TransSib Moskau-Krasnojarsk: Auf der Fahrt zu den kleineren Birken und einem anderen Verhältnis von Zeit und Raum

Moskau. Jaroslavskij-Bahnhof. 26.08.2013. 0:35. Schnellzug №100. Moskau – Vladivostok. Auf dem Ticket steht: Ferner Osten. 9300km. Meine erste Etappe: Moskau – Krasnojarsk. Ankunft: 29.08.2013, 1:20 örtlicher Zeit. 68h45min. Fast drei Tage. Vier Zeitzonenstunden entfernt. 4106km.

(Erstveröffentlichung unter: www.peralo.wordpress.com)

Startpunkt zum Abenteuer TransSib!

Startpunkt zum Abenteuer TransSib!

Abfahrt.

Alle Plätze im elften Waggon, Platzkartnaja, sind belegt. Viele Familien sind auf Reisen Ende August. Am 1. September beginnt wieder die Schule, Universität usw. Die Sommerferien neigen sich ihrem Ende entgegen. Ohne jede Aufregung fädeln sich alle Fahrgäste ein. Wer gebracht wurde, muss sich nun verabschieden. Der Zug ruckt an und rollt langsam aus dem Bahnhof hinaus. Fahrkarten werden kontrolliert. Bettwäsche wird verteilt. Ohne sich gegenseitig auf die Füße zu treten in den engen Gängen des Großraumschlafwagens richten alle ihre Betten. Einige trinken noch Tee. Andere essen noch etwas. Doch es ist schon so spät, dass nach einer Stunde bereits alle auf ihren Liegen liegen. Ein paar Einzelne stehen noch an den Toiletten an. Mit Zahnbürste und Handtuch in den Händen.

Dieser Fahrtbeginn läuft in reiner Routine ab. Jeder kennt die Rituale, die Technik der Liegen und der Bettwäsche. Eine Stimmung herrscht, ruhig und enspannt, in Erwartung einer langen Fahrt, wie sie für die russische Mentalität doch eigentlich eher untypisch ist. Rücksichtnahme, Hilfestellung, reibungsloser Ablauf. Ein guter Start auf der Fahrt in Richtung Ferner Osten.

„Доброе утро!“

Der erste Morgen.”Guten Morgen!”, begrüßt mich eine Frauenstimme aus dem Abteil nebenan. Draußen scheint die Sonne. Gerade schwebt ein Dorf aus Holzhäusern am Fenster vorbei. Lila. Dunkelblau. Grün. Und ein minzgrünes, kleines Bahnhofsgebäude. Es folgt Wald. Fluss und See in der Ferne. Im Waggon versucht man eine bessere Lösung für meinen riesigen Koffer zu finden. Unter meiner Liege scheint er am Ende dann aber doch am besten aufgehoben zu sein. Der erste Bahnhof: Galitsch. Es ist kurz vor zehn. Man bereitet Frühstück vor. Kauft und kocht Kaffee. Oder Tee. Und liest Zeitungen.

Die erste Bekanntschaft: Masha aus Moskau fährt zu ihrer Familie in den Ural. Sie liest Französischlehrbücher. Arbeitet in einer Vertriebsfirma für Stühle der Firma Glenn. Sie liebt St. Petersburg. Hat sich an den Stress in Moskau gewöhnt. Über Russland sagt sie, es sei ein sehr freies Land. Keine richtige Demokratie. Sondern jeder könne tun und lassen, was er will. Über einen Ohrenkneifer im Waggon hat sie sich erschrocken. Ihr Lieblingsland ist Frankreich. Ihr Freund – Franzose. Sie hofft, rechnet, plant damit, einmal nach Frankreich auszuwandern.

Hinter Sharja beginnt sich das Laub der Bäume zu färben. Es wird herbstlich. Bei kühlen 15°C geht ein Wind, der in den nächsten Monaten noch stärker zu werden verspricht. Die Abendsonne fällt in die Birken an der Bahnstrecke. Hinter ihnen sind immer wieder weite, wilde Lichtungen zu erahnen. Das Laub wird immer bunter.

Kinder, Kinder…

In Kirov wurden viele Abteile neu besetzt. Auch eines direkt neben uns, neben Masha und mir. Eine neue Familie ist zugestiegen, hat die Plätze einer anderen eingenommen. Eine Mutter mit drei Kindern. Der größte Junge, wohl circa acht Jahre alt, kümmert sich liebevoll um die kleine Schwester. Diese ist vielleicht gerade einmal zweieinhalb. Für die Kleine gibt es ein Nachttöpchen direkt zwischen den Liegen. Das dritte Kind, ein Junge von etwa sechs Jahren, ist sehr still, liest und spielt.

Auf der anderen Seite spielen zwei Familien miteinander Uno. Die direkten Nachbarn – Großeltern mit Enkelsohn – essen, trinken Tee und lösen unendlich viele Kreuzworträtsel. Auch Masha macht sich Abendbrot.

Draußen zieht weiter der hohe Birken- und Kiefernwald vorbei. Er scheint kein Ende nehmen zu wollen. In der spätsommerlich-frühherbstlichen Abendsonne glühen Kiefernnadeln und Birkenlaub, Birkenstämme blinken hell. In der Ferne zeichnen sich die ersten Bergrücken am Horizont ab. Hinter uns – ein feuriger Sonnenuntergang. Den Ural werden wir wohl in der Nacht durchfahren.

Masha wurde im abgelegensten Nordosten Sibiriens geboren. Kurz vor Alaska. Nach zehn Jahren zogen ihre Eltern mit ihr in den Ural. Danach ging sie für kurze Zeit nach Novosibirsk. Jetzt lebt sie in Moskau, wo es viel wärmer ist. Trotzdem kann sie mir noch immer moderne Alternativen zu den üblichen, dicken Shuby (Pelzmäntel) empfehlen.

53min an der Sonne und der Schwelle zwischen Europa und Asien

Eine größere Pause am nächsten Vormittag in Jekaterinburg. Masha steigt aus und wird von ihren Verwandten abgeholt. Ihr Kontakt liegt hier neben mir auf dem Schreibtisch. Wir werden uns schreiben. Bei windigen 13°C und strahlendem Sonnenschein kann man sich hier 53 Minuten die Beine vertreten. Einkaufen, spazieren, fotografieren. Sonne tanken. Platz haben. Denn langsam wird man sich der faktischen Enge im Waggon durchaus bewusst. Nicht unbedingt unangenehm. Eher ungewohnt.

Mit meiner mit Einkäufen gefüllten Tasche stehe ich am Bahnsteig. Lache mit der Schaffnerin über die Spatzen, die sich sehr für meine Blintshiki (Eierkuchen) interessieren. Im Geschäft, wo ich die kaufte, besprachen zwei Deutsche das Angebot des kleinen Ladens. Nichts sagte ihnen so richtig zu. Unfreundlich waren sie jedoch nicht. Eher unsicher. Auf dem Bahnsteig kommt ein Mann mit Geldschein in der Hand zu mir: “Was verkaufen Sie?” Ich muss lachen: “Nichts. Ich warte auf die Abfahrt.” Lächelnd und verlegen entschuldigt er sich und geht weiter, zu den wirklichen Verkäuferinnen am Bahnsteig.

Die Abteilnachbarn, Großeltern mit Enkelkind, loben mein Russisch. Die Großmutter hält mich für eine Estin. Dieser Vergleich ist neu für mich. Die Mutter der drei Kinder nebenan hat ein sehr junges Gesicht. Ernst, aber liebevoll ist ihr Blick. Sie kümmert sich. Um alle. Und ist dabei noch nicht einmal laut geworden. Obwohl diese drei sicher nicht leicht zu händeln sind. Ruhig und bestimmt sagt sie: “Не кричи!” – “Schrei nicht!”

Kurze Zeit später – eine Einladung zum Kaffee von der Großmutter im Abteil neben mir: “Nichts zu danken! Als ob es schade drum wäre. Wir sind doch nicht im Krieg!” Nein, wirklich nicht. Mir fallen wieder Mashas Worte dazu ein: “Die russische Seele ist groß. Und je weiter gen Nordosten du kommst, desto offener sind die Menschen!”

Stimmungswechsel.

Ab Tjumen verändert sich das Bild der Mitreisenden. Weniger Familien. Eine größere Männergruppe. Braungebrannt, mit tiefen Furchen im Gesicht. Schlank, muskulös, mit Goldzähnen. Einer von ihnen ist Dermas. Er arbeitet, wie die anderen, im Norden an den Gasleitungen. Sommer wie Winter. Bezahlung : “ничё” – “nicht der Rede Wert”. “Wir bauen und erschließen immer mehr Leitungen für das Gas, sehen es aber gar nicht, sondern verkaufen es sofort. Auch an die Deutschen”, sagt er mit vorwitzigem Grinsen. Er kann es partout nicht verstehen, “was ein Mädchen wie mich nach Sibirien zieht.” Vom übernächsten Abteil aus werde ich nach meinem Namen gefragt. Und nach dem Vatersnamen. Auf meine Antwort “Habe ich nicht.” hin – große Augen. “Ausländerin?” “Ja.” Aber alle bescheinigen mir ein russisches Gesicht und zweifeln mein Deutsch-Sein stark an. Kann mir nur Recht sein. Sich selbst bezeichnen die Jungs laut grölend als “russische Schweine”.

Draußen lichtet sich der Wald. Zum Vorschein kommen wilde Sträucher und wilde Wiesen. Der Himmel zeigt einen Hauch von Unendlichkeit. Am Himmelszelt hängen dünne Wolkenfetzen. Manchmal schieben sich dicke, wattige Seekühe unter der blauen Decke entlang. Die Sicht ist klar. Das Licht schimmert abendlich.

Im Nebenabteil, anstelle der Großeltern mit dem Enkelkind, sitzen nun zwei einzelne Männer, sowie eine Mutter mit fast erwachsener Tochter. In Tjumen haben sie Sohn-Bruder hinterlassen. Auf die Abfahrt hin folgt ein tränenreicher Abschied. Die Tochter kümmert sich liebevoll um ihre Mama. Die Mutter trägt ihr gutes Herz auf der Nase. Sie küssen und kuscheln. Ein schönes, sehr warmes Bild.

Eine junge Frau im nächsten Abteil will ihr Smartphone aufladen. Sie spielt pausenlos Spiele. In unserem Waggon funktionieren die Steckdosen nicht. Auch nicht in den benachbarten Waggons. Sie ruft die Zugbegleiterin und beschwert sich. Dabei redet sie sich immer mehr in Rage, fordert das “Beschwerdebuch” und den Zugleiter zu sprechen. Die junge Schaffnerin ist ratlos und holt eine junge Kollegin hinzu. Und noch einen Kollegen. Sie könne doch nichts für die durchgebrannten Steckdosen. Einen Elektriker habe sie noch nicht holen können. Hinzu kommen nun Beschwerden über staubige Fensterrahmen und fehlendes Teewasser im Nachbarwaggon. Die Beschuldigte ist den Tränen nahe. Sie weiß nicht, was sie dazu noch sagen soll. Das Publikum schaut interessiert. Die Beschwerden werden ins Buch geschrieben. Die Zugleiterin kommt und entschuldigt sich für die studentischen Aushilfen. Sie lenkt das Gespräch allgemein auf Kindererziehung und Familie – das unangefochtene Lieblingsthema der Russen. Nach einer halben Stunde sind sie bei Putins Scheidung angelangt. Die Stimmung ist gerettet. Freundlich verabschiedet sich die Zugleiterin, bespricht sich mit den Studenten. Der Fahrgast fühlt sich ernstgenommen und gut behandelt. Friede, Freude, Blinitshki. Молодец! Gut gemacht! In der anderen Richtung im nächsten Abteil liegt eine Mutter mit ihrer Tochter, vieleicht zehn Jahre alt. Sie liegt in ihr Laken eingewickelt, mit dem Gesicht zur Wand. Gerade noch sprang und kletterte sie fröhlich durch den Waggon. Jetzt schluchzt sie laut und weint ins Kissen.

Der dritte Tag beginnt früh. Nach Moskauer Zeit 5:30. Ortszeit: 8:30. Eine Gruppe von Gasleitungsarbeitern trifft sich, begleitet von einer Stricksachen verkaufenden Babushka (Oma), am Ende des Waggons, zwei Abteile von mir entfernt. Es gibt Frühstück: Fisch, Hühnchen, Brot, Gurken. Bier und Wodka. Die Zugbegleiterin der Nachtschicht, eine resolute Dame in mittleren Jahren, bittet immer wieder um Ruhe. Diese jedoch kehrt erst nach einigen Stopki (Schnappsgläschen) ein.

“Ich bereue nichts!”

Ab Novosibirsk reisen mehr einzelne Personen, Geschäftsleute, und Mütter mit Kindern. Im Großraumschlafwagen wird es ohne der Arbeitergruppe wieder ruhiger. Und als wir die sibirische Hauptstadt verlassen, durchbricht sogar die Sonne wieder den grauen Wolkenfilm. Kleine Birken, weite Wiesen, immer wieder Dörfer mit mehr oder weniger bunten Holzhäuschen. Es ist schwer vorstellbar, wie man hier den langen und harten Winter übersteht.

An der Toilette ergibt sich ein Gespräch mit einer älteren Dame. Jelena. Sie wurde in Jalta, im Süden der heute ukrainischen Insel Krim, geboren. Als Erzieherin zog sie die Arbeit ins sibirische Krasnojarsk. Dort lebt sie jetzt seit 41 Jahren, hat Mann und Kinder dort. “Im Süden, wo ich herkomme, kann man gut Urlaub machen. Aber es gibt keine Arbeit, keine Ausbildungsmöglichkeiten. Ich bin froh, dass ich nach Krasnojarsk gegangen bin”, erzählt sie bereitwillig. Die Menschen seien nicht schlecht dort: “Sie helfen und unterstützen immer, wenn es nötig ist. Ich bereue nichts und bin froh, dass meine Kinder hier aufgewachsen sind.” Das einzige und größte Problem in Krasnojarsk seien die Wohnungen. Es gäbe zu wenige und die seien zu teuer. Ein in vielen Städten bekanntes Problem. “Wenn Sie eine Wohnung haben, ist alles gut. Alles andere ergibt sich dann von selbst.” Dann wird die Toilette frei.

Die letzten zwei Stunden vor der Ankunft in Krasnojarsk sind angebrochen. Bettwäsche und Teeglas abgegeben. Alle Aussteigenden sitzen bereits auf gepackten Koffern. Am späten Abend, wenn gewöhnlich schon alle in ihre Liegen gekrochen wären. Drei Tage Zugfahrt, als wäre die Zeit wie im Fluge vergangen. Eine längere Zeitspanne voller Nichtstun wirkt im Nachhinein erstaunlich kurz. Zählen wir die Zeit also an Resultaten und Aktivitäten? Dann wären es drei sehr leere Tage gewesen. Aber sie waren gut für den Kopf. Ein wenig kann man sich so der tatsächlichen Weite Sibiriens nähern, man bekommt einen Hauch von Gefühl für die Distanzen. Das Verhältnis zwischen Maßeinheiten wie Kilometer oder Stunde bekommen eine neue Bedeutung. Und die Menschlichkeit ist echt. In jedem Verhältnis.

Fazit.

Abrechnung:

4106km. 68h 45min. Auf die Minute pünktlich.

3 Nächte. 4 Zeitzonen.

2 Zugbegleiterinnen und ca. 60Personen je Waggon.

2 Toiletten. 0 Duschen.

2 Pausen > 30min: Jekaterinburg, Novosibirsk

5l Wasser, 2l Saft, 7 Tassen Kaffee.

Unzählbar:

Gedankenspiele. Und…

Birken, Flüsse, Seen, Holzhäuschen, Oberleitungsmasten.

Vokzal Krasnojarsk: Ende gut, alles gut.

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