauter.

 

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2 Gedanken zu „Syzran: Deutsches in der Kleinstadt

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